Trudi und der Koffer-Verräter
Ich packe meinen Koffer. Nur für drei Tage, Besuch bei einer Freundin in Hamburg. Aber Trudi sitzt daneben und schaut mich an, als hätte ich ihr das Herz gebrochen.
Katzen verstehen Koffer. Sie wissen genau, was es bedeutet, wenn diese rechteckigen Feinde auftauchen. Trennung. Verlassenwerden. Verrat.
“Es sind nur drei Tage”, sage ich zu ihr und falte ein T-Shirt zusammen.
Sie miaut. Nicht das normale Miau, sondern ein vorwurfsvolles, trauriges Miau. Sie ist eine Meisterin der emotionalen Erpressung.
Ich packe weiter. Trudi springt in den Koffer und setzt sich zwischen meine Kleider. Ein lebender Protest. Eine pelzige Blockade.
“Du kannst nicht mit”, sage ich. “Du weißt das.”
Sie macht sich schwer, wie nur Katzen das können. Als würde sie aus Blei bestehen. Ich hebe sie heraus, sie springt wieder rein. Ein Spiel, das wir beide nicht gewinnen können.
Schließlich ist der Koffer gepackt, Trudi verdrängt. Sie sitzt daneben und ignoriert mich demonstrativ. Putzt sich die Pfoten, als wäre ich nicht da. Die kalte Schulter in Perfektion.
“Ich komme wieder”, sage ich. “Ganz bestimmt.”
Sie schaut mich nicht an.
Meine Nachbarin Sophie hat sich bereit erklärt, nach Trudi zu schauen. Futter geben, Wasser wechseln, ein bisschen streicheln. “Kein Problem”, hat sie gesagt. “Katzen sind pflegeleicht.”
Aber Trudi ist nicht pflegeleicht, wenn ich weg bin. Sie wird schmollen. Sich verstecken. Das Futter ignorieren. Alle bestrafen für meine Untreue.
Als ich den Koffer zur Tür rolle, folgt sie mir. Nicht um zu protestieren, sondern um zu schauen, ob sie es vielleicht doch noch verhindern kann. Ein letzter verzweifelter Versuch.
“Ich liebe dich”, sage ich zu ihr. “Auch wenn ich weggehe.”
Sie miaut leise. Fast geflüstert. Als würde sie sagen: “Das macht es nicht besser.”
In Hamburg denke ich ständig an sie. Ob sie frisst. Ob sie mit Sophie spielt. Ob sie mich vermisst oder ob sie beleidigt ist. Wahrscheinlich beides.
Nach drei Tagen komme ich zurück. Trudi sitzt auf der Fensterbank und tut, als würde sie mich nicht bemerken. Ich stelle den Koffer ab, setze mich aufs Sofa.
“Ich bin wieder da”, sage ich.
Sie schaut kurz zu mir, dann wieder aus dem Fenster. Die große Ignoranz.
Aber nach einer halben Stunde kommt sie doch. Springt auf meinen Schoß, schnurrt und reibt sich an mir. Vergebung. Katzenvergebung dauert immer etwas.
“Du hast mich vermisst”, sage ich.
Sie schnurrt lauter. Das bedeutet: “Natürlich. Aber das nächste Mal nimmst du mich mit.”
Hier schreibt: Lilo Sommer lebt mit ihrer Katze Trudi in einer alten Stadtwohnung voller Bücher, Teetassen und zerfetzter Sofakissen. Sie liebt Jazz, Weißwein und diese stillen Momente, in denen Trudi schnurrend auf ihrem Bauch entspannt und sie anblinzelt, als wüsste sie alle Antworten auf das Leben, aber ihr trotzdem keine verrät. Wenn sie nicht gerade Trudis Launen deutet oder den nächsten Kissenbezug in Sicherheit bringt, schreibt sie für Deutschlands phantastisches Katzenmagazin Our Cats. (An jedem Kiosk oder im www.minervastore.de. Denn wer mit einer Katze lebt, weiß: Da gibt es immer was zu erzählen.




