Mindful Moments

Urlaub mit Hund – und ohne Erholung

Wie man zu siebt im Kombi nach Italien fährt, obwohl man nur zu fünft ist

Es begann mit einer romantischen Idee. “Wir fahren nach Italien”, verkündete ich beim Frühstück. “Alle zusammen. Familienurlaub. Sonne, Strand, Entspannung.”

Meine Familie sah mich an, als hätte ich vorgeschlagen, gemeinsam zum Mond zu fliegen.

“Alle zusammen?”, fragte Clara skeptisch.

“Alle”, bestätigte ich. “Du, Mats, Mama, ich und…” Ich zögerte. “Gustav.”

Gustav, der seinen Namen gehört hatte, kam angetrottet und wedelte begeistert. Er wusste nicht, worum es ging, aber er war dabei.

“Gustav fährt nicht gern Auto”, gab meine Frau zu bedenken.

“Gustav wird sich daran gewöhnen”, sagte ich optimistisch. “Das wird schön. Qualitätszeit.”

Wie falsch ich lag, merkte ich schon bei der Planung. Urlaub zu viert ist komplex. Urlaub mit Gustav ist eine logistische Meisterleistung, die die D-Day-Landung wie einen Sonntagsausflug aussehen lässt.

Erstens: Hotels. 90 Prozent aller Hotels nehmen keine Hunde. Die anderen 10 Prozent verlangen einen Aufschlag, der teurer ist als ein zweites Zimmer.

“Warum kostet Gustav mehr als Mats?”, fragte ich den Hotelbesitzer am Telefon.

“Ihr Sohn macht vermutlich keine Flecken auf dem Teppich”, antwortete er trocken.

“Sie kennen Mats nicht”, murmelte ich.

Zweitens: Transport. Unser Auto ist für vier Personen gemacht. Gustav zählt als zwei Personen. Nicht wegen seines Gewichts, sondern wegen seines Raumbedarfs. Ein Labrador braucht nicht nur einen Sitzplatz – er braucht ein ganzes Territorium.

“Gustav kann hinten bei den Kindern sitzen”, schlug meine Frau vor.

“Gustav passt nicht hinten bei den Kindern”, widersprach ich. “Gustav passt kaum allein hinten rein.”

Wir probierten verschiedene Konfigurationen aus. Gustav hinten, Kinder vorn – unmöglich, die Kinder saßen auf dem Armaturenbrett. Gustav vorn, alle anderen hinten – Gustav konnte nicht angeschnallt werden und rutschte beim Bremsen nach vorn. Gustav in der Mitte – Gustav hatte keine Mitte, Gustav war überall.

“Wir brauchen einen größeren Wagen”, seufzte meine Frau.

“Oder einen kleineren Hund”, murmelte ich.

Drittens: Gepäck. Für vier Personen, zwei Wochen Italien: vier Koffer. Für Gustav, zwei Wochen Italien: ein Koffer, ein Transportbehälter für Futter, eine Kühlbox für Leckerlis, ein Erste-Hilfe-Set für Hunde, Spielzeug, Decken, und ein spezielles Reisebett.

“Gustav hat mehr Gepäck als wir alle zusammen”, stellte Clara fest.

“Gustav hat besondere Bedürfnisse”, verteidigte ich ihn.

“Ich auch”, sagte Clara. “Ich brauche auch ein Reisebett.”

“Du bist kein Hund.”

“Gustav ist aber auch kein Mensch. Und trotzdem behandelst du ihn wie einen.”

Touché.

Der Reisetag kam. Wir starteten um sechs Uhr morgens, um den Verkehr zu umgehen und rechtzeitig am Gardasee anzukommen. Gustav war aufgeregt. Sehr aufgeregt. So aufgeregt, dass er zwei Stunden vor der Abfahrt anfing, im Kreis zu laufen und zu winseln.

“Er weiß, dass es auf Reisen geht”, sagte meine Frau.

“Woher weiß er das?”

“Die Koffer. Hunde sind klüger, als du denkst.”

Gustav sprang ins Auto, bevor wir fertig gepackt hatten. Er setzte sich auf den Fahrersitz und sah aus, als würde er auf den Autoschlüssel warten.

“Gustav, du fährst nicht”, sagte ich.

Gustav sah mich an, als würde er fragen: “Warum nicht? Ich bin bereit.”

Die ersten hundert Kilometer liefen gut. Gustav lag entspannt auf der Rückbank, die Kinder hörten Musik, meine Frau las Reiseführer. Ich dachte: “Das schaffen wir.”

Dann musste Gustav mal.

“Papa, Gustav wird unruhig”, meldete Mats.

Gustav war mehr als unruhig. Er hechelte, winselte und versuchte, aus dem Fenster zu springen.

“Er muss mal”, diagnostizierte meine Frau.

“Wir sind auf der Autobahn!”, protestierte ich.

“Hunde können nicht warten wie Menschen”, erklärte sie geduldig.

Ich fuhr an der nächsten Raststätte ab. Gustav sprang raus und rannte sofort zu einem Gebüsch. Mission erfüllt.

“15-Minuten-Pause für Gustav”, verkündete ich.

Diese “15-Minuten-Pause” wiederholte sich alle zwei Stunden. Aus einer achtstündigen Fahrt wurden zwölf Stunden.

“Wir sind langsamer als zu Fuß”, murmelte ich irgendwann.

“Aber Gustav ist glücklich”, sagte Mats.

Gustav war tatsächlich glücklich. Bei jeder Pause erkundete er aufgeregt die neue Umgebung, als wäre jede Raststätte ein Abenteuerland.

Am Gardasee angekommen, stellten wir fest: Unser “hundefreundliches” Hotel war hundefreundlich wie ein Gefängnis gastfreundlich ist. Gustav durfte nicht ins Restaurant, nicht an den Pool, nicht in die Lobby. Praktisch durfte er nur im Zimmer sein.

“Wofür zahlen wir den Hunde-Aufschlag?”, fragte ich die Rezeptionistin.

“Für die Erlaubnis, den Hund im Zimmer zu haben”, sagte sie.

“Das ist alles?”

“Das ist viel”, sagte sie bestimmt.

Unser Zimmer war für vier Personen ausgelegt. Mit Gustav fühlte es sich an wie eine Telefonzelle für fünf Erwachsene. Gustav nahm nicht nur physischen Platz ein – er nahm auch emotionalen Raum. Ständig wollte jemand wissen, wo Gustav war, was Gustav machte, ob Gustav sich wohlfühlte.

“Gustav ist der neue Mittelpunkt der Familie”, stellte Clara fest.

“Gustav war schon immer der Mittelpunkt”, korrigierte meine Frau.

Am Strand war Gustav in seinem Element. Er liebte das Wasser – nicht zum Schwimmen, sondern zum Trinken. Salzwasser. Literweise.

“Gustav, das ist nicht gesund!”, rief ich.

Gustav ignorierte mich und trank weiter. Eine Stunde später hatte er Durchfall. Auf dem Hotelteppich.

“Das kostet extra”, sagte die Rezeptionistin am nächsten Morgen.

“Wie viel extra?”

“50 Euro Reinigungsgebühr.”

“Für einen Fleck?”

“Für einen Hundefleck.”

Am dritten Tag passten wir uns an. Wir gingen früh am Strand spazieren, wenn Gustav seine Ruhe haben konnte. Wir aßen in Restaurants mit Terrassen, wo Gustav willkommen war. Wir verbrachten die heißen Nachmittage im klimatisierten Zimmer, weil Gustav nicht überhitzen sollte.

“Das ist kein Familienurlaub”, sagte Clara. “Das ist Gustav-Urlaub mit Publikum.”

Sie hatte nicht unrecht. Aber Gustav war so glücklich, dass es ansteckend war. Er planschte im See, rannte am Strand, entdeckte neue Gerüche und wedelte permanent mit dem Schwanz.

“Schau ihn dir an”, sagte meine Frau. “Er hat den besten Urlaub seines Lebens.”

“Und wir?”

“Wir haben einen unvergesslichen Urlaub.”

Am Ende der Woche waren wir alle erschöpft. Nicht von der Entspannung, sondern von Gustav-Management. Aber als ich die Fotos anschaute, waren es die schönsten Familienfotos, die wir je gemacht hatten.

Gustav im Sonnenuntergang am See. Gustav mit den Kindern beim Sandburgen-Bauen. Gustav, der friedlich unter unserem Sonnenschirm liegt, während wir alle um ihn herum gruppiert sind.

“Weißt du was?”, sagte ich zu meiner Frau auf der Rückfahrt. “Nächstes Jahr fahren wir wieder nach Italien.”

“Mit Gustav?”

“Natürlich mit Gustav. Aber diesmal nehmen wir einen Wohnwagen.”

“Warum?”

“Mehr Platz. Gustav braucht sein eigenes Zimmer.”

Gustav, der das Gespräch verfolgt hatte, wedelte zustimmend. Seine Art zu sagen: “Endlich versteht ihr, was ich brauche.”

Heute, drei Wochen später, plane ich schon den nächsten Urlaub. Diesmal mit einem Wohnwagen, der groß genug ist für eine vierköpfige Familie und einen Labrador mit Ansprüchen.

“Du planst schon wieder?”, fragte meine Frau.

“Gustav braucht Urlaub”, sagte ich. “Er arbeitet das ganze Jahr hart.”

“Als was arbeitet Gustav?”

“Als Familienmittelpunkt. Das ist ein Vollzeitjob.”

Gustav wedelte stolz. Er wusste, dass er unverzichtbar war.

Benno Böhmer lebt mit seiner Familie und Gustav in einer Reihenhaussiedlung, wo Gustav bereits den nächsten Familienurlaub plant – diesmal mit noch mehr Platz für seine speziellen Bedürfnisse. Außerdem schreibt er für die Hundewelt, Deutschlands traditionsreichstem Hundemagazin – wobei Gustav vermutlich der Meinung ist, dass er dort viel zu selten auf dem Cover erscheint. Ihr findet die Hundewelt an jedem Kiosk oder im www.minervastore.de

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