Hund in der Badewanne – Kind im Baumhaus
Warum Gustav wasserscheu ist, aber nicht vor Matsch zurückschreckt
Es gibt Tage, die beginnen mit einer einfachen Frage und enden mit existenziellen Erkenntnissen über die Widersprüche des Lebens. Letzte Woche war so ein Tag. Die Frage kam von meiner Frau: “Kannst du Gustav baden? Er riecht wie ein Komposthaufen.”
Ich schnüffelte an Gustav. Sie hatte recht. Gustav roch nicht nur wie ein Komposthaufen – er roch wie ein Komposthaufen, der sich mit einer Kläranlage angefreundet und danach in einem Fischgeschäft übernachtet hatte.
“Wie wird man so dreckig?”, fragte ich ihn.
Gustav wedelte fröhlich. Seine Art zu sagen: “Mit Talent und Hingabe.”
Das Problem war: Gustav und Wasser waren wie ich und Montage – eine theoretisch notwendige, aber praktisch unmögliche Kombination.
“Gustav mag kein Wasser”, erklärte ich meiner Frau.
“Gustav liegt jeden Sommer freiwillig in der Matschepfütze hinterm Haus”, konterte sie. “Stundenlang.”
Stimmt. Gustav liebte Matsch. Er rollte sich darin wie andere Hunde in Gras. Er wälzte sich darin, als wäre es ein Luxus-Spa. Aber sauberes Wasser? Das war des Teufels.
“Das ist was anderes”, verteidigte ich Gustav. “Matsch ist… natürlich.”
“Und eine Badewanne ist unnatürlich?”
“Für Gustav schon.”
Ich wusste das, weil wir es schon versucht hatten. Mehrmals. Gustav behandelte jede Badewanne wie einen Folterapparat. Sobald er Wasser plätschern hörte, verschwand er. Nicht weglaufen – verschwinden. Wie ein Magier, nur weniger elegant und mit mehr Panik.
“Diesmal machen wir es anders”, verkündete meine Frau. “Strategisch.”
Sie holte Leckerlis, Spielzeug und eine große Portion Optimismus. Ich holte alte Handtücher und stellte mich mental auf eine Wasserschlacht ein.
Gustav lag friedlich in seinem Körbchen und ahnte nichts. Ich ging zu ihm und sagte beiläufig: “Gustav, Lust auf… äh… eine Überraschung?”
Gustav hob den Kopf. Seine Augen wurden schmal. Gustav kennt den Ton von “Überraschungen”. Meistens bedeuten sie Tierarzt, Krallenschneiden oder andere Dinge, die er für völlig überflüssig hält.
“Komm mit”, sagte ich und ging Richtung Badezimmer.
Gustav folgte mir. Langsam. Misstrauisch. Wie ein Gefangener, der zum Verhör geführt wird.
Als er das laufende Wasser hörte, stoppte er abrupt. Seine Ohren legten sich zurück. Sein Schwanz hörte auf zu wedeln. Sein Blick sagte: “Das ist eine Falle.”
“Gustav”, sagte ich beruhigend, “das ist nur Wasser. Warmes, schönes Wasser.”
Gustav sah mich an, als hätte ich “warme, schöne Lava” gesagt.
Phase 1: Verführung. Meine Frau streute Leckerlis um die Badewanne. Gustav kam näher, schnappte sich die Leckerlis und verschwand wieder.
Phase 2: Bestechung. Ich hielt sein Lieblingsspielzeug ins Wasser. Gustav betrachtete es wie ein Archäologe ein interessantes Fundstück – aus sicherer Entfernung.
Phase 3: List. Wir taten so, als würden wir selbst baden wollen. “Oh, wie schön warm das Wasser ist!”, schwärmte meine Frau und hielt die Hand hinein.
Gustav war nicht überzeugt. Er kannte uns. Wir badeten normalerweise nicht gemeinsam um 3 Uhr nachmittags.
Phase 4: Verzweiflung. Ich hob Gustav hoch und trug ihn zur Badewanne.
Das war der Moment, in dem Gustav zum Houdini wurde. Ich weiß nicht, wie er es schaffte, aber plötzlich war er nicht mehr in meinen Armen. Stattdessen hing er irgendwie an der Decke. Okay, nicht an der Decke, aber es sah so aus. Er hatte alle vier Pfoten gegen den Türrahmen gestemmt und sich in eine Art Hundespinne verwandelt.
“Wie macht er das?”, fragte meine Frau fasziniert.
“Reine Panik”, vermutete ich.
Währenddessen hörten wir draußen Mats rufen: “Mama! Papa! Ich komm nicht mehr runter!”
Meine Frau und ich sahen uns an. Gustav hing immer noch am Türrahmen wie ein pelziger Supermann.
“Was ist los?”, rief ich aus dem Fenster.
“Ich bin im Baumhaus!”, schrie Mats zurück. “Die Leiter ist umgefallen!”
Ich sah hinaus. Mats saß in drei Meter Höhe in seinem Baumhaus und sah ziemlich unglücklich aus. Die Leiter lag tatsächlich im Gras.
“Komm runter!”, rief ich.
“Geht nicht! Ist zu hoch!”
Gustav, der Mats’ Rufe gehört hatte, entspannte sich plötzlich. Er ließ sich vom Türrahmen fallen und rannte zum Fenster.
“Gustav will helfen”, stellte meine Frau fest.
“Gustav will ablenken”, korrigierte ich.
Aber es funktionierte. Wir mussten das Baden verschieben und uns um Mats kümmern.
Draußen stellten wir die Leiter wieder auf. Mats kletterte dankbar herunter.
“Warum bist du überhaupt ins Baumhaus?”, fragte ich.
“Ich hab Gustav gehört”, sagte Mats. “Er hat so komisch gejault.”
Wir sahen zu Gustav. Gustav sah unschuldig zurück.
“Gustav hat dich gerufen?”, fragte meine Frau.
“Er wollte Hilfe”, sagte Mats überzeugt. “Er hat gewusst, dass ich oben festsitze.”
Das war Quatsch. Gustav war im Badezimmer gewesen, nicht draußen. Aber Mats schien fest davon überzeugt zu sein, dass Gustav ihn gerettet hatte.
“Gustav ist ein Held!”, verkündete Mats.
Gustav wedelte bescheiden. Seine Art zu sagen: “Ach, das war nichts.”
Am späten Nachmittag regnete es. Stark. Gustav stand vor der Terrassentür und beobachtete das Schauspiel.
“Schau mal”, sagte meine Frau, “Gustav mag den Regen nicht.”
Stimmt. Gustav hasste Regen. Sobald es tropfte, weigerte er sich, nach draußen zu gehen.
Dann hörte es auf zu regnen. Gustav rannte sofort raus – direkt in die größte Matschpfütze, die der Regen hinterlassen hatte.
“Siehst du das?”, sagte ich zu meiner Frau. “Er hasst sauberes Wasser, aber liebt schmutziges Wasser.”
“Wie Mats”, sagte sie nachdenklich.
“Wie bitte?”
“Mats hasst es, sich zu waschen. Aber er spielt stundenlang im Sandkasten.”
Sie hatte recht. Mats und Gustav hatten die gleiche Philosophie: Sauberkeit war überbewertet, Dreck war ein Abenteuer.
“Und Clara?”, fragte ich.
“Clara duscht eine Stunde, schminkt sich perfekt – und dann geht sie zum Volleyballtraining und wird wieder dreckig.”
Ich beobachtete Gustav, der sich genüsslich in der Matschpfütze wälzte. Dann sah ich zu Mats, der fasziniert zuschaute.
“Vielleicht”, sagte ich, “verstehen die beiden etwas, was wir nicht verstehen.”
“Was denn?”
“Dass Dreck ehrlich ist. Badewannen sind… künstlich.”
Gustav stand auf, tropfend vor Matsch, und schüttelte sich. Überall spritzten braune Tropfen.
“Gustav!”, rief meine Frau. “Jetzt musst du erst recht baden!”
Gustav sah sie an und rannte weg. Nicht panisch – fröhlich. Als würde er sagen: “Das war der Plan!”
Eine Stunde später fingen wir ihn und trugen ihn ins Badezimmer. Diesmal ohne Widerstand. Er war so dreckig, dass selbst er einsah: Es gab kein Zurück mehr.
Das Bad verlief erstaunlich friedlich. Gustav stand geduldig in der Wanne und ließ alles über sich ergehen. Als wäre er erschöpft von seinem Matsch-Marathon.
“Siehst du?”, sagte meine Frau. “Gar nicht so schlimm.”
Gustav sah aus wie ein nasser Teddybär. Sauber, aber unglücklich.
Am nächsten Tag regnete es wieder. Gustav weigerte sich, raus zu gehen. Mats fragte: “Warum mag Gustav keinen Regen, aber gestern hat er sich in Matsch gewälzt?”
“Weil Gustav ein Philosoph ist”, sagte ich. “Er mag das Wasser, das er sich selbst aussucht.”
“Wie ich”, sagte Mats stolz. “Ich mag auch nur das Wasser, das ich mir selbst aussuche.”
“Welches Wasser suchst du dir aus?”, fragte meine Frau skeptisch.
“Das im Planschbecken”, sagte Mats. “Und das in Pfützen.”
Gustav wedelte zustimmend. Endlich jemand, der ihn verstand.
Benno Böhmer lebt mit seiner Familie und Gustav in einer Reihenhaussiedlung, wo Gustav und Mats eine Allianz gegen organisierte Sauberkeit gebildet haben – mit wechselndem Erfolg. Außerdem schreibt er für die Hundewelt, Deutschlands traditionsreichstem Hundemagazin – wobei Gustav vermutlich der Meinung ist, dass er dort viel zu selten auf dem Cover erscheint. Ihr findet die Hundewelt an jedem Kiosk oder im www.minervastore.de




