Mindful Moments

Papa, der Hund hat den Staubsauger gefressen!

Kleine Katastrophen im Alltag und große Augenblicke zum Lachen

Es gibt Sätze, die man als Familienvater niemals hören möchte. “Papa, ich hab dein Auto verkratzt” ist einer davon. “Papa, die Katze der Nachbarn ist schwanger” ist ein anderer. Aber der Satz, der mich letzte Woche aus dem Sessel katapultiert hat, war: “Papa, der Hund hat den Staubsauger gefressen!”

Mats stand im Wohnzimmer und sah aus, als hätte er gerade eine Naturkatastrophe beobachtet. Gustav lag friedlich in seinem Körbchen und wedelte unschuldig mit dem Schwanz.

“Wie bitte?”, fragte ich und hoffte, dass ich mich verhört hatte.

“Gustav hat den Staubsauger gefressen!”, wiederholte Mats mit der Dramatik eines Nachrichtensprechers, der das Ende der Welt verkündet.

Ich sah zu Gustav. Gustav ist groß, aber nicht so groß. Ein ganzer Staubsauger schien selbst für einen Labrador mit überentwickeltem Appetit etwas ambitioniert.

“Mats”, sagte ich geduldig, “Hunde können keine Staubsauger fressen. Das ist physikalisch unmöglich.”

“Komm mit!”, rief Mats und zog mich in Richtung Flur. “Ich zeig’s dir!”

Was ich im Flur sah, ließ mich an physikalischen Gesetzen zweifeln. Unser Staubsauger – ein stolzer, roter Bosch-Staubsauger mit 2000 Watt Leistung – sah aus, als hätte er eine Begegnung mit einem Schredderwolf gehabt.

Das Saugrohr war verbogen. Der Schlauch hing in Fetzen herunter. Und aus der Düse quoll etwas, das aussah wie… Hundehaare. Sehr viele Hundehaare. Gepaart mit Katzenstreu, Brotkrümeln und etwas, was mal ein Socken gewesen sein könnte.

“Siehst du?”, sagte Mats anklagend. “Gefressen!”

Ich starrte auf die Überreste unseres Haushaltsgeräts. “Das ist nicht gefressen”, korrigierte ich. “Das ist… explodiert.”

“Von innen!”, bestätigte Mats. “Weil Gustav zu viel war!”

Ich untersuchte das Tatort-ähnliche Szenario genauer. Der Staubsauger war nicht kaputt – er war überfüllt. So überfüllt, dass sein ganzes System kollabiert war. Wie ein Computer, der zu viele Programme gleichzeitig ausführen soll.

“Wo ist Gustav?”, fragte ich misstrauisch.

“Im Wohnzimmer”, sagte Mats. “Er sieht traurig aus.”

Traurig war untertrieben. Gustav lag in seinem Körbchen und sah aus wie ein Hund, der weiß, dass er etwas Schlimmes getan hat, aber nicht genau versteht was.

“Gustav”, sagte ich streng. “Was hast du gemacht?”

Gustav wedelte vorsichtig. Sein Blick sagte: “Ich war das nicht. Ich war die ganze Zeit hier.”

Meine Frau kam dazu und betrachtete die Szene. “Was ist passiert?”

“Papa sagt, Gustav hat den Staubsauger nicht gefressen”, berichtete Mats. “Aber er ist trotzdem kaputt.”

Meine Frau ging zum Flur, sah die Bescherung und kam zurück. “Wie zur Hölle schafft es ein Hund, einen Staubsauger zu… das?”

“Gute Frage”, murmelte ich.

Clara kam die Treppe runter und blieb stehen. “Warum liegt Gustav im Körbchen wie ein Verbrecher?”

“Weil er den Staubsauger gefressen hat!”, erklärte Mats.

“Hunde können keine Staubsauger fressen”, sagte Clara mit der Autorität einer 13-Jährigen, die alles besser weiß.

“Dann erklär du mir das!”, sagte Mats und zeigte in Richtung Flur.

Clara ging schauen und kam kopfschüttelnd zurück. “Okay, das ist weird.”

Ich beschloss, der Sache wissenschaftlich auf den Grund zu gehen. “Wer hat zuletzt gestaubsaugt?”

Stille.

“Jemand muss gestaubsaugt haben”, insistierte ich. “Staubsauger explodieren nicht von allein.”

“Ich hab gestern gestaubsaugt”, gestand meine Frau. “Gustav hat dabei zugeschaut.”

“Und?”

“Er fand es sehr interessant. Er ist dem Staubsauger gefolgt wie ein Detektiv.”

Ah. Das ergab mehr Sinn. Gustav und Technik waren schon immer eine explosive Kombination.

“Was ist danach passiert?”, fragte ich.

“Ich hab den Staubsauger in den Flur gestellt”, sagte meine Frau. “Und bin duschen gegangen.”

“Und Gustav?”

“Gustav war… ich dachte, er wäre in seinem Körbchen.”

Wir sahen alle zu Gustav. Gustav sah weg. Schuldig.

Ich rekonstruierte das Verbrechen: Gustav war allein mit dem Staubsauger. Der Staubsauger roch nach all den interessanten Dingen, die er aufgesaugt hatte. Gustav beschloss, eine Qualitätskontrolle durchzuführen.

“Gustav”, sagte ich. “Hast du versucht, den Staubsauger von innen zu erforschen?”

Gustav wedelte vorsichtig. Seine Art zu sagen: “Vielleicht?”

“Er ist reingesteckt?”, fragte Clara ungläubig.

Ich untersuchte Gustav genauer. Sein Kopf war normal groß. Sein Hals auch. Aber an seinem Halsband hing etwas Graues. Staubsaugerschlauch-Grau.

“Gustav”, sagte ich langsam, “du bist mit dem Kopf in den Staubsauger?”

Gustav legte sich hin und versteckte den Kopf unter den Pfoten. Das universelle Signal für: “Ich möchte nicht darüber reden.”

“Das erklärt alles!”, rief meine Frau. “Er ist mit dem Kopf rein, hat sich erschreckt, ist zurückgezogen und dabei ist alles kaputt gegangen!”

Plötzlich ergab die Szene im Flur Sinn. Gustav hatte nicht den Staubsauger gefressen – er hatte versucht, den Staubsauger zu fressen und dabei eine Panikattacke bekommen.

“Armer Gustav”, sagte Mats mitleidig. “War er gefangen?”

“Kurz”, vermutete ich. “Und dann hat er sich in Panik befreit.”

Gustav hob den Kopf und sah uns an. Sein Blick sagte: “Es war dunkel da drin. Und es hat komisch gerochen.”

“Und jetzt?”, fragte Clara praktisch. “Haben wir keinen Staubsauger mehr?”

Ich ging zurück zum Tatort und untersuchte die Überreste. Der Motor war okay. Der Hauptkörper auch. Nur Schlauch und Düse hatten Gustavs Befreiungsaktion nicht überlebt.

“Neue Teile”, verkündete ich. “Kostet vielleicht 50 Euro.”

“Oder”, sagte meine Frau grinsend, “wir lassen Gustav weiter staubsaugen. Er war ziemlich gründlich.”

Tatsächlich: Der Flur sah blitzsauber aus. Gustav hatte in seiner Panik offenbar mehr Dreck erfasst als der Staubsauger normalerweise schafft.

“Gustav der Staubsauger-Hund”, sagte Mats begeistert. “Das ist cool!”

Gustav wedelte. Endlich wurde sein Einsatz gewürdigt.

Am nächsten Tag kaufte ich neue Staubsaugerteile. Der Verkäufer fragte: “Was ist denn mit den alten passiert?”

“Mein Hund hat sie gefressen”, sagte ich.

Er lachte. “Guter Scherz.”

“Kein Scherz”, sagte ich. “Labrador.”

“Ah”, sagte er verstehend. “Dann brauchen Sie auch die Haustierbürste. Und vielleicht eine Ersatzgarnitur.”

Zuhause baute ich den Staubsauger wieder zusammen. Gustav beobachtete jeden Schritt misstrauisch.

“Keine Sorge”, sagte ich zu ihm. “Diesmal bleibst du weg davon.”

Beim ersten Test funktionierte alles perfekt. Gustav versteckte sich sicherheitshalber im Schlafzimmer.

“Papa”, sagte Mats, “erzählst du die Geschichte auf Claras Geburtstagsparty?”

“Welche Geschichte?”

“Wie Gustav den Staubsauger gefressen hat!”

“Gustav hat ihn nicht gefressen”, korrigierte ich automatisch.

“Aber das klingt langweiliger”, fand Mats.

Er hatte recht. Die Wahrheit war komplizierter, aber weniger dramatisch. “Gustav hat den Staubsauger gefressen” war eine bessere Geschichte als “Gustav hat sich aus Versehen im Staubsauger verfangen und in Panik alles kaputt gemacht”.

“Also gut”, sagte ich. “Gustav hat den Staubsauger gefressen.”

Gustav wedelte stolz. Seine Art zu sagen: “Endlich eine Version, die mich heroisch aussehen lässt.”

Heute, drei Wochen später, ist “Gustav hat den Staubsauger gefressen” eine Familienlegende geworden. Jeder, der zu Besuch kommt, bekommt die Geschichte erzählt. Mit jedem Mal wird sie dramatischer.

“Gustav ist ein Staubsauger-Killer”, sagt Mats stolz zu seinen Freunden.

Das ist nicht ganz richtig, aber es ist eine gute Geschichte. Und manchmal sind gute Geschichten wichtiger als die Wahrheit.

Gustav liegt in seinem Körbchen und genießt seinen Ruf als Haushaltsgeräte-Bezwinger. Er weiß nicht, dass er berühmt ist. Er weiß nur, dass alle nett zu ihm sind und dass niemand mehr vom Staubsauger erwartet, dass er in seiner Nähe funktioniert.

Das ist okay. Jeder braucht ein Hobby. Gustav sammelt jetzt Staubsauger-Geschichten.

Benno Böhmer lebt mit seiner Familie und Gustav in einer Reihenhaussiedlung, wo Gustav als Staubsauger-Legende gilt – auch wenn die Wahrheit etwas weniger heldenhaft ist. Außerdem schreibt er für die Hundewelt, Deutschlands traditionsreichstem Hundemagazin – wobei Gustav vermutlich der Meinung ist, dass er dort viel zu selten auf dem Cover erscheint. Ihr findet die Hundewelt an jedem Kiosk oder im www.minervastore.de

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