Mindful Moments

Radikale Rhetorik: Mit diesem Wort machst du dich unwichtig und klein!

“Ich hätte eigentlich eine Frage.” “Ich sehe das eigentlich anders.” “Das ist eigentlich nicht meine Aufgabe.” “Ich wollte eigentlich heute früher gehen.”

Liest du diese Sätze mal laut? Hör genau hin, wie sie klingen. In jedem von ihnen sitzt ein kleines Wort, das deinen Satz schon halbiert hat, bevor du ihn überhaupt zu Ende gesagt hast. Du hast eine Frage. Aber eben nur eigentlich. Du siehst es anders. Aber eben nur eigentlich. Es ist nicht deine Aufgabe. Aber eben nur eigentlich.

Was bleibt da von deiner Aussage übrig? Wenig. Du hast Position bezogen und dich gleichzeitig vor dieser Position weggeduckt. Du hast etwas gesagt und es im gleichen Atemzug zurückgenommen. Heute geht es um genau dieses Wörtchen. Acht Buchstaben, mit denen du dir jeden Tag selbst die Luft aus den Reifen lässt.

Was “eigentlich” rhetorisch tut

In der Sprachwissenschaft heißt “eigentlich” eine Modalpartikel. Das sind kleine Wörter, die einer Aussage nichts an Information hinzufügen, dafür aber sehr viel an Haltung. Sie verraten, wie du zu dem stehst, was du sagst. Sie sind Codes, die deinem Gegenüber anzeigen, wie etwas gemeint ist.

“Eigentlich” hat dabei eine ganz spezielle Funktion. Es signalisiert: Was ich jetzt sage, ist die Wahrheit, aber sie passt gerade nicht so richtig in die Situation. Es sind eigentlich zwei Botschaften in einem Wort: Die Sache ist so. Und gleichzeitig: Ich bin überrascht, dass ich das jetzt sagen muss, ich entschuldige mich quasi schon dafür, dass die Sache so ist.

Das ist im Kern eine Höflichkeit. Sie macht Sinn in vielen Alltagssituationen. “Eigentlich wollte ich heute keinen Kuchen essen, aber er sieht zu gut aus” ist ein charmantes Eingeständnis. Das Wort hat hier seinen Platz. Wir reden in dieser Folge nicht von diesem “eigentlich”. Wir reden von dem anderen.

Das “eigentlich”, das dir selbst schadet

In jedem Rhetoriktraining steht “eigentlich” weit oben auf der Liste der sogenannten Weichmacher. Weichmacher sind Wörter, die alles, was sie umgeben, verwässern. Sie nehmen Aussagen die Kraft. Sie machen aus klaren Botschaften nebliges Geraune. Coaches, die mit Führungskräften und Sprecherinnen arbeiten, benennen “eigentlich” sehr konsequent als eines der Wörter, die kompetente Frauen am schnellsten kleiner machen, als sie sind.

Schau dir die Beispiele vom Anfang noch einmal an. Setze in jedem Satz das “eigentlich” weg. Hör, was übrig bleibt.

“Ich habe eine Frage.” – Klare Aussage, klare Berechtigung. “Ich sehe das anders.” – Position bezogen, ohne Wenn und Aber. “Das ist nicht meine Aufgabe.” – Grenze gezogen, klar formuliert. “Ich wollte heute früher gehen.” – Wunsch geäußert, offen ausgesprochen.

Und jetzt setze das “eigentlich” wieder rein.

“Ich hätte eigentlich eine Frage.” – Klingt, als müsstest du dich entschuldigen, dass du sie hast. “Ich sehe das eigentlich anders.” – Klingt, als würdest du dich gleich umstimmen lassen. “Das ist eigentlich nicht meine Aufgabe.” – Klingt, als würdest du sie trotzdem machen. “Ich wollte eigentlich heute früher gehen.” – Klingt, als wäre dein Wunsch verhandelbar.

In jedem Fall stehst du nach dem “eigentlich” einen Schritt weiter weg von deiner eigenen Aussage. Das Wort schiebt dich von deinem Anliegen ab. Es zeigt deinem Gegenüber: Ich bin mir selbst nicht sicher, ob das, was ich gerade sage, eine wirklich gute Idee ist. Bitte fühl dich eingeladen, mich umzustimmen.

Was bei deinem Gegenüber ankommt

Sprache ist immer auch Beziehung. Wenn du ein “eigentlich” in deinen Satz baust, hört dein Gegenüber nicht nur den Inhalt. Es hört auch deine Haltung dazu. Und diese Haltung lautet bei “eigentlich” sehr oft: Ich melde mich, aber bitte tu mir nichts. Ich nehme Raum ein, aber bitte nur so wenig wie möglich. Ich sage etwas, aber bitte erwarte nicht, dass ich dazu stehe.

Das ist nicht höflich. Das ist Selbstabwertung in Höflichkeitsverpackung. Und sie hat zwei Konsequenzen, die für dich beide ungünstig sind.

Konsequenz eins: Dein Anliegen wird nicht ernst genommen. Wer einen Antrag mit “ich hätte eigentlich” einleitet, hat schon vor der Antwort signalisiert, dass es nicht so wild wäre, wenn er abgelehnt würde. Genau das passiert dann oft auch. Du hast nicht gesagt, was du brauchst. Du hast gesagt, dass du dich entschuldigst, etwas zu brauchen.

Konsequenz zwei: Du wirst als weniger kompetent wahrgenommen. Klare Sprache klingt überzeugend. Eingeschränkte Sprache klingt unsicher. Wer in Meetings dauernd “eigentlich” sagt, gilt nicht als feinfühlig, sondern als nicht ganz bei der Sache. Das ist unfair, aber so funktioniert die Wahrnehmung. Frauen kostet das oft Karrierepunkte, die sie sich verdient hätten, ohne es zu merken.

Warum vor allem Frauen “eigentlich” sagen

Es ist kein Zufall, dass Frauen in Rhetorikseminaren häufiger mit “eigentlich” zu kämpfen haben als Männer. Das hat mit Erziehung zu tun, mit gelernten Höflichkeitsmustern, mit der über Generationen vermittelten Botschaft, sich nicht zu wichtig zu nehmen. Mädchen werden früh dazu erzogen, ihre Aussagen abzufedern. Niemand soll sich angegriffen fühlen. Niemand soll denken, du wärst zu fordernd. Alles soll bitte sanft und versöhnlich klingen.

Das war als Überlebensstrategie früher vielleicht klug. Heute, in einer Welt, in der du in Verhandlungen, Meetings, Elternabenden und Arztgesprächen klar deine Position vertreten musst, ist es ein Bremsklotz. Du verhandelst dein Gehalt mit “Ich hätte eigentlich gedacht, dass eine Erhöhung möglich wäre” und wunderst dich, dass die Erhöhung nicht kommt. Du sagst der Ärztin “Ich sehe das eigentlich anders” und wunderst dich, dass deine Bedenken weggewischt werden. Du erklärst deinem Mann “Das ist eigentlich nicht mein Job” und wunderst dich, dass es trotzdem deiner bleibt.

Es ist nicht deine Schuld, dass du so sprichst. Es ist gelernt. Aber du kannst es verlernen.

Der Tausch: streich “eigentlich” – und steh zu deinem Satz

Die Übung in dieser Folge ist die radikalste der ganzen Reihe. Sie tut beim ersten Mal weh. Sie funktioniert trotzdem oder gerade deshalb.

Du nimmst das Wort “eigentlich” aus jedem Satz raus, in dem es nichts zu suchen hat. Du sagst stattdessen den Satz so, wie er ohne Weichmacher klingt. Du wirst feststellen: Dein Satz wird kürzer. Klarer. Lauter. Und dein erster Impuls wird sein, ein anderes Weichmacher-Wort hinterherzuschieben, um die Klarheit wieder zu entschärfen. “Vielleicht”, “nur”, “wenn das geht”. Lass es. Übe, den Satz zu Ende zu sagen, ohne ihn nachträglich zu polstern.

Beispiele aus dem Alltag:

“Ich hätte eigentlich eine Frage.” → “Ich habe eine Frage.” “Eigentlich wollte ich noch sagen, dass mir das wichtig ist.” → “Mir ist das wichtig.” “Das ist eigentlich mein Wochenende.” → “Das ist mein Wochenende.” “Ich wäre eigentlich gern dabei gewesen.” → “Ich wäre gern dabei gewesen.” (Konjunktiv ist hier sinnvoll, weil es um Vergangenes geht. Aber das “eigentlich” macht ihn weicher, als er sein müsste.) “Ich finde eigentlich, dass du dich entschuldigen solltest.” → “Ich finde, du solltest dich entschuldigen.”

Spürst du, was passiert? Du klingst wie eine Frau, die weiß, was sie meint. Weil du das auch bist.

Wenn “eigentlich” wirklich passt

Eine kurze, faire Differenzierung. Es gibt Momente, in denen “eigentlich” eine echte Funktion erfüllt, weil es einen tatsächlichen Kontrast markiert.

“Eigentlich gehe ich nie ins Kino, aber heute mache ich eine Ausnahme.” Hier benennt “eigentlich” einen ehrlichen Widerspruch zwischen Regel und Ausnahme. Das ist legitim. Es entwertet deine Aussage nicht, sondern strukturiert sie.

“Eigentlich heißt das anders.” Hier korrigiert “eigentlich” sachlich. Auch okay.

Die Frage ist immer: Steht das “eigentlich” in deinem Satz, um etwas zu klären, oder um dich zu verstecken? Wenn es dich versteckt, gehört es weg. Wenn es etwas erklärt, darf es bleiben. Die Antwort findest du im eigenen Bauch. Wenn du nach dem “eigentlich” das Bedürfnis hast, dich noch ein wenig kleiner zu machen, hast du den falschen Modus erwischt.

Eine Übung für die nächsten sieben Tage

Lass dich von einer Vertrauten beobachten oder, noch besser, nimm dich selbst eine Stunde lang heimlich auf, während du am Telefon bist. Zähl, wie oft du “eigentlich” sagst. Wahrscheinlich wirst du erschrocken sein. Frauen, die diese Übung machen, kommen auf zehn bis zwanzig “eigentlichs” pro halbe Stunde. Manchmal mehr.

Mach es dir bewusst. Hör dich selbst. Und dann fang an, das Wort dort zu streichen, wo es dich verkleidet. Du musst nicht plötzlich blaffen. Du wirst nicht zur unhöflichen Frau, wenn du das “eigentlich” weglässt. Im Gegenteil. Du wirst zur Frau, die das, was sie sagt, auch meint. Das ist das Höchste, was Sprache leisten kann.

Die größere Wahrheit

Es geht beim “eigentlich” nicht um ein einzelnes Wort. Es geht um eine Haltung. Du darfst Position beziehen, ohne dich dafür zu entschuldigen. Du darfst eine Bitte aussprechen, ohne dich gleichzeitig dafür kleinzumachen. Du darfst eine andere Meinung haben, ohne sie schon im Sagen wieder einzukassieren.

Wenn du diese Haltung in deine Sprache lässt, verändert sich nicht nur deine Sprache. Es verändert sich das Bild, das andere von dir haben. Und langsam, vielleicht etwas langsamer, auch das Bild, das du von dir selbst hast.

Mach dich nicht länger klein. Strahle!

“Eigentlich” ist das Wort, mit dem du dich selbst entkräftest, bevor jemand anders es tut. Es macht deine Aussagen weich, deine Bitten verhandelbar und deine Position unsichtbar. Streich es aus den Sätzen, in denen es nichts klärt, sondern dich nur kleiner macht. Stell dich hin und sag, was du meinst. Ohne Polster. Ohne Vorabentschuldigung. Ohne den Versuch, schon im Sagen wieder einen Schritt zurückzutreten.

Du wirst staunen, wie schnell sich das Echo verändert, das du auf deine Worte bekommst. Andere reagieren auf Klarheit anders als auf Geraune. Sie nehmen dich ernster. Sie diskutieren mit dir. Sie behandeln dich wie jemanden, der weiß, was sie will. Genau weil du genau das geworden bist.

In der nächsten Folge nehmen wir uns das Wort “nur” vor. Das Wort, mit dem du dich klein machst, wenn du dich vorstellst. “Ich bin nur Hausfrau.” “Ich bin nur Sachbearbeiterin.” “Ich wollte nur kurz fragen.” Spoileralarm: Das “nur” gehört im allermeisten Fall weg. Bis dahin: höre dir zu. Und gönn dir jeden Satz, den du ganz und ungekürzt sagst.


Julia Klimt schreibt psychologisch fundiert über die Themen, die uns Frauen in der Lebensmitte beschäftigen. Sie weiß: Wer ihre Sprache verändert, verändert ihren Stand in der Welt. Manchmal schneller, als sie denkt.

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