Mindful Moments

Trudi und die anderen Katzen

Vor dem Haus hat sich eine kleine Katzengemeinschaft gebildet. Streuner, die von den Nachbarn gefüttert werden. Ein rotgetigerter Kater, eine schwarz-weiße Kätzin, ein graues Jungtier. Trudi beobachtet sie vom Fenster aus mit einer Mischung aus Neugier und Eifersucht.

“Das sind andere Katzen”, erkläre ich ihr. “Wie du, aber… anders.”

Sie presst die Nase an die Scheibe und macht kleine Laute. Nicht das normale Miauen, sondern etwas Gutturales, Ursprüngliches. Katzisch. Eine Sprache, die ich nicht verstehe.

Der rote Kater schaut hinauf zu unserem Fenster. Für einen Moment schauen sich die beiden an, Trudi und er. Ein stummer Dialog zwischen Katzen. Dann geht er weiter, unbeeindruckt.

Trudi ist beleidigt.

Sie hatte Kontakt aufgenommen, und er hat sie ignoriert. Das kränkt ihre Katzeneitelkeit.

“Er kennt dich nicht”, tröste ich sie. “Du bist die Prinzessin im Turm.”

Aber Trudi will keine Prinzessin sein. Sie will Teil der Gemeinschaft sein. Sie will wissen, wie es ist, draußen zu leben, mit anderen Katzen zu sprechen, zu jagen, zu streiten, zu lieben.

Am nächsten Tag steht sie wieder am Fenster. Die schwarz-weiße Kätzin liegt in der Sonne auf dem Bürgersteig. Trudi miaut leise, fast flüsternd. Die andere Katze hebt den Kopf, schaut hinauf, miaut zurück.

Ein Gespräch. Kurz, aber echt.

“Siehst du?”, sage ich zu Trudi. “Sie hat geantwortet.”

Trudi schnurrt. Sie ist glücklich. Sie ist nicht allein auf der Welt. Es gibt andere wie sie.

Aber dann denke ich: Bin ich egoistisch? Halte ich Trudi gefangen in dieser Wohnung? Beraubt sie eines Lebens, das natürlicher wäre?

Ich öffne die Balkontür. Nur einen Spalt. “Willst du raus?”, frage ich.

Trudi geht bis zur Schwelle. Schnüffelt. Die Welt draußen riecht nach Freiheit, nach anderen Katzen, nach Abenteuer. Aber auch nach Gefahr, nach Ungewissheit, nach Angst.

Sie schaut mich an. Dann geht sie zurück ins Zimmer, springt auf ihr Lieblingskissen und macht es sich bequem.

“Du hast dich entschieden”, sage ich zu ihr.

Sie schnurrt und schaut wieder aus dem Fenster. Zu den anderen Katzen, die ihre Artgenossen sind, aber nicht ihre Familie. Sie ist eine Katze zwischen den Welten. Wild genug, um zu verstehen. Zahm genug, um zu bleiben.

Manchmal ist das Beobachten schöner als das Erleben. Manchmal ist Sicherheit wichtiger als Abenteuer. Manchmal ist Liebe wichtiger als Freiheit.

Hier schreibt: Lilo Sommer lebt mit ihrer Katze Trudi in einer alten Stadtwohnung voller Bücher, Teetassen und zerfetzter Sofakissen. Sie liebt Jazz, Weißwein und diese stillen Momente, in denen Trudi schnurrend auf ihrem Bauch entspannt und sie anblinzelt, als wüsste sie alle Antworten auf das Leben, aber ihr trotzdem keine verrät. Wenn sie nicht gerade Trudis Launen deutet oder den nächsten Kissenbezug in Sicherheit bringt, schreibt sie für Deutschlands phantastisches Katzenmagazin Our Cats. (An jedem Kiosk oder im www.minervastore.de. Denn wer mit einer Katze lebt, weiß: Da gibt es immer was zu erzählen.

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