Mindful Moments

Trudi und die Nacht

Drei Uhr morgens. Ich wache auf, weil etwas auf meinem Bett herumtrampelt. Trudi. Sie läuft über meine Beine, springt auf den Nachttisch, wieder runter, wieder hoch. Ihre Augen leuchten in der Dunkelheit wie zwei kleine grüne Lampen.

“Trudi”, murmle ich schlaftrunken. “Was ist los?”

Sie miaut. Nicht das sanfte Miau vom Tag, sondern etwas anderes. Wilder. Ursprünglicher. Als würde sie mit der Nacht sprechen, nicht mit mir.

Ich kenne das. Manchmal, wenn alle schlafen, wird sie zu dem, was sie eigentlich ist: eine kleine Raubkatze. Dann jagt sie Schatten, die nur sie sehen kann. Kämpft mit Monstern, die nur in ihrer Fantasie existieren. Wird zu dem Wolf, der in ihr steckt.

Ich stehe auf und schaue ihr zu. Sie rennt durch die Wohnung, springt auf Regale, versteckt sich hinter Vorhängen. Ihre Bewegungen sind fließend, elegant, wild. So anders als die verschlafene Hauskatze, die tagsüber auf meinem Schoß döst.

“Du bist ein Nachttier”, sage ich zu ihr. “Eigentlich solltest du jetzt auf der Jagd sein.”

Sie bleibt stehen, schaut mich an. Für einen Moment sehe ich etwas in ihren Augen, das mich erschreckt. Etwas Wildes, Ungebändigtes. Etwas, das nicht in diese Wohnung voller Bücher und Teetassen gehört.

Dann ist es wieder weg. Sie kommt zu mir, reibt sich an meinem Bein, miaut sanft. Die Hauskatze ist zurück.

Ich trage sie ins Bett, sie kuschelt sich an mich. Aber ich kann nicht mehr schlafen. Ich denke daran, wie wenig wir manchmal voneinander wissen. Wie sehr wir alle, auch die Menschen, verschiedene Gesichter haben. Das Tagesgesicht und das Nachtgesicht. Das zahme und das wilde.

Draußen ist es still.

Nur der Wind rauscht in den Bäumen. Trudi schnurrt leise, aber ich spüre, wie sie wach bleibt. Wie sie lauscht. Wie sie wartet auf etwas, das nur sie hören kann.

Vielleicht ist das der Grund, warum ich Katzen liebe. Weil sie ehrlich sind. Weil sie zeigen, dass in uns allen etwas Wildes steckt. Etwas, das nicht zahm werden will. Etwas, das in der Nacht erwacht und lebt.

Hier schreibt: Lilo Sommer lebt mit ihrer Katze Trudi in einer alten Stadtwohnung voller Bücher, Teetassen und zerfetzter Sofakissen. Sie liebt Jazz, Weißwein und diese stillen Momente, in denen Trudi schnurrend auf ihrem Bauch entspannt und sie anblinzelt, als wüsste sie alle Antworten auf das Leben, aber ihr trotzdem keine verrät. Wenn sie nicht gerade Trudis Launen deutet oder den nächsten Kissenbezug in Sicherheit bringt, schreibt sie für Deutschlands phantastisches Katzenmagazin Our Cats. (An jedem Kiosk oder im www.minervastore.de. Denn wer mit einer Katze lebt, weiß: Da gibt es immer was zu erzählen.

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