Du bist nicht zu empfindlich: Warum manche Menschen Stress im ganzen Körper spüren
“Stell dich nicht so an” oder “Andere haben ganz andere Probleme” gehören zu den Sätzen, die Menschen mit hoher Stressanfälligkeit ihr Leben lang hören. Als wäre die eigene Reaktion eine Charakterschwäche, die sich mit genug Disziplin einfach abstellen ließe. Eine aktuelle Studie des Zentralinstituts für Seelische Gesundheit (ZI) in Mannheim zeigt, warum dieser Vorwurf an der Sache vorbeigeht.
Es ist keine Kopfsache allein
Lange galt die Amygdala als der Ort im Gehirn, an dem sich entscheidet, wer ängstlich und schnell gestresst ist und wer gelassen bleibt. Die neue Untersuchung unter Leitung von Dr. Maurizio Sicorello zeigt etwas anderes: Wer stärker auf Stress reagiert, hat kein überaktives Angstzentrum. Der Unterschied liegt vielmehr in Hirnnetzwerken, die verarbeiten, wie sich der eigene Körper anfühlt, wie Bewegung gesteuert wird und wie die Umgebung visuell wahrgenommen wird.
Das ist mehr als eine technische Randnotiz. Es bedeutet, dass Stressanfälligkeit tief mit dem Körpergefühl verwoben ist, mit dem, wie jemand die eigene Anspannung, den eigenen Herzschlag, die eigene Erschöpfung spürt und einordnet. Wer schnell gestresst reagiert, nimmt seinen Körper offenbar anders wahr als jemand, dem Stress kaum etwas anzuhaben scheint. Das ist keine Schwäche. Das ist eine andere Art der Wahrnehmung.
Warum das die Selbstvorwürfe entkräftet
Viele Menschen mit hoher Stressanfälligkeit machen sich genau dafür Vorwürfe: dass sie zu viel spüren, zu schnell aus der Ruhe geraten, zu lange brauchen, um sich zu beruhigen. Diese Selbstkritik setzt voraus, dass es eine bewusste Entscheidung wäre, so zu reagieren, ein Wille, der einfach nicht stark genug ist. Die Studie zeigt das Gegenteil. Es sind verteilte Netzwerke im Gehirn, die Körperwahrnehmung, Bewegung und Sehen miteinander verknüpfen, keine Frage von Charakterstärke.
Wichtig ist dabei auch, was die Forschenden nicht behaupten. Neurotizismus als Ganzes, also die allgemeine Neigung zu Sorgen, Angst oder gedrückter Stimmung, ließ sich aus der Hirnaktivität nicht zuverlässig vorhersagen. Nur ein Teilbereich, die Stressanfälligkeit im engeren Sinn, zeigte einen messbaren, wenn auch begrenzten Zusammenhang mit diesen Netzwerken. Auch das nimmt Druck aus der Situation: Es gibt kein einzelnes Gehirnmerkmal, das über “richtig” oder “falsch” empfindende Menschen entscheidet.
Was das für den Umgang mit dir selbst bedeutet
Wenn Stressanfälligkeit so eng mit Körperwahrnehmung und Bewegung verbunden ist, dann liegt darin auch eine leise Ermutigung. Der Weg zu mehr innerer Ruhe führt offenbar nicht in erster Linie über mentale Willenskraft, sondern über den Körper selbst: über bewusstes Spüren, über Bewegung, über alles, was die eigene Körperwahrnehmung stärkt und beruhigt, ohne dass man dabei gegen sich selbst ankämpfen muss.
Vielleicht ist das die eigentliche Botschaft dieser Studie: Wer schnell gestresst ist, hat kein schwaches Nervenkostüm, sondern ein Gehirn, das seinen Körper besonders aufmerksam liest. Das verdient keinen Vorwurf. Das verdient einen freundlicheren Umgang mit sich selbst.
Originalpublikation: Sicorello, M., Gianaros, P.J., Wright, A. et al. The functional neurobiology of dispositions towards negative emotions. Nature Communications 17, 5622 (2026).
Hinweis: Dieser Artikel ordnet aktuelle Forschungsergebnisse ein und ersetzt keine psychotherapeutische Diagnostik oder Behandlung. Bei starker, andauernder Stressbelastung oder Angst lohnt sich der Weg zu einer Ärztin, einem Arzt oder einer Psychotherapeutin beziehungsweise einem Psychotherapeuten.




