Mindful Moments

Wissenschaft bestätigt: Die Verzweifeltsten riechen am besten

Manchmal denke ich, die Natur hat einen ziemlich schwarzen Humor. Da lese ich neulich etwas über Gottesanbeterinnen, ihr wisst schon, diese anmutig wirkenden Insekten mit den gefalteten Händchen, die so fromm aussehen, als würden sie permanent für den Weltfrieden beten. Von wegen! Diese Damen haben es faustdick hinter den Fühlern.

Hamburger Forscher haben nämlich herausgefunden, dass die unterernährten Weibchen ihre Männchen schamlos belügen. Mit Pheromonen – also quasi ihrem Parfum – gaukeln sie den armen Kerlen vor, sie seien die Traumfrau schlechthin: fit, gesund, fortpflanzungsfähig. In Wahrheit aber sind sie in schlechter körperlicher Verfassung und haben nur eines im Sinn: den Mann nicht nur zu verführen, sondern anschließend auch noch aufzufressen. 68 Prozent der Männchen fallen darauf herein und entscheiden sich für diese täuschenden Weibchen. Das Liebesspiel endet für sie dann vier Mal öfter tödlich als bei gut genährten Weibchen. Und ich dachte schon, meine Tinder-Erfahrungen wären traumatisch gewesen!

Angelockt und ausgesaugt

Aber im Ernst: Ist das nicht verblüffend ähnlich zu dem, was wir Menschen manchmal auch machen? Wie oft habe ich Frauen erlebt – mich selbst eingeschlossen –, die sich in der schlechtesten Phase ihres Lebens besonders verzweifelt auf Männerjagd begeben haben. Frisch getrennt, pleite, emotional am Ende, aber mit dem perfekten Profil auf allen Dating-Apps. Filter hier, Lüge da, und schon wird aus der weinenden Heulsuse von gestern die geheimnisvolle Sirene von heute. Aber umgekehrt geht das auch! Aus dem bei Mama wohnenden Mittvierziger mit schwindendem Haaransatz wird dann der unangepasste Outlaw mit Cowboy-Hut.

Manches klingt zu gut, um wahr zu sein

Aber immerhin fressen wir uns nicht gegenseitig auf, jedenfalls nicht physisch. Aber manche können uns emotional aussaugen, bis nichts mehr von uns übrig ist. Besonders dann, wenn sie selbst am Hungertuch nagen – sei es finanziell, emotional oder spirituell. Wie oft passiert das auch uns? Wir riechen das teure Parfum, sehen die perfekt inszenierten Instagram-Posts und vergessen dabei völlig, auf unser Bauchgefühl zu hören. Dass da jemand verzweifelt ist, bedürftig, vielleicht sogar gefährlich.

Die Forscherin Laura Knapwerth spricht von „gegensätzlichen Interessen” zwischen den Geschlechtern. Ach, wirklich? Wer hätte das gedacht! Während er nur schnellen Sex will, plant sie bereits die Hochzeit. Während sie Sicherheit sucht, sehnt er sich nach Freiheit. Während sie emotional investiert, checkt er schon wieder andere Frauen ab. Die ewige Komödie der Geschlechter – nur dass es bei den Gottesanbeterinnen gelegentlich mit einem Todesfall endet. Vielleicht sollten wir alle mal ehrlicher mit unseren Pheromonen umgehen. Statt zu verführen, wenn wir selbst am Boden sind, sollten wir uns erst einmal um uns selbst kümmern. Uns „gut nähren”, wie die Forscher es ausdrücken würden. Und sollten lernen, dass ein Duft, der zu gut ist, um wahr zu sein, möglicherweise auch nicht wahr ist. In diesem Sinne: Lasst uns alle ein bisschen weniger Gottesanbeterin sein und ein bisschen mehr Mensch.

Eure Marlene

P.S.: Falls ihr demnächst ein Date habt und eure Verabredung verdächtig viel über die eigene „schwere Zeit” redet, während sie gleichzeitig unwiderstehlich riecht – rennt! Evolutionsbiologisch gesehen könnte das euer Leben retten.

Marlene Sommer übersetzt komplizierte Forschungsergebnisse in unterhaltsame Kolumnen, die zeigen, dass die Natur oft absurder ist als jede Dating-App. Nach ihrer eigenen chaotischen Scheidung vor drei Jahren hat sie ein besonderes Gespür für die Abgründe zwischenmenschlicher Beziehungen entwickelt.

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