Mindful Moments

Ihr streitet über Zahnpasta. Und meint eigentlich: Sieh mich!

Wenn aus Gesprächen Schlachtfelder werden – Teil 2

Von Friederike Sommer

Letzte Woche haben wir über Zahnpasta gestritten.

Nicht über welche Zahnpasta – da bin ich leidenschaftslos –, sondern über die Tube an sich. Genauer gesagt: über das ewige, erschöpfende Thema „von hinten aufrollen oder vorne quetschen?“
Er: Quetscher.
Ich: Strukturierter Typ. Mit System und Prinzipien.

Es war spät. Ich war müde. Und dann lag sie da, wie eine plattgeknutschte Wurst – mitten auf dem Waschbeckenrand. Und ich? Ich explodierte. Kein bisschen elegant. Kein bisschen fair. Dafür maximal dramatisch: „Wenn du mich wirklich lieben würdest, würdest du die Zahnpasta ordentlich ausdrücken!“

Ja. Ich habe das gesagt. Und sofort gemerkt, dass es nicht um Zahnpasta ging.

Der Müll, das Licht, der Ton – alles nur Platzhalter

Denn in Wahrheit streiten wir nie über das, worum es angeblich geht. Nicht über Müll. Nicht über die Fernbedienung. Nicht über das Wohnzimmerlicht, das angeblich „ein bisschen gemütlicher“ sein soll, aber in Wirklichkeit einfach fahl und traurig ist.

Es geht um etwas Tieferes. Es geht darum, gesehen zu werden. Gehört zu werden. Und manchmal auch: in Ruhe gelassen zu werden.

Aber weil wir das nicht sagen – weil „Ich wünsche mir mehr Nähe“ irgendwie viel schwerer über die Lippen geht als „Du lässt immer überall deine Socken liegen!“ – streiten wir über Symptome statt über Sehnsucht.

Mein Streit-Tagebuch (eine traurige Komödie in drei Akten)

Aus einer Mischung aus Trotz, Verzweiflung und pädagogischer Neugier habe ich angefangen, ein kleines Streit-Tagebuch zu führen. Nur drei Spalten:

  1. Worüber gestritten
  2. Wie gefühlt
  3. Was eigentlich gebraucht?

Nach drei Tagen – ja, drei Tagen! – hatte ich meinen ersten Aha-Moment:
Es ging fast nie um das, worüber wir gesprochen haben. Aber fast immer um das Gefühl, nicht gesehen, nicht gehört oder nicht gewürdigt zu werden.

Die Zahnpasta war der Auslöser. Aber das Gefühl dahinter war: Ich sehe alles. Ich kümmere mich. Ich halte den Laden zusammen. Und keiner merkt’s.

Das Problem: Wir bestellen beim falschen Lieferservice

Wir erwarten Nähe – aber äußern Kritik.
Wir wünschen uns Unterstützung – aber verteilen Vorwürfe.
Wir sehnen uns nach Sicherheit – aber klingen wie ein Kündigungsgespräch.

Und dann wundern wir uns, dass das, was wir bekommen, nicht das ist, was wir eigentlich brauchen.

Die Lösung? Na ja… reden. Aber richtig.

Sich verletzlich zu zeigen, ist schwer. Es fühlt sich an wie nackig sein bei Neonlicht. Aber es ist auch das Einzige, was funktioniert.

Also habe ich geübt. Statt: „Du interessierst dich eh nicht für mich“, habe ich gesagt: „Ich habe das Bedürfnis, mich dir näher zu fühlen.“
Er hat mich angeschaut, als hätte ich gerade einen Volkshochschulkurs in Beziehungskommunikation besucht (was nicht ganz falsch ist). Aber dann hat er genickt. Und mich in den Arm genommen.

Und ich dachte: Aha. Geht doch.


Mein Tipp: Schreib’s dir auf.

Nicht für Instagram. Für dich. Ein Zettel, ein Stift, ein bisschen Ehrlichkeit. Und dann schau hin: Was brauchst du wirklich, wenn du über Zahnpasta, Müll oder Wohnzimmerlampen streitest?

Vielleicht geht’s dir wie mir. Und du merkst: Unter all dem Alltagskram liegt ein kleiner, unsichtbarer Satz:
„Bitte sieh mich.“


In Teil 3:
Warum „Wir müssen reden“ der mieseste Einstieg aller Zeiten ist

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