Trudi und der Frühjahrsputz
Ich putze. Einmal im Jahr überfällt mich diese Manie, und dann muss alles raus: Bücher werden neu sortiert, Schränke ausgewischt, Vorhänge gewaschen. Trudi sitzt auf dem Küchentisch und beobachtet mich mit einer Mischung aus Faszination und Entsetzen.
“Ihr Menschen”, scheint ihr Blick zu sagen, “seid wirklich seltsame Wesen.”
Sie hat recht. Katzen putzen sich täglich, aber sie kämen nie auf die Idee, ihre ganze Umgebung umzukrempeln. Trudi leckt sich die Pfoten, putzt sich die Ohren, und fertig. Elegant, effizient, ohne Drama.
Ich hingegen stehe hier mit Staubwedel und Putzlappen und kämpfe gegen Staubmäuse, die sich in den Ecken verstecken. Richtige Mäuse würde Trudi jagen. Staubmäuse interessieren sie nicht.
“Hilfst du mir nicht?” frage ich sie.
Sie gähnt. Das ist ihre Antwort.
Ich putze weiter. Finde dabei Dinge, die ich längst verloren geglaubt hatte: einen Ohrring, ein Foto von meiner Mutter, einen Brief von einem Freund aus Berlin. Und überall: Katzenhaare. Auf den Büchern, in den Schubladen, sogar in der Zuckerdose.
“Trudi”, sage ich, “du haarst aber auch überall hin.”
Sie schnurrt. Als wollte sie sagen: “Natürlich. Ich markiere mein Revier.”
Und plötzlich verstehe ich: Das ist es. Diese Haare sind nicht Dreck, sondern Liebe. Jedes einzelne Haar ist ein kleines Zeichen dafür, dass sie hier war, dass sie hier lebt, dass sie hier zu Hause ist.
Ich sauge sie trotzdem weg. Aber nicht mehr mit Ärger, sondern mit einer seltsamen Zärtlichkeit. Diese Haare sind Teil unseres Lebens. Sie gehören zu uns wie die Bücher, die Teetassen, die zerfetzten Sofakissen.
Am Ende des Tages glänzt die Wohnung. Alles ist sauber, ordentlich, perfekt. Trudi springt vom Küchentisch, geht zu ihrem Lieblingskissen – dem zerfetztesten von allen – und macht es sich bequem.
Innerhalb von fünf Minuten ist das Kissen wieder voller Haare.
Ich lache. “Du gibst nicht auf, oder?”
Sie schnurrt und schaut mich an. Und ich denke: Vielleicht ist das die Weisheit der Katzen. Dass sie wissen, dass Ordnung vergänglich ist. Dass Leben unordentlich ist. Dass Liebe Spuren hinterlässt.
Morgen werde ich wieder Katzenhaare finden. Überall. Und ich werde lächeln.
Hier schreibt: Lilo Sommer lebt mit ihrer Katze Trudi in einer alten Stadtwohnung voller Bücher, Teetassen und zerfetzter Sofakissen. Sie liebt Jazz, Weißwein und diese stillen Momente, in denen Trudi schnurrend auf ihrem Bauch entspannt und sie anblinzelt, als wüsste sie alle Antworten auf das Leben, aber ihr trotzdem keine verrät. Wenn sie nicht gerade Trudis Launen deutet oder den nächsten Kissenbezug in Sicherheit bringt, schreibt sie für Deutschlands phantastisches Katzenmagazin Our Cats. (An jedem Kiosk oder im www.minervastore.de. Denn wer mit einer Katze lebt, weiß: Da gibt es immer was zu erzählen.



