Mindful Moments

Trudi und die letzte Stunde des Tages

Es ist die Zeit zwischen Hund und Katze, wie meine Großmutter immer sagte. Die Dämmerung. Die Stunde, wenn der Tag müde wird und die Nacht noch nicht angefangen hat. Trudi liebt diese Zeit. Sie wird dann anders, wilder, ursprünglicher.

Ich sitze mit einem Glas Weißwein auf dem Balkon und schaue zu, wie die Stadt langsam ihre Lichter anknipst. Trudi liegt neben mir und schnurrt, aber ihre Ohren sind gespitzt. Sie hört Dinge, die ich nicht höre. Spürt Dinge, die ich nicht spüre.

“Was ist da draußen?”, frage ich sie.

Sie steht auf, streckt sich und geht an die Balkonbrüstung. Ihre Silhouette zeichnet sich gegen den Abendhimmel ab, und für einen Moment sieht sie aus wie eine kleine Sphinx. Geheimnisvoll, wissend, unerreichbar.

Diese Stunde gehört den Katzen. Die Hunde sind müde von ihren langen Spaziergängen, die Menschen bereiten das Abendessen vor, aber die Katzen – die werden lebendig. Als würden sie eine andere Welt betreten, zu der wir Menschen keinen Zutritt haben.

Trudi miaut leise.

Nicht zu mir, sondern zu jemandem, den ich nicht sehen kann. Ein Gespräch, das ich nicht verstehe. Eine Sprache, die älter ist als alle Worte.

Ich trinke meinen Wein und denke: Wie wenig wir voneinander wissen. Wie wenig ich von Trudi weiß, obwohl sie jeden Tag bei mir ist. Was träumt sie? Was denkt sie? Welche Geheimnisse trägt sie in sich?

Die ersten Sterne werden sichtbar. Trudi setzt sich und schaut hinauf, als würde sie sie zählen. Vielleicht tut sie das. Vielleicht haben Katzen eine andere Art, die Welt zu vermessen. Mit Sternen statt mit Uhren. Mit Gefühlen statt mit Verstand.

“Du weißt etwas, was ich nicht weiß”, sage ich zu ihr.

Sie dreht den Kopf zu mir und blinzelt. Dieses langsame Blinzeln, das bedeutet: “Ich liebe dich, aber du verstehst nicht alles.”

Die Nacht ist fast da. Bald wird Trudi reinkommen, sich auf meinen Schoß legen und die normale Hauskatze spielen. Aber jetzt, in dieser Dämmerung, ist sie etwas anderes. Etwas Größeres. Ein Wesen, das zwischen den Welten wandelt.

Ich gehe rein und lasse sie allein mit der Nacht. Manche Momente gehören nicht uns. Manche Geheimnisse sollen Geheimnisse bleiben.

Später kommt sie rein, springt auf mein Bett und schnurrt. Als wäre nichts gewesen. Als wäre sie nur eine ganz normale Katze. Aber ich weiß jetzt: Es gibt nichts Normales an Trudi. Es gibt nichts Normales an der Liebe.

Hier schreibt: Lilo Sommer lebt mit ihrer Katze Trudi in einer alten Stadtwohnung voller Bücher, Teetassen und zerfetzter Sofakissen. Sie liebt Jazz, Weißwein und diese stillen Momente, in denen Trudi schnurrend auf ihrem Bauch entspannt und sie anblinzelt, als wüsste sie alle Antworten auf das Leben, aber ihr trotzdem keine verrät. Wenn sie nicht gerade Trudis Launen deutet oder den nächsten Kissenbezug in Sicherheit bringt, schreibt sie für Deutschlands phantastisches Katzenmagazin Our Cats. (An jedem Kiosk oder im www.minervastore.de. Denn wer mit einer Katze lebt, weiß: Da gibt es immer was zu erzählen.

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