Mindful Moments

Trudi und das Paket

Der Postbote klingelt, und ich öffne die Tür. Ein großes Paket steht vor mir – Bücher, die ich bestellt habe. Ich schleppe es ins Wohnzimmer und schneide es auf. Fünf neue Gedichtbände von Autoren, die ich noch nicht kenne. Ein kleines Fest für mich.

Aber Trudi interessiert sich nicht für die Bücher. Sie interessiert sich für das Verpackungsmaterial. Das Seidenpapier, das um die Bücher gewickelt war, wird zu ihrem neuen Lieblingsspielzeug. Sie springt hinein, wühlt sich durch, kommt wieder hervor mit statisch aufgeladenen Haaren, die in alle Richtungen abstehen.

“Du siehst aus wie ein Wischmop”, sage ich zu ihr.

Sie ist beleidigt. Setzt sich hin, leckt sich eine Pfote und streicht sich damit über das Gesicht. Katzenwäsche. Die Kunst, mit Würde aus jeder peinlichen Situation herauszukommen.

Ich versuche, die Bücher zu sortieren, aber Trudi hat andere Pläne. Sie springt wieder ins Seidenpapier, raschelt herum wie eine kleine Verrückte. Das Papier knistert, und sie wird wild davon. Jagt ihren eigenen Schwanz, springt seitlich wie ein junges Fohlen, macht Luftsprünge.

“Du bist elf Jahre alt”, sage ich zu ihr. “Benimm dich deinem Alter entsprechend.”

Aber sie hört nicht. Sie ist in ihrem Element. Das Seidenpapier hat aus der würdevollen Hauskatze einen Wirbelsturm gemacht. Einen flauschigen Tornado, der durch mein Wohnzimmer fegt.

Ich gebe auf, setze mich aufs Sofa und schaue ihr zu. Wie lange ist es her, dass ich so unbefangen gespielt habe? So völlig im Moment aufgegangen bin? Ohne an morgen zu denken, ohne Vernunft, ohne Würde?

“Du hast recht”, sage ich zu ihr. “Manchmal muss man einfach verrückt sein.”

Sie bleibt stehen, schaut mich an, das Seidenpapier noch am Schwanz. Dann kommt sie zu mir, springt auf meinen Schoß und schnurrt. Das wilde Kätzchen ist wieder zur ruhigen Hauskatze geworden. Aber der Funke in ihren Augen ist noch da.

Ich nehme ein Stück Seidenpapier und zerknülle es. Werfe es durch den Raum. Trudi springt sofort hinterher, fängt es, trägt es zurück wie ein kleiner Hund.

“Noch mal?” frage ich.

Sie miaut. Das heißt: “Natürlich noch mal.”

Wir spielen eine halbe Stunde lang. Ich werfe, sie fängt. Sie bringt zurück, ich werfe wieder. Die Bücher können warten. Das Leben kann warten. Manchmal ist Spielen wichtiger als alles andere.

Als wir müde sind, liegen wir beide auf dem Boden zwischen Seidenpapier und Büchern. Trudi schnurrt, und ich denke: Das ist es. Das ist Glück. Nicht die Bücher, nicht die Pläne, nicht die Vernunft. Sondern diese Leichtigkeit. Diese Fähigkeit, im Moment zu leben.

Hier schreibt: Lilo Sommer lebt mit ihrer Katze Trudi in einer alten Stadtwohnung voller Bücher, Teetassen und zerfetzter Sofakissen. Sie liebt Jazz, Weißwein und diese stillen Momente, in denen Trudi schnurrend auf ihrem Bauch entspannt und sie anblinzelt, als wüsste sie alle Antworten auf das Leben, aber ihr trotzdem keine verrät. Wenn sie nicht gerade Trudis Launen deutet oder den nächsten Kissenbezug in Sicherheit bringt, schreibt sie für Deutschlands phantastisches Katzenmagazin Our Cats. (An jedem Kiosk oder im www.minervastore.de. Denn wer mit einer Katze lebt, weiß: Da gibt es immer was zu erzählen.

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