Der Hund hat Hausarrest โ und ich gleich mit
Wie Gustav eine Blume im Vorgarten ruiniert und die Nachbarn fรผr drei Tage nicht mehr grรผรen
Es gibt Tage, an denen man morgens aufwacht und denkt: “Heute wird ein guter Tag.” Und dann gibt es Tage, an denen Gustav beschlieรt, die preisgekrรถnte Dahlie von Frau Meier auszugraben. Raten Sie mal, welcher Tag es letzte Woche war.
Alles begann harmlos. Ich wollte nur kurz die Zeitung aus dem Briefkasten holen. Gustav kam mit, weil er grundsรคtzlich mitkommt, wenn eine Tรผr aufgeht. Das ist sein Job. Tรผrsteher, Bodyguard und Spaziergangserinnerungsbeauftrager in einer Person.
“Nur mal schnell die Post”, sagte ich zu ihm, wรคhrend ich die Haustรผr รถffnete. “Zwei Minuten.”
Gustav nickte nicht, aber sein Schwanz wedelte zustimmend. Ich hรคtte stutzig werden mรผssen. Gustav wedelt nur zustimmend, wenn er einen Plan hat.
Frau Meier war bereits in ihrem Vorgarten. Sie ist 72, pensionierte Grundschullehrerin und behandelt ihre Blumen wie andere Menschen ihre Kinder. Mit viel Liebe, noch mehr Sorge und der unerschรผtterlichen รberzeugung, dass nur sie weiร, was das Beste fรผr sie ist.
“Guten Morgen, Herr Bรถhmer”, rief sie und winkte mit ihrer Gieรkanne. “Schauen Sie mal, meine Dahlie blรผht so wunderbar dieses Jahr!”
Ich schaute. Die Dahlie war tatsรคchlich beeindruckend. Groร, pink und so perfekt, dass sie aussah wie aus einem Gartenkatalog. Frau Meier hatte mir schon mehrmals erzรคhlt, dass sie diese Sorte extra aus Holland bestellt hatte und dass sie letztes Jahr beim Gartenwettbewerb den zweiten Platz belegt hatte.
“Sehr schรถn”, rief ich zurรผck und griff nach der Zeitung.
Das war der Moment, in dem Gustav entschied, dass Frau Meiers Dahlie sein Lebenswerk werden sollte.
Ich sah es in Zeitlupe geschehen. Gustav machte diesen speziellen Blick โ den Blick eines Hundes, der gerade die Entdeckung seines Lebens gemacht hat. Dann setzte er sich in Bewegung. Nicht rennen. Nicht springen. Sondern mit der zielstrebigen Entschlossenheit eines Geschรคftsmannes, der einen wichtigen Termin hat.
“Gustav, nein!”, rief ich.
Aber Gustav war bereits รผber die niedrige Hecke gehรผpft und hatte seine Nase in Frau Meiers Dahlie vergraben. Nicht um zu riechen. Sondern um zu graben. Intensiv und enthusiastisch, als hรคtte er gerade den grรถรten Schatz der Welt entdeckt.
“NEIN!”, schrie Frau Meier.
“GUSTAV!”, schrie ich.
Gustav hรถrte uns beide und dachte vermutlich: “Toll, Publikum! Das spornt mich an.” Er grub schneller.
Als ich endlich bei ihm ankam, hatte er bereits ein Loch gebuddelt, das hรคtte als Grundstein fรผr einen Kleinwagen durchgehen kรถnnen. Die preisgekrรถnte Dahlie lag daneben. Entwurzelt, entblรคttert und eindeutig tot.
Frau Meier stand da und starrte ihre Blume an wie eine Mutter, die gerade erfahren hat, dass ihr Kind von der Schule geflogen ist. Mit offenem Mund und diesem Blick, der zwischen Schock und Mordlust schwankte.
“Es… es tut mir so leid”, stammelte ich und zog Gustav am Halsband weg. “Ich weiร nicht, was in ihn gefahren ist.”
“Das war meine Dahlie”, sagte Frau Meier leise. So leise, dass es bedrohlicher klang als jedes Geschrei. “Meine preisgekrรถnte Dahlie aus Holland.”
Gustav, der immer noch Erde am Maul hatte, wedelte frรถhlich mit dem Schwanz. Aus seiner Sicht war das ein voller Erfolg gewesen. Mission erfรผllt. Loch gegraben. Menschen beeindruckt.
“Ich… ich kaufe Ihnen eine neue”, bot ich an.
“Eine neue?” Frau Meiers Stimme wurde eine Oktave hรถher. “Diese Dahlie war drei Jahre alt! Drei Jahre! Sie wissen nicht, was fรผr Arbeit in so einer Blume steckt!”
Ehrlich gesagt: Nein, wusste ich nicht. Ich weiร nicht mal, wie man Rasen richtig mรคht. Aber ich nickte verstรคndnisvoll und versuchte auszusehen, als wรผrde ich die Tragรถdie der entwurzelten Dahlie voll erfassen.
“Gustav kommt nicht mehr in Ihren Garten”, versprach ich. “Nie wieder.”
Frau Meier sammelte die รberreste ihrer Blume auf, als wรผrde sie einen Verstorbenen aufbahren. “Das hoffe ich fรผr Sie”, sagte sie dรผster.
Zuhause verkรผndete ich Gustav seinen Hausarrest. “Du bleibst drinnen”, erklรคrte ich ihm. “Bis auf weiteres. Kein Garten, kein Vorgarten, kein gar nichts.”
Gustav sah mich verwirrt an, als hรคtte ich ihm gerade erklรคrt, dass Wasser ab sofort trocken ist.
“Du hast Frau Meiers Blume kaputt gemacht”, sagte ich anklagend.
Gustav wedelte. Aus seiner Sicht war das immer noch eine Erfolgsgeschichte.
Meine Frau kam dazu, sah meine verstรถrte Miene und seufzte. “Was hat er angestellt?”
Ich erzรคhlte die Geschichte. Sie hรถrte zu mit der Geduld einer Frau, die schon viele Gustav-Geschichten gehรถrt hat.
“Wie teuer war die Blume?”, fragte sie praktisch.
“Das ist nicht der Punkt”, sagte ich. “Der Punkt ist, dass Frau Meier mich angesehen hat, als wรคre ich ein Schwerverbrecher.”
“Du bist ein Schwerverbrecher”, sagte Clara, die dazukam. “Du hast zugelassen, dass Gustav eine unschuldige Blume ermordet.”
“Gustav ist ein Hund”, verteidigte ich mich. “Hunde graben. Das ist normal.”
“Nicht in fremden Gรคrten”, sagte meine Frau. “Und nicht in preisgekrรถnten Dahlien.”
Die nรคchsten drei Tage waren die Hรถlle. Frau Meier grรผรte nicht mehr. Nicht mal ein Nicken. Sie tat so, als wรผrde sie mich nicht sehen. Schlimmer noch: Sie tat so, als wรผrde sie Gustav nicht sehen, was Gustav vรถllig verwirrte. Normalerweise bekam er von ihr immer ein freundliches “Hallo, du Racker.”
“Warum redet Frau Meier nicht mehr mit mir?”, fragte Mats beim Abendbrot.
“Weil Gustav ihre Blume kaputt gemacht hat”, erklรคrte Clara fachmรคnnisch.
“Aber ich hab doch gar nichts gemacht”, protestierte Mats.
“Du gehรถrst zur Familie”, sagte Clara. “Das reicht.”
Sie hatte recht. Frau Meier hatte uns alle auf ihre inoffizielle schwarze Liste gesetzt. Die ganze Familie Bรถhmer war persona non grata in der Meierschen Nachbarschaftsdiplomatie.
Gustav merkte, dass etwas nicht stimmte. Er setzte sich jeden Morgen vor das Fenster und starrte in Frau Meiers Garten, als wรผrde er auf ein Zeichen warten. Ein Zeichen, das nicht kam.
Am vierten Tag konnte ich es nicht mehr ertragen. Ich ging zu Frau Meier und klingelte.
“Ich habe eine neue Dahlie besorgt”, sagte ich und hielt den Topf hoch. “Aus der gleichen Gรคrtnerei. Gleiche Sorte.”
Frau Meier betrachtete die Blume skeptisch. “Die ist viel kleiner.”
“Die wird wachsen”, versprach ich. “Und Gustav kommt nicht mehr in Ihren Garten. Das schwรถre ich.”
Sie nahm die Blume entgegen, aber ihr Gesicht blieb kรผhl. “Das werden wir sehen, Herr Bรถhmer.”
Immerhin: Sie redete wieder mit mir.
Am Abend erzรคhlte ich Gustav, dass die Nachbarschaftskrise beigelegt war. Er wedelte zustimmend und legte seinen Kopf auf meine Fรผรe. Vermutlich seine Art, sich zu entschuldigen.
“Weiรt du was?”, sagte meine Frau. “Vielleicht war das gut so.”
“Inwiefern?”
“Jetzt weiรt du, was passiert, wenn du Gustav nicht richtig beaufsichtigst. Das nรคchste Mal passt du besser auf.”
Sie hatte recht. Gustav hatte mir eine Lektion erteilt: In der Nachbarschaft ist man nur so gut wie der schlechteste Tag seines Hundes.
Eine Woche spรคter sah ich Frau Meier beim Gieรen ihrer neuen Dahlie. Sie winkte sogar. Gustav setzte sich neben mich und wedelte zurรผck.
“Nicht dass du auf dumme Ideen kommst”, warnte ich ihn.
Gustav sah mich an mit diesem unschuldigen Labrador-Blick. Dieser Blick sagt: “Ich? Dumme Ideen? Niemals.”
Aber ich kenne ihn inzwischen. Und ich kenne diesen Blick. Das ist nicht der Blick der Unschuld. Das ist der Blick eines Hundes, der bereits seinen nรคchsten Plan macht.
Seitdem gehe ich nur noch mit Leine zum Briefkasten. Manche Lektionen muss man nur einmal lernen. Andere โ wie die Tatsache, dass Gustav immer einen Plan hat โ muss man tรคglich neu lernen.
Benno Bรถhmer lebt mit seiner Familie und Gustav in einer Reihenhaussiedlung, wo die Nachbarn inzwischen wissen: Wo Gustav ist, ist auch das Chaos nicht weit. Auรerdem schreibt er fรผr die Hundewelt, Deutschlands traditionsreichstem Hundemagazin โ wobei Gustav vermutlich der Meinung ist, dass er dort viel zu selten auf dem Cover erscheint. Ihr findet die Hundewelt an jedem Kiosk oder im www.minervastore.de




