Gesund bleiben

Warum ich keine Diät mehr mache

Hier schreibt die Ute. Über 50, mit mehr Lebenserfahrung als Faltencremes im Badezimmerschrank. Liebt Bücher, guten Rotwein und Gespräche, die auch mal wehtun dürfen. Sie hält nichts von Schönheitswahn und Fitness-Apps, aber viel von ehrlichen Worten und warmem Apfelkuchen. Mit Sahne. Und jeden Dienstag schenkt sie uns ihre Gedanken.

Gestern stand ich in der Buchhandlung vor dem Regal “Ratgeber Gesundheit” und habe gezählt: 47 Diätbücher. Siebenundvierzig! Von “Abnehmen im Schlaf” über “Die Kohlsuppen-Diät” bis hin zu “Schlank durch Mond-Rhythmus”. Früher hätte ich wahrscheinlich drei davon gekauft und am Montag angefangen. Heute denke ich nur noch: “Leute, lasst mich in Ruhe mit eurem Diät-Quatsch.” Denn ich habe eine radikale Entscheidung getroffen: Ich mache keine Diäten mehr. Niemals wieder.

Meine Diät-Biografie

Lass mich kurz Bilanz ziehen: In meinem Leben habe ich bestimmt 20 verschiedene Diäten ausprobiert. Weight Watchers, Low Carb, Trennkost, Intervallfasten, die Ananas-Diät (ja, wirklich), die Blutgruppen-Diät und diese völlig bescheuerte Diät, bei der man nur Kohlsuppe essen durfte. Das Ergebnis nach 30 Jahren Diät-Marathon: Ich wiege heute mehr als mit 20. Dafür kenne ich den Kaloriengehalt von so ziemlich allem auswendig und kann im Schlaf Kohlenhydrate von Eiweißen unterscheiden. Herzlichen Glückwunsch, Ute. Das war ja mal effektiv.

Der ewige Montag

Kennst du das? “Am Montag fange ich an.” Dieser Satz hat mein Leben jahrzehntelang begleitet. Sonntags habe ich noch schnell alles aufgegessen, was nicht diät-konform war (man will ja nichts verschwenden), und dann sollte Montag das neue, schlanke Leben beginnen. Meistens hat es bis Mittwoch gehalten. Donnerstag war ich wieder beim Bäcker und habe mir erklärt, warum ein Croissant “diesmal eine Ausnahme” ist. Freitag habe ich die Diät offiziell für beendet erklärt und beschlossen, dass ich “nächsten Montag” einen neuen Anlauf starte. Ein Teufelskreis aus schlechtem Gewissen, Verzicht und Rückfall. Immer und immer wieder.

Die Diät-Industrie und ich

Die Diät-Industrie liebt Menschen wie mich. Wir sind die perfekten Kunden: voller Hoffnung, bereit, Geld auszugeben, und garantiert wieder da, wenn die aktuelle Methode nicht funktioniert hat. “Diesmal ist es anders!” haben sie versprochen. “Diesmal purzeln die Pfunde wirklich!” Und ich habe es geglaubt. Jedes verdammte Mal. Ich habe Pulver gekauft, die nach Pappe schmeckten. Ich habe Apps bezahlt, die jeden Bissen gezählt haben. Ich habe Bücher über Bücher verschlungen (ironisch, oder?), in denen stand, wie einfach Abnehmen doch sei. Einfach? Von wegen.

Der Körper als Feind

Das Schlimmste an all den Diäten war nicht der Hunger. Es war, dass ich gelernt habe, meinen Körper als Feind zu sehen. Als störrisches Ding, das nicht das macht, was ich will. Als Problem, das gelöst werden muss. Ich habe jeden Morgen auf die Waage gestanden und meine Laune davon abhängig gemacht, was diese blöde Zahl anzeigte. 200 Gramm mehr? Tag ruiniert. 300 Gramm weniger? Euphorisch bis zum Abend. Mein Selbstwert hing an einer Digitalanzeige. Wie bescheuert ist das denn?

Die große Erkenntnis

Irgendwann, ich war 48 und gerade wieder bei einer “revolutionären” Diät gescheitert, saß ich auf meinem Sofa und dachte: “Ute, du machst das jetzt seit 30 Jahren. Und es funktioniert einfach nicht. Vielleicht ist das System falsch, nicht du.” Das war der Moment, in dem ich aufgehört habe zu kämpfen. Gegen meinen Körper, gegen mein Hungergefühl, gegen mich selbst. Ich habe beschlossen: Ich esse, was mir schmeckt. Ich bewege mich, wenn mir danach ist. Ich höre auf meinen Körper, statt auf irgendwelche Experten. Am Anfang hatte ich Panik. “Ohne Diät werde ich 200 Kilo wiegen!” dachte ich. “Ich werde nur noch Schokolade essen und auf dem Sofa liegen!”

Das Gegenteil ist passiert.

Ohne den ständigen Verzicht ist das Essen wieder normal geworden. Schokolade ist nicht mehr verboten, also ist sie auch nicht mehr so verlockend. Wenn ich Lust auf Kuchen habe, esse ich Kuchen. Aber komischerweise habe ich nicht jeden Tag Lust auf Kuchen. Mein Körper hat wieder gelernt, mir zu sagen, was er braucht. Manchmal sind das Pommes, manchmal Salat. Manchmal viel, manchmal wenig. Aber es ist meine Entscheidung, nicht die eines Diätplans.

Frieden schließen mit dem Spiegel

Heute schaue ich in den Spiegel und denke nicht mehr: “Du müsstest 10 Kilo abnehmen.” Ich denke: “Okay, so siehst du aus. Das ist dein Körper. Er hat dich durch 50 Jahre Leben getragen. Respekt.” Bin ich schlank? Nein. Bin ich gesund? Ja. Bin ich glücklich? Meistens. Und das ist mehr, als ich nach 30 Jahren Diäten sagen konnte. Weißt du, was mein Wohlfühlgewicht ist? Das Gewicht, bei dem ich mich wohlfühle. Nicht das, was in irgendwelchen Tabellen steht. Nicht das, was ich mit 20 hatte. Nicht das, was andere für richtig halten. Es ist das Gewicht, bei dem ich morgens aufstehe und nicht denke: “Heute muss ich weniger essen.” Sondern: “Heute ist ein guter Tag.”

Die Reaktionen der anderen

“Du hast es aufgegeben”, sagen manche. Als wäre das etwas Schlechtes. Als wäre Aufgeben immer falsch. Manchmal ist Aufgeben das Klügste, was man tun kann. Besonders wenn man 30 Jahre lang gegen Windmühlen gekämpft hat. “Du könntest aber noch…” fangen andere an. Ja, könnte ich. Ich könnte auch jeden Tag eine Stunde joggen, nur grünen Tee trinken und nie wieder Schokolade essen. Ich könnte auch nach Tibet auswandern und Mönch werden. Will ich aber nicht. Mein Körper und ich, wir sind jetzt Partner, keine Gegner mehr. Ich sorge gut für ihn, und er trägt mich durchs Leben. Wir haben einen Deal: Ich höre auf ihn, und er hört auf, mich zu sabotieren. Das funktioniert erstaunlich gut.

Meine neue Diät

Falls du es eine Diät nennen willst: Ich mache jetzt die “Ich-bin-nett-zu-mir-Diät”. Die Regeln sind einfach:

  • Iss, wenn du Hunger hast.
  • Hör auf, wenn du satt bist.
  • Iss, was dir schmeckt.
  • Beweg dich, wenn dir danach ist.
  • Sei nett zu dir selbst.

Das war’s. Keine Kalorien zählen, kein Wiegen, keine Verbote. Das Leben ist zu kurz für schlechtes Gewissen beim Essen. Wenn du Lust auf Kuchen hast, iss Kuchen.

Die beste Diät meines Lebens. Ich habe zwar nicht 20 Kilo abgenommen, aber ich habe etwas viel Wertvolleres gewonnen: Frieden. Mit meinem Körper, mit dem Essen, mit mir selbst.

Und weißt du was? Frieden steht mir besser als jede Kleidergröße.

Die Ute vom Dienstag

P.S.: Während ich das hier schreibe, esse ich ein Marmeladenbrot. Weil ich Lust darauf hatte. Ohne schlechtes Gewissen, ohne es später “abzutrainieren”. Nur weil es mir schmeckt. Das ist Luxus.

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