Warum manche Menschen schneller aus der Ruhe kommen: Die Amygdala ist nicht schuld
Kennst du diese Menschen, die scheinbar durchs Leben schlendern, während andere schon beim Gedanken an das Vorstellungsgespräch morgen früh Herzrasen bekommen? Jahrzehntelang hatte die Wissenschaft dafür eine bequeme Antwort parat: die Amygdala, das kleine Mandelkern-Paar tief im Gehirn, zuständig für Angst und Alarm. Eine internationale Studie unter Federführung des Zentralinstituts für Seelische Gesundheit (ZI) in Mannheim räumt jetzt mit dieser bequemen Antwort auf.
Der Star der Angstforschung tritt ab
Die Amygdala galt jahrzehntelang als die Schaltzentrale negativer Gefühle, quasi der Hausmeister für Angst, schlechte Laune und Stressanfälligkeit. Das Team um Dr. Maurizio Sicorello vom ZI hat sich diese Annahme genauer angeschaut, mit modernsten Methoden der funktionellen Bildgebung und maschinellem Lernen, und ist zu einem überraschenden Schluss gekommen: Die Amygdala erklärt kaum, warum der eine Mensch bei jeder Kleinigkeit in Alarmbereitschaft geht und der andere gelassen bleibt.
Sicorello bringt es selbst auf den Punkt: Die gängigen bildgebenden Verfahren können die Amygdala nicht als verlässlichen Erklärungsansatz für stabile Unterschiede zwischen Menschen bestätigen. Das heißt nicht, dass die Amygdala für Emotionen unwichtig ist. Aber als Erklärung dafür, warum du und dein Nachbar so unterschiedlich auf Stress reagieren, taugt sie offenbar nicht.
Der Körper redet mit, nicht nur der Angstteil im Kopf
Was also erklärt die Unterschiede, wenn nicht die Amygdala? Die Antwort ist fast schon poetisch: Netzwerke im Gehirn, die verarbeiten, wie sich der eigene Körper anfühlt, wie Bewegung gesteuert wird und wie visuelle Reize verarbeitet werden. Nicht das klassische Angstzentrum, sondern große, verteilte Netzwerke, die Wahrnehmung, Körpergefühl und Handlungsplanung miteinander verknüpfen.
Das ist ein Gedanke, der sich lohnt, einen Moment sitzenzubleiben. Ob du schnell in Stress gerätst, hängt offenbar weniger davon ab, wie alarmbereit dein inneres Angstzentrum ist, sondern mehr davon, wie dein Gehirn deinen Körper und deine Umgebung insgesamt verarbeitet. Stress ist demnach kein Kopfding allein, sondern ein Ganzkörperprojekt.
Wichtig ist dabei die Einschränkung, die auch die Forschenden selbst betonen: Neurotizismus als Ganzes, also die generelle Neigung zu negativen Gefühlen, ließ sich aus der Hirnaktivität nicht zuverlässig vorhersagen. Nur die Anfälligkeit für Stress im engeren Sinn konnte, begrenzt, aus diesen Netzwerken abgelesen werden. Auch die Wissenschaft bleibt hier ehrlich vorsichtig, und das ist gut so.
Eine Studie, die sich nicht auf halbem Weg zufriedengibt
Was diese Untersuchung besonders macht, ist die Sorgfalt dahinter. Über 400 Teilnehmende, etablierte emotionale Testaufgaben im Hirnscanner, eine unabhängige zweite Stichprobe zur Bestätigung der Ergebnisse und mehr als 1100 verschiedene statistische Modellvarianten, um zu prüfen, ob der gefundene Effekt wirklich stabil ist. Fragestellung und Analysemethode standen dabei schon vor Beginn der Auswertung fest, damit sich die Forschenden ihre Ergebnisse nicht im Nachhinein zurechtbiegen konnten.
Prof. Dr. Christian Schmahl, Ärztlicher Direktor der Abteilung für Psychosomatik und Psychotherapeutische Medizin am ZI, fasst die Bedeutung so zusammen: Emotionale Persönlichkeitsmerkmale entstehen offenbar nicht in einzelnen Hirnregionen, sondern im Zusammenspiel verteilter Netzwerke. Ein Umdenken, das zeigt, wie wichtig es ist, alte Annahmen mit neuen Methoden noch einmal zu überprüfen.
Was das für dich bedeutet
Wenn du zu den Menschen gehörst, die schnell in Habachtstellung gehen, ist das offenbar kein Defekt in einem einzelnen Angstschalter, den man einfach reparieren könnte. Es ist die Art, wie dein ganzes Gehirn deinen Körper, deine Bewegung und das, was du siehst, miteinander verwebt. Das erklärt vielleicht auch, warum Ansätze, die genau bei Körperwahrnehmung und Bewegung ansetzen, wie Achtsamkeit, Atemarbeit oder einfach ein Spaziergang an der frischen Luft, bei Stress oft spürbar helfen. Sie sprechen offenbar genau die Netzwerke an, die laut dieser Studie wirklich den Unterschied machen, nicht nur den einen Teil des Gehirns, dem wir jahrzehntelang die ganze Schuld gegeben haben.
Die Studie ist im Fachjournal Nature Communications erschienen und entstand in Zusammenarbeit des ZI mit US-amerikanischen Forschungseinrichtungen, darunter das Dartmouth College, die University of Pittsburgh und die University of Michigan.
Originalpublikation: Sicorello, M., Gianaros, P.J., Wright, A. et al. The functional neurobiology of dispositions towards negative emotions. Nature Communications 17, 5622 (2026).
Hinweis: Dieser Artikel erklärt aktuelle Forschungsergebnisse und ersetzt keine psychotherapeutische Diagnostik oder Behandlung. Bei starker, andauernder Stressbelastung oder Angst lohnt sich der Weg zu einer Ärztin, einem Arzt oder einer Psychotherapeutin beziehungsweise einem Psychotherapeuten.




