Wie du in deinem eigenen Wohnzimmer ein buddhistisches Kloster besuchst
Von Jonas Weber
Das Wichtigste in Kürze: Sakrale Räume virtuell erleben – funktioniert das?
Ja, und möglicherweise sogar besser als gedacht. Die Uni Siegen hat virtuelle 3D-Rundgänge durch Kirchen, Moscheen, Synagogen und einen buddhistischen Tempel entwickelt. Erste Studien deuten darauf hin, dass Schüler*innen mit VR-Brillen sogar bessere Lernergebnisse erzielen als bei echten Besuchen vor Ort.
✨ Minerva VISION Insight: Eine Studentin fuhr für ihre Bachelorarbeit in die Schweiz, filmte einen authentischen buddhistischen Tempel und schuf einen Rundgang mit Avatar, Quiz-Elementen und echten Mönchen, die zu Wort kommen.
Aber lies weiter…
Foto: Prof. Dr. Mirjam Zimmermann (links) forscht zur digitalen Sakralraumpädagogik. Studentin Vivienne Adolphs hat zu dem Thema ihre Abschlussarbeit geschrieben. | Copyright: Universität Siegen
Ein Tempel in der Schweiz – und du bist mittendrin, ohne hinzufahren
Ein buddhistischer Tempel. Mitten in der Schweiz. An der Eingangspforte weist wenig darauf hin, dass man vor einem religiösen Gebäude steht. Nur die pagodenhaften Dächer im Hintergrund lassen erahnen, was sich dahinter verbirgt. Wir befinden uns vor dem Wat Srinagarindravararam in Gretzenbach.
Wobei das nicht ganz stimmt. Denn wir sind nicht wirklich in der Schweiz. Wir sind in der Schule, an der Uni, im heimischen Wohnzimmer – oder wo auch immer man gerade einen Laptop aufgeklappt oder eine VR-Brille aufgesetzt hat.
Die Theologischen Seminare der Universität Siegen haben etwas geschaffen, das vor ein paar Jahren noch nach Science-Fiction geklungen hätte: eine Datenbank mit virtuellen 3D-Rundgängen durch sakrale Räume verschiedener Religionen. Katholische, evangelische, reformierte und orthodoxe Kirchen. Moscheen. Synagogen. Und jetzt auch ein authentischer buddhistischer Tempel.
Das Problem, das niemand lösen konnte
Prof. Dr. Mirjam Zimmermann (Evangelische Theologie) und Prof. Dr. Ulrich Riegel (Katholische Theologie) leiten das Projekt. Die Ausgangsfrage war simpel und gleichzeitig unlösbar: Wie sollen Schulen und Universitäten im Rahmen des interreligiösen Lernens die Aufgabe stemmen, nicht nur Kirchen zu besuchen, sondern auch die Gotteshäuser anderer Glaubensgemeinschaften?
„Das ist zeitaufwändig, teuer und zum Teil einfach gar nicht möglich”, erklärt Mirjam Zimmermann.
Die nächste Synagoge kann hundert Kilometer entfernt sein. Der nächste buddhistische Tempel noch weiter. Und selbst wenn man hinfährt – ein Schulausflug mit 30 Jugendlichen in eine Moschee ist organisatorisch ein Kraftakt. Also entstand die Idee, das Problem digital zu lösen.
Mit Erfolg: Das Team bewarb sich beim Fellowship für Innovation für digitale Hochschullehre NRW und konnte so die technische Ausstattung anschaffen – Kameras, VR-Brillen, alles, was man braucht, um fremde Welten ins Klassenzimmer zu holen.
Eine Studentin und ein Tempel
Was noch fehlte, war ein authentischer buddhistischer Tempel. „Den gibt es in Deutschland nicht wirklich”, so Zimmermann. Also machte sich Vivienne Adolphs auf die Suche. Studentische Hilfskraft, angehende Lehrerin für Religion und Geschichte, bis dahin wenig Berührung mit Buddhismus.
In der Schweiz wurde sie fündig. Sie fuhr zum Wat Srinagarindravararam, lernte die 360-Grad-Kamera zu bedienen, arbeitete sich in die Software 3D-Vista ein, führte Gespräche mit den Mönchen, versuchte die buddhistische Lehre zu verstehen – und baute aus all dem einen virtuellen Rundgang, der seinesgleichen sucht. Der digitale Gang durch den Tempel führt in alle Räume, liefert Hintergrundwissen, lässt die Mönche zu Wort kommen, lädt zur Meditation ein. Es gibt Zusatzinfos für Lehrerinnen, Quiz-Elemente und einen kleinen Avatar, der Schülerinnen beim Gang durch den Tempel „an die Hand” nimmt. Im Nachhinein erscheine es ihr wie ein „gewiesener Weg”, sagt Vivienne Adolphs selbst. Manchmal findet einen das richtige Thema eben.
Die Frage, die alle stellen
Aber ersetzen diese digitalen Rundgänge tatsächlich den echten Besuch? Kann ein virtueller Gang durch einen Tempel Spiritualität vermitteln? Wirken sakrale Räume nicht auch durch andere Sinneseindrücke – wie es dort klingt, wie es dort riecht, ob es kühl oder warm ist, wie man dort anderen Menschen begegnet?
Mirjam Zimmermann nickt. Kirchen oder sakrale Räume, die erreichbar sind, sollte man natürlich besuchen und mit den Menschen dort ins Gespräch kommen. „Aber wo das nicht möglich ist, können die digitalen Rundgänge eine Alternative sein.”
Vivienne Adolphs hat auch an der Abendmeditation der Mönche teilgenommen und diese gefilmt. 30 Minuten in Stille verharren. Das kann vor Ort, gemeinsam mit den Mönchen, ein besonderes Erlebnis sein. „Allein am PC funktioniert das kaum”, gibt sie zu.
Die Überraschung
Und dann kommt die Pointe, mit der niemand gerechnet hat.
Bei einer ersten explorativen Studie scheint sich herauszustellen, dass Schüler*innen, die sakrale Räume virtuell kennenlernten, sogar bessere Lernergebnisse zeigten als diejenigen, die analog vor Ort waren.
Moment. Besser?
Das klingt kontraintuitiv. Aber wenn man darüber nachdenkt, ergibt es Sinn. „Durch die VR-Brillen sind Schüler*innen in ihrer sozialen Interaktion zwar eingeschränkt”, erklärt Vivienne Adolphs. „Der Vorteil ist aber, dass jede und jeder ohne Ablenkung und im eigenen Tempo sehen, zuhören und lernen kann.”
Keine Klassenkameraden, die einen ablenken. Kein Zeitdruck, weil der Bus wartet. Keine Hemmungen, genauer hinzuschauen, weil man sich beobachtet fühlt. Nur du und der Raum.
Was du damit anfangen kannst
Die digitalen Rundgänge sind frei zugänglich. Du brauchst nur einen Laptop – oder, noch besser, eine VR-Brille. Du kannst einen buddhistischen Tempel in der Schweiz besuchen, ohne aufzustehen. Eine orthodoxe Kirche erkunden, die du sonst nie gesehen hättest. In eine Synagoge gehen, ohne dich vorher anmelden zu müssen. Ersetzt das den echten Besuch? Nein. Aber es eröffnet Möglichkeiten, die vorher nicht existierten.
Und vielleicht ist genau das der Punkt. Nicht entweder-oder, sondern sowohl-als-auch. Die digitalen Räume als Vorbereitung, als Ergänzung, als Alternative für alle, die sonst gar keinen Zugang hätten.
Religion ist für viele Menschen ein abstraktes Konzept. Worte in Büchern, Nachrichten im Fernsehen, vage Vorstellungen von Dingen, die andere glauben. Aber ein Raum – ein echter Raum, in dem Menschen beten, meditieren, Gemeinschaft erleben – das macht abstrakte Konzepte konkret.
Jetzt kann dieser Raum zu dir kommen. Egal, wo du bist.




