Mindful Moments

Wie du in deinem eigenen Wohnzimmer ein buddhistisches Kloster besuchst

Von Jonas Weber

Das Wichtigste in Kรผrze: Sakrale Rรคume virtuell erleben โ€“ funktioniert das?

Ja, und mรถglicherweise sogar besser als gedacht. Die Uni Siegen hat virtuelle 3D-Rundgรคnge durch Kirchen, Moscheen, Synagogen und einen buddhistischen Tempel entwickelt. Erste Studien deuten darauf hin, dass Schรผler*innen mit VR-Brillen sogar bessere Lernergebnisse erzielen als bei echten Besuchen vor Ort.

โš ๏ธ Aber Vorsicht: Geruch, Temperatur, echte Begegnungen โ€“ das kann keine VR-Brille ersetzen. 30 Minuten Meditation allein am PC funktioniert kaum.

โœจ Minerva VISION Insight: Eine Studentin fuhr fรผr ihre Bachelorarbeit in die Schweiz, filmte einen authentischen buddhistischen Tempel und schuf einen Rundgang mit Avatar, Quiz-Elementen und echten Mรถnchen, die zu Wort kommen.
๐Ÿ’ก Redaktions-Tipp: Die digitalen Rundgรคnge sind kostenlos zugรคnglich โ€“ per Laptop oder VR-Brille, fรผr Schulen, Unis oder das heimische Wohnzimmer.

Aber lies weiter…

Foto: Prof. Dr. Mirjam Zimmermann (links) forscht zur digitalen Sakralraumpรคdagogik. Studentin Vivienne Adolphs hat zu dem Thema ihre Abschlussarbeit geschrieben.ย | Copyright:ย Universitรคt Siegen

Ein Tempel in der Schweiz โ€“ und du bist mittendrin, ohne hinzufahren

Ein buddhistischer Tempel. Mitten in der Schweiz. An der Eingangspforte weist wenig darauf hin, dass man vor einem religiรถsen Gebรคude steht. Nur die pagodenhaften Dรคcher im Hintergrund lassen erahnen, was sich dahinter verbirgt. Wir befinden uns vor dem Wat Srinagarindravararam in Gretzenbach.

Wobei das nicht ganz stimmt. Denn wir sind nicht wirklich in der Schweiz. Wir sind in der Schule, an der Uni, im heimischen Wohnzimmer โ€“ oder wo auch immer man gerade einen Laptop aufgeklappt oder eine VR-Brille aufgesetzt hat.

Die Theologischen Seminare der Universitรคt Siegen haben etwas geschaffen, das vor ein paar Jahren noch nach Science-Fiction geklungen hรคtte: eine Datenbank mit virtuellen 3D-Rundgรคngen durch sakrale Rรคume verschiedener Religionen. Katholische, evangelische, reformierte und orthodoxe Kirchen. Moscheen. Synagogen. Und jetzt auch ein authentischer buddhistischer Tempel.

Das Problem, das niemand lรถsen konnte

Prof. Dr. Mirjam Zimmermann (Evangelische Theologie) und Prof. Dr. Ulrich Riegel (Katholische Theologie) leiten das Projekt. Die Ausgangsfrage war simpel und gleichzeitig unlรถsbar: Wie sollen Schulen und Universitรคten im Rahmen des interreligiรถsen Lernens die Aufgabe stemmen, nicht nur Kirchen zu besuchen, sondern auch die Gotteshรคuser anderer Glaubensgemeinschaften?

โ€žDas ist zeitaufwรคndig, teuer und zum Teil einfach gar nicht mรถglich”, erklรคrt Mirjam Zimmermann.

Die nรคchste Synagoge kann hundert Kilometer entfernt sein. Der nรคchste buddhistische Tempel noch weiter. Und selbst wenn man hinfรคhrt โ€“ ein Schulausflug mit 30 Jugendlichen in eine Moschee ist organisatorisch ein Kraftakt. Also entstand die Idee, das Problem digital zu lรถsen.

Mit Erfolg: Das Team bewarb sich beim Fellowship fรผr Innovation fรผr digitale Hochschullehre NRW und konnte so die technische Ausstattung anschaffen โ€“ Kameras, VR-Brillen, alles, was man braucht, um fremde Welten ins Klassenzimmer zu holen.

Eine Studentin und ein Tempel

Was noch fehlte, war ein authentischer buddhistischer Tempel. โ€žDen gibt es in Deutschland nicht wirklich”, so Zimmermann. Also machte sich Vivienne Adolphs auf die Suche. Studentische Hilfskraft, angehende Lehrerin fรผr Religion und Geschichte, bis dahin wenig Berรผhrung mit Buddhismus.

In der Schweiz wurde sie fรผndig. Sie fuhr zum Wat Srinagarindravararam, lernte die 360-Grad-Kamera zu bedienen, arbeitete sich in die Software 3D-Vista ein, fรผhrte Gesprรคche mit den Mรถnchen, versuchte die buddhistische Lehre zu verstehen โ€“ und baute aus all dem einen virtuellen Rundgang, der seinesgleichen sucht. Der digitale Gang durch den Tempel fรผhrt in alle Rรคume, liefert Hintergrundwissen, lรคsst die Mรถnche zu Wort kommen, lรคdt zur Meditation ein. Es gibt Zusatzinfos fรผr Lehrerinnen, Quiz-Elemente und einen kleinen Avatar, der Schรผlerinnen beim Gang durch den Tempel โ€žan die Hand” nimmt. Im Nachhinein erscheine es ihr wie ein โ€žgewiesener Weg”, sagt Vivienne Adolphs selbst. Manchmal findet einen das richtige Thema eben.

Die Frage, die alle stellen

Aber ersetzen diese digitalen Rundgรคnge tatsรคchlich den echten Besuch? Kann ein virtueller Gang durch einen Tempel Spiritualitรคt vermitteln? Wirken sakrale Rรคume nicht auch durch andere Sinneseindrรผcke โ€“ wie es dort klingt, wie es dort riecht, ob es kรผhl oder warm ist, wie man dort anderen Menschen begegnet?

Mirjam Zimmermann nickt. Kirchen oder sakrale Rรคume, die erreichbar sind, sollte man natรผrlich besuchen und mit den Menschen dort ins Gesprรคch kommen. โ€žAber wo das nicht mรถglich ist, kรถnnen die digitalen Rundgรคnge eine Alternative sein.”

Vivienne Adolphs hat auch an der Abendmeditation der Mรถnche teilgenommen und diese gefilmt. 30 Minuten in Stille verharren. Das kann vor Ort, gemeinsam mit den Mรถnchen, ein besonderes Erlebnis sein. โ€žAllein am PC funktioniert das kaum”, gibt sie zu.

Die รœberraschung

Und dann kommt die Pointe, mit der niemand gerechnet hat.

Bei einer ersten explorativen Studie scheint sich herauszustellen, dass Schรผler*innen, die sakrale Rรคume virtuell kennenlernten, sogar bessere Lernergebnisse zeigten als diejenigen, die analog vor Ort waren.

Moment. Besser?

Das klingt kontraintuitiv. Aber wenn man darรผber nachdenkt, ergibt es Sinn. โ€žDurch die VR-Brillen sind Schรผler*innen in ihrer sozialen Interaktion zwar eingeschrรคnkt”, erklรคrt Vivienne Adolphs. โ€žDer Vorteil ist aber, dass jede und jeder ohne Ablenkung und im eigenen Tempo sehen, zuhรถren und lernen kann.”

Keine Klassenkameraden, die einen ablenken. Kein Zeitdruck, weil der Bus wartet. Keine Hemmungen, genauer hinzuschauen, weil man sich beobachtet fรผhlt. Nur du und der Raum.

Was du damit anfangen kannst

Die digitalen Rundgรคnge sind frei zugรคnglich. Du brauchst nur einen Laptop โ€“ oder, noch besser, eine VR-Brille. Du kannst einen buddhistischen Tempel in der Schweiz besuchen, ohne aufzustehen. Eine orthodoxe Kirche erkunden, die du sonst nie gesehen hรคttest. In eine Synagoge gehen, ohne dich vorher anmelden zu mรผssen. Ersetzt das den echten Besuch? Nein. Aber es erรถffnet Mรถglichkeiten, die vorher nicht existierten.

Und vielleicht ist genau das der Punkt. Nicht entweder-oder, sondern sowohl-als-auch. Die digitalen Rรคume als Vorbereitung, als Ergรคnzung, als Alternative fรผr alle, die sonst gar keinen Zugang hรคtten.

Religion ist fรผr viele Menschen ein abstraktes Konzept. Worte in Bรผchern, Nachrichten im Fernsehen, vage Vorstellungen von Dingen, die andere glauben. Aber ein Raum โ€“ ein echter Raum, in dem Menschen beten, meditieren, Gemeinschaft erleben โ€“ das macht abstrakte Konzepte konkret.

Jetzt kann dieser Raum zu dir kommen. Egal, wo du bist.

https://www.uni-siegen.de/phil/sakralraumpaedagogik/

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