Gesund bleiben

Warum Depressionen bei Frauen anders verlaufen.

Forscher aus Graz und Regensburg untersuchen jetzt, ob die Antwort in unserem Gehirn liegt – genauer gesagt: an einer winzigen Grenze zwischen Blut und Gehirn.

Es gibt Zahlen, die machen einen nachdenklich. Zum Beispiel diese: Frauen erkranken doppelt so häufig an schweren Depressionen wie Männer. Doppelt so häufig! Das ist keine Kleinigkeit, kein statistisches Rauschen, sondern ein ziemlich deutlicher Hinweis darauf, dass hier etwas nicht stimmt. Oder besser gesagt: dass hier etwas anders ist. Nur was?

Diese Frage beschäftigt Kerstin Lenk vom Institute of Neural Engineering der TU Graz. Gemeinsam mit Kolleginnen und Kollegen der Universität Regensburg erforscht sie einen bislang wenig beachteten Faktor: die Blut-Hirn-Schranke.

Eine Barriere, die schützen soll. Eigentlich.

Die Blut-Hirn-Schranke funktioniert wie ein hochspezialisierter Filter. Sie wird von zwei Zelltypen gebildet: Astrozyten, weitverzweigte Zellen im Gehirn, und Endothelzellen, die unsere Blutgefäße von innen auskleiden. Gemeinsam kontrollieren sie, welche Stoffe aus dem Blut ins Gehirn gelangen dürfen und welche nicht. Diese Barriere schützt unser Gehirn vor schädlichen Substanzen.

Doch was passiert, wenn diese Schutzbarriere undicht wird? Die Forschenden vermuten, dass genau das bei Depressionen eine Rolle spielen könnte – und dass es dabei geschlechtsspezifische Unterschiede gibt.

Digitale Zwillinge für die Forschung

Das deutsch-österreichische Team verfolgt einen innovativen Ansatz: In Regensburg untersuchen die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler an Zellkulturen, wie Astrozyten und Endothelzellen in gesunden und erkrankten Gehirnen zusammenarbeiten. Mit biomolekularen und biochemischen Methoden versuchen sie herauszufinden, welche Mechanismen zur Entstehung von Depressionen beitragen.

In Graz werden aus diesen Daten dann digitale Zwillinge der Zellen erstellt. Mit Computersimulationen und künstlicher Intelligenz können die Forschenden so nachvollziehen, wie Botenstoffe zwischen den Zellen wandern und wo die Unterschiede zwischen Frauen und Männern liegen.

Geschlechtsspezifische Medizin: längst überfällig

„Mit unserer Forschung möchten wir dazu beitragen, sowohl die Entstehung von depressiven Störungen als auch die unterschiedlichen Krankheitsverläufe bei Frauen und Männern besser zu verstehen”, erklärt Kerstin Lenk. „Dieses Wissen eröffnet neue Möglichkeiten für gezieltere Therapien.”

Die Arbeit ist Teil eines größeren Trends in der neurowissenschaftlichen Forschung. Immer mehr Studien berücksichtigen systematisch biologische Geschlechtsunterschiede. Lenk hat kürzlich als Co-Autorin einen Übersichtsartikel im Fachjournal Nature Reviews Bioengineering veröffentlicht, der zeigt, wie In-vitro-Modelle – etwa künstlich hergestellte Stammzellen oder 3D-Organoide – helfen können, diese Unterschiede besser zu verstehen.

Ein wichtiger Schritt für bessere Therapien

Die Erkenntnis, dass Frauen und Männer biologisch unterschiedlich auf Erkrankungen reagieren, ist nicht neu. Doch erst jetzt wird sie konsequent in die medizinische Forschung integriert. Für Millionen betroffene Frauen könnte das bedeuten: endlich Therapien, die wirklich auf sie zugeschnitten sind.


Das Projekt „Leaky blood-brain barrier in major depressive disorder” wird vom österreichischen Wissenschaftsfonds FWF und der Deutschen Forschungsgemeinschaft gefördert.

Foto: Kerstin Lenk vom Institute of Neural Engineering der TU Graz. | Quelle: Renate Trummer | Copyright: Fotogenia |

Marlene Sommer übersetzt komplizierte Forschungsergebnisse in unterhaltsame Kolumnen, die zeigen, dass die Natur oft absurder ist als jede Dating-App. Nach ihrer eigenen chaotischen Scheidung vor drei Jahren hat sie ein besonderes Gespür für die Abgründe zwischenmenschlicher Beziehungen entwickelt.

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