Mit schwierigen Menschen leichter leben
Wie die Beziehungsampel dabei helfen kann
Von Julia Klimt
Die Nummer auf dem Display leuchtet und ich stöhne entnervt auf. Es ist meine Schwiegermutter. Wahrscheinlich hat sie Langeweile, nichts erlebt und ist auf der Suche nach Ablenkung. Das Problem? Ich sitze gerade im Home-Office und habe alle Hände zu tun. In einer halben Stunde muss ich in der KiTa sein und im Keller türmt sich die Wäsche. Wer kennt es auch? Du denkst dir: “Nicht schon wieder!” Deine Kollegin meckert über alles, der Chef ist launisch, und zu Hause wartet noch das Telefonat mit der kritischen Schwiegermutter. Wir alle haben sie, Menschen, die uns Energie rauben und das Leben schwer machen. Aber du kannst lernen, souveräner mit anstrengenden Menschen umzugehen. Und das funktioniert überall – im Job genauso wie in der Familie. Dabei hilft das Bild einer Ampel. Ich habe es ausprobiert und es ist wirklich hilfreich. Und so geht es.
Die Beziehungsampel: Grün, Gelb oder Rot?
Bevor du reagierst, brauchst du Klarheit. Ist das Verhalten nur nervig oder überschreitet es bereits Grenzen? Die Beziehungsampel hilft bei dieser wichtigen Entscheidung und sie ist im Grunde ganz einfach. Bewerte das Verhalten der anderen Person nach folgenden Kriterien. Die dürfen ganz subjektiv sein, die musst du nicht mit anderen diskutieren.
Bei grün kannst du entspannt bleiben. Die Person ist zwar anstrengend, aber harmlos. Hier reicht oft Gelassenheit oder ein bisschen Humor. Gelb bedeutet Vorsicht. Das Verhalten wird manipulativ oder verletzend. Jetzt ist es Zeit für klare Worte und feste Grenzen oder eine der folgenden Strategien. Rot heißt Stopp. Das Verhalten ist inakzeptabel und schadet dir emotional. Hier musst du den Kontakt einschränken oder ganz beenden, weil es über deine roten Linien geht. Jetzt kommen Strategien, die vielleicht hilfreich sein können.
Brücken bauen
Manchmal steckt hinter schwierigem Verhalten einfach Stress oder Überforderung. Besonders bei Menschen, die dir eigentlich nahestehen, lohnt es sich zu verstehen, was wirklich los ist. Ein Beispiel? Die Nachbarn meiner Eltern waren auf einmal komisch und distanziert. Später stellte sich heraus, dass sie zu dem Zeitpunkt eine Ehekrise hatten. Gut, dass meine Eltern nachgefragt haben. Was damit gemeint ist: Statt sofort zu urteilen, lohnt es sich manchmal, Gesprächsangebote machen. “Mir ist aufgefallen, dass du gestresst wirkst. Magst du darüber reden?” Das zeigt Verständnis und öffnet oft Türen. Gerade in stressigen Situationen reagieren viele Menschen feindseliger als sonst. Wenn du das erkennst, kannst du gelassener bleiben und die Situation entschärfen.
Dein Schutz vor Energieräubern
Grenzen sind Selbstschutz. Du darfst bestimmen, was für dich okay ist und was nicht.Im Job heißt das: Du musst nicht nach Feierabend erreichbar sein. In der Familie bedeutet es: Du musst nicht jedes Thema diskutieren. Bei Freunden gilt: Du musst nicht jeden Gefallen erfüllen. Ich habe Folgendes gelernt: “Das geht leider nicht” ist ein vollständiger Satz. Du musst dich nicht endlos rechtfertigen. Denn wenn du dich rechtfertigst, steckst du mitten in einer Diskussion. Probier es aus, es funktioniert.
Muster durchbrechen
Schwierige Menschen haben oft feste Verhaltensmuster. Wenn du anders reagierst als erwartet, veränderst du das ganze Spiel. Anstatt dich zu rechtfertigen, wenn jemand dich angreift, kannst du nachfragen: “Wie meinst du das?” Und schon drehst du das Blatt um. Ich habe eine Freundin, die Meisterin im Sticheln ist. Wir sind in der gelben Ampelphase. Ich mag sie, und die Stichelei ist von ihrer Seite aus vielleicht witzig gemeint, weil sie zum Übermut neigt, aber mich verletzen manche Dinge. Nachfragen bringt sie in Verlegenheit. Plötzlich muss sich erklären, und das ist peinlich. Oh ja. Zurecht! Aber auch bei emotionalen Ausbrüchen hilft der Satz. Er nimmt dem Ganzen die Dramatik und bringt das Gespräch zurück auf eine normale Ebene.
Die liebe Familie
Familie ist oft am schwierigsten, weil die emotionalen Verstrickungen so tief sind. Aber auch hier kannst du dich schützen. Du darfst bestimmte Themen für tabu erklären. Habe ich gemacht. Wenn meine Mutter wieder über meine Lebensführung urteilt, sage ich: “Dieses Thema möchte ich nicht diskutieren.” Peng! Und dann rede ich mit ihr über etwas anderes. Die Blumen im Garten zum Beispiel. Und es ist auch völlig okay zu sagen: “Ich kann heute zwei Stunden bleiben.”
Wenn nichts mehr hilft
Manchmal ist Abstand die einzige Lösung. Das ist gemein, klar. Aber es ist auch notwendiger Selbstschutz. Wenn Beziehungen dauerhaft belastend sind, sprechen wir von dysfunktionalen Beziehungen. Das sind Verbindungen, die dir mehr schaden als nützen. Typische Anzeichen sind: Du fühlst dich nach Kontakt mit der Person erschöpft und leer und schaffst es nicht, dich abzugrenzen. So etwas muss man nicht aushalten für einen angeblichen Familienfrieden. Weil der andere sich nämlich energetisch wie eine Art Freibeuter verhält und man den Kontakt mit Lebensfreude bezahlt. Und willst du das wirklich? Schwierige Menschen wird es immer geben. Aber du entscheidest, wie viel Raum du ihnen in deinem Leben gibst. Du bist nicht dafür verantwortlich, andere zu ändern. Du bist nur dafür verantwortlich, wie du mit ihnen umgehst. Und wenn du das erst einmal verstanden hast, wird dein Leben deutlich entspannter.




