Radikale Rhetorik: Streich das “aber” – und du bist plötzlich eine andere Frau
“Du siehst toll aus, aber die Hose ist ein bisschen eng.” Was bleibt hängen? Nicht das Kompliment. Die Hose. “Ich liebe dich, aber wir müssen reden.” Was zieht dir den Boden weg? Nicht die Liebe. Das Reden, das danach kommt. “Ich finde dein Projekt großartig, aber ich habe noch ein paar Anmerkungen.” Du gehst aus dem Meeting und denkst: Mein Projekt ist nicht gut.
Kennst du das? Wir hören das, was nach dem “aber” kommt. Das, was davor stand, löst sich auf. Wie Zucker im Wasser. Und das macht etwas mit uns – mit der Frau, die das “aber” sagt, und mit der, die es hört. Heute geht es um genau dieses kleine Wort. Drei Buchstaben, die in deinem Mund mehr Schaden anrichten können als ein ganzer böser Satz. Und um die Frage: Was passiert, wenn du es durch “und” ersetzt?
Warum “aber” alles vorher Gesagte ausradiert
Sprachwissenschaftlich gehört “aber” zu den adversativen Konjunktionen. Das ist ein sperriges Wort für eine simple Sache: Es zeigt einen Gegensatz an. Aussage A steht der Aussage B entgegen. Das Problem ist nur: Wenn zwei Aussagen über “aber” verbunden werden, gewichtet unser Gehirn sie nicht gleich. Die Aussage nach dem “aber” wird zur Hauptaussage. Die davor wird zur Einschränkung. Zum Zugeständnis. Zum Höflichkeitsgeplänkel, das man vorausschickt, bevor man zur Sache kommt.
Linguistisch ist das gut beschrieben: Adversative Verbindungen stellen die Hauptaussage des ersten Satzteils grundsätzlich in Frage. Das ist keine Kommunikationstrainer-Folklore. Das ist Grammatik. Und es bedeutet: Jedes Mal, wenn du etwas Gutes sagst und es mit “aber” verbindest, knipst du das Gute aus. Du weißt das gar nicht. Dein Gegenüber weiß das auch nicht. Trotzdem passiert es.
Wir hören nicht nur Sprache – wir fühlen sie
Sprache ist nie nur Information. Friedemann Schulz von Thun, einer der bekanntesten deutschen Kommunikationspsychologen, hat dafür ein Modell entwickelt, das auch nach Jahrzehnten noch jeder im Beruf zitiert: Jede Nachricht trägt vier Botschaften gleichzeitig. Was ich sage. Wie ich es meine. Was ich von dir denke. Was ich von dir will.
Das “aber” verändert auf einen Schlag alle vier Ebenen. Es signalisiert: Was ich gerade gesagt habe, war nicht so wichtig. Es signalisiert: Du musst dich gleich verteidigen. Es signalisiert: Pass auf, jetzt kommt der eigentliche Punkt. Und genau das spüren wir – körperlich. Wir verspannen die Schultern. Wir atmen flacher. Wir bauen Mauern. Vor dem “aber” haben wir noch geöffnet. Nach dem “aber” sind wir auf der Hut.
Was “aber” mit dir selbst macht
Jetzt kommt der Teil, der wirklich wehtut. Denn das “aber” sagen wir nicht nur zu anderen. Wir sagen es vor allem zu uns selbst. Und da ist es noch viel wirksamer.
“Ich würde gern selbstständig werden, aber ich bin schon 47.” “Ich hätte Lust, das zu machen, aber ich kann das nicht.” “Ich bin stolz auf das Projekt, aber es hätte besser sein können.” “Ich liebe mich so, wie ich bin, aber zehn Kilo weniger wären schon schön.”
Hör dir diese Sätze noch einmal an. Welcher Teil bleibt? Der zweite. Immer der zweite. Du sprichst zu dir selbst in einer Sprache, die deine eigenen guten Anteile systematisch auslöscht. Du hast den Wunsch, selbstständig zu sein. Aber du bist 47. Du hast Lust auf etwas. Aber du kannst es nicht. Du bist stolz. Aber. Aber. Aber.
Das ist keine Selbstreflexion. Das ist Selbstsabotage in höflicher Verpackung.
Der Tausch: ersetze “aber” durch “und”
Die Übung ist banal. Sie ist auch unbequem. Sie funktioniert trotzdem. Du nimmst das “aber” aus deinen Sätzen und schreibst stattdessen “und”. Hör dir an, was passiert.
“Du siehst toll aus, und die Hose ist ein bisschen eng.” Plötzlich stehen beide Aussagen nebeneinander. Beide stimmen. Das Kompliment bleibt stehen. Die Hose ist trotzdem eng. Beides darf gleichzeitig wahr sein.
“Ich liebe dich, und wir müssen reden.” Auch das stimmt. Liebe und Klärung schließen sich nicht aus. Sie gehören manchmal zusammen.
“Ich würde gern selbstständig werden, und ich bin 47.” Da steht es nüchtern. Du willst etwas. Du bist in einem Alter. Beides ist Fakt. Keines hebt das andere auf.
“Ich bin stolz auf das Projekt, und es gibt Dinge, die ich beim nächsten Mal anders machen würde.” Stolz bleibt Stolz. Verbesserung bleibt Verbesserung. Beides nebeneinander, beides erlaubt.
Warum “und” deinen Selbstwert verändert
“Und” verbindet, statt zu trennen. Es lässt zwei Wahrheiten gleichzeitig stehen. Es zwingt dich nicht, dich zu entscheiden, welche der beiden gerade die wichtigere ist. Und das ist der Punkt, an dem dein Selbstwert anfängt, sich zu verschieben.
Solange du in “Aber-Sätzen” denkst, gibt es immer einen Teil von dir, der wichtiger ist als der andere. Und das ist erstaunlich oft der negative Teil. Weil das “aber” ihn nach hinten stellt – und damit nach vorn ins Bewusstsein. Wenn du auf “und” umstellst, hörst du plötzlich auf, dich selbst kleinzureden, ohne dass du etwas anderes sagen müsstest. Du sagst genau dasselbe. Nur mit einem anderen Bindewort. Und du landest woanders.
Es ist verblüffend, wie schnell das wirkt. Manche Frauen berichten nach zwei Wochen konsequenten Umstellens, dass sich ihr inneres Selbstgespräch grundlegend verändert hat. Sie wirken nach außen ruhiger. Selbstbewusster. Klarer in ihren Anliegen. Weil sie zum ersten Mal seit Jahren ganze Sätze über sich sagen, die nicht in der Mitte zusammenbrechen.
Die Ausnahme: wenn “aber” wirklich passt
Es gibt Momente, in denen “aber” das richtige Wort ist. Wenn du wirklich einen Gegensatz markieren willst. “Ich habe gesagt, ich komme um sieben, aber jetzt schaffe ich erst halb acht.” Das ist ein echter Gegensatz, eine echte Korrektur. Hier ist “aber” ehrlich.
Die meisten “abers” in unserem Alltag sind aber keine echten Gegensätze. Sie sind verkleidete Selbstabwertungen. Höfliche Einschränkungen. Versuche, etwas Schönes durch etwas Kritisches abzufedern. Genau diese gehören weg. Sie machen dich kleiner, ohne dass du es merkst.
Eine kleine Übung für die nächsten sieben Tage
Achte sieben Tage lang darauf, wie oft du “aber” sagst. Du musst es nicht sofort ändern. Du musst es nur hören. Schreib dir die Sätze auf, in denen du es zu dir selbst sagst. Dann lies sie noch einmal mit “und”. Spürst du den Unterschied? Wenn ja, weißt du, wo du anfangen kannst.
Sprache ist Selbstprogrammierung. Jede Frau, die ihre Sprache verändert, verändert auf Dauer auch das Bild, das sie von sich hat. Das ist keine Esoterik. Das ist Erfahrung aus Tausenden von Coachings. Und du kannst heute damit anfangen. Mit drei Buchstaben weniger.
Sprich freundlich zu dir
“Aber” ist ein Auslöschungswort. Es streicht das Gute davor und macht das Kritische danach groß. “Und” ist ein Verbindungswort. Es lässt zwei Wahrheiten gleichzeitig stehen, ohne dass eine die andere verdrängt. Wenn du eine Sache ab heute tust, dann diese: Achte auf dein “aber”. Tausche es, wo es geht, gegen ein “und”. Du wirst staunen, wie schnell sich deine Selbstgespräche, deine Gespräche mit anderen und dein Auftreten verändern. Es ist die kleinste rhetorische Stellschraube. Und eine der wirkungsvollsten.
In der nächsten Folge schauen wir uns das Wort “müsste” an. Eine Spoileransage: Es ist genauso heimtückisch.
Julia Klimt schreibt psychologisch fundiert über die Themen, die uns Frauen in der Lebensmitte beschäftigen. Sie glaubt: Wer ihre Sprache verändert, verändert ihr Leben. Manchmal schneller, als ihr lieb ist.
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