Mindful Moments

Der Mythos der perfekten Großmutter

Hier schreibt die Ute. Über 50, mit mehr Lebenserfahrung als Faltencremes im Badezimmerschrank. Liebt Bücher, guten Rotwein und Gespräche, die auch mal wehtun dürfen. Sie hält nichts von Schönheitswahn und Fitness-Apps, aber viel von ehrlichen Worten und warmem Apfelkuchen. Mit Sahne. Und jeden Dienstag schenkt sie uns ihre Gedanken.

Letzte Woche hat mir eine Bekannte strahlend erzählt: “Meine Schwiegermutter ist die perfekte Oma! Sie backt jeden Samstag Kuchen, hütet die Kinder, wann immer wir wollen, und ist einfach immer da. Ein Engel!” Ich habe genickt und gelächelt. Aber insgeheim dachte ich: “Arme Frau. Und arme ich. Denn ich bin definitiv nicht diese Art von Großmutter.” Ich bin die Oma, die auch mal sagt: “Nein, heute nicht.” Die nicht jeden Samstag backt. Die manchmal lieber ein Buch liest, als Lego zu bauen. Die ihre Enkel liebt, aber trotzdem ein eigenes Leben hat. Bin ich deswegen eine schlechte Großmutter? Die Gesellschaft würde vermutlich sagen: ja.

Das Bild der perfekten Oma

Kennst du diese Märchen-Großmutter aus den Bilderbüchern? Weißhaarig, rundlich, immer mit Schürze, immer lächelnd. Sie backt Plätzchen, erzählt Geschichten, hat immer Zeit und ist niemals schlecht gelaunt. Diese Oma existiert nur in einer Parallelwelt. In der echten Welt sind Großmütter Menschen. Mit guten und schlechten Tagen, mit eigenen Bedürfnissen, mit Grenzen. Wir sind nicht automatisch heilig geworden, nur weil wir Enkel bekommen haben. Aber das scheint niemand zu verstehen.

Als ich Großmutter wurde

Als mein erstes Enkelkind geboren wurde, dachte ich: “Jetzt muss ich wohl anders werden. Geduldiger, fürsorglicher, immer verfügbar.” Als hätte man mir ein Kostüm übergestreift: die Oma-Uniform. Ich kaufte Backformen und Kinderbücher. Ich googelte “Was macht eine gute Großmutter?” Ich fühlte mich wie eine Schauspielerin, die eine Rolle nicht richtig versteht. Die ersten Monate war ich tatsächlich die perfekte Oma. Ich sagte zu allem ja. Ich hütete, wann immer gefragt wurde. Ich backte und bastelte und war immer zur Stelle. Bis ich merkte: Das ist nicht ich. Das ist eine Kunstfigur namens “Oma Ute”, die nichts mit der echten Ute zu tun hat.

Der Druck der Erwartungen

Von allen Seiten kommen die Erwartungen: Die Kinder erwarten, dass ich als Oma plötzlich unbegrenzt Zeit und Energie habe. Als hätte ich mein eigenes Leben mit der Geburt meines Enkelkindes abgegeben. Die Gesellschaft erwartet, dass ich mich über nichts anderes freue als über Enkelbesuch. Dass ich immer bereit bin zu helfen, zu hüten, zu unterstützen. Ich selbst erwartete anfangs auch, dass ich mich komplett verwandeln würde. Dass die Großmutter-Gene automatisch alle anderen Bedürfnisse überschreiben würden. Falsch gedacht.

Die Wahrheit über meine Oma-Liebe

Ich liebe meine Enkel. Von ganzem Herzen. Wenn sie lachen, geht mir das Herz auf. Wenn sie weinen, tut es mir weh. Wenn sie etwas Neues lernen, bin ich stolz wie Bolle. Aber das bedeutet nicht, dass ich mein Leben um sie organisieren will. Ich habe sie nicht jeden Tag sehen müssen, um sie zu lieben. Ich muss nicht zu jeder Klavierstunde und jedem Kindergartenfest. Ich muss nicht alle ihre Kunstwerke aufheben und alle ihre Geschichten toll finden. Liebe muss nicht bedeuten, grenzenlos zur Verfügung zu stehen.

Was ich als Oma nicht bin

Ich bin keine 24-Stunden-Notfall-Betreuung. Wenn die Kinder abends spontan ausgehen wollen, können sie nicht automatisch davon ausgehen, dass Oma einspringt. Ich bin keine Ersatzmutter. Die Erziehung überlassen ich denen, die sich dafür entschieden haben, Kinder zu bekommen. Ich bin keine Bäckerei. Manchmal gibt es gekaufte Kekse. Und manchmal gar keine Kekse. Ich bin keine Entertainerin. Ich beschäftige die Kinder, aber ich bin nicht dafür verantwortlich, dass ihnen nie langweilig wird. Ich bin eine Frau mit einem eigenen Leben, die zufällig auch Großmutter ist.

Die neue Art der Oma-Liebe

Meine Liebe zu meinen Enkeln ist anders, als sie sein “sollte”. Wenn ich Zeit mit ihnen verbringe, dann, weil ich es will, nicht weil ich muss. Das macht die Zeit kostbarer für uns alle. Ich erzähle ihnen von meinem Leben, nicht nur von ihrem. Ich zeige ihnen, dass Erwachsene interessante Menschen sind, nicht nur Dienstleister für Kinderwünsche. Ich bringe ihnen bei, dass auch Oma manchmal schlechte Laune hat. Und dass das okay ist. “Du könntest ruhig mehr Zeit mit den Enkeln verbringen”, sagt meine Schwägerin. Als wäre ich eine schlechte Großmutter, weil ich nicht jeden freien Moment opfere. “Meine Mutter würde alles für ihre Enkel tun”, sagt eine Bekannte. Der Unterton ist klar: Und du nicht, oder? Früher hätte mich das verunsichert. Heute denke ich: Jede Oma ist anders. Und das ist auch gut so.

Was meine Enkel von mir lernen

Sie lernen, dass Oma ein eigenes Leben hat. Mit eigenen Freunden, eigenen Interessen, eigenen Terminen. Ich bin die Oma, die mit ihnen ehrliche Gespräche führt. Die ihnen sagt, wenn ihr Verhalten nervt. Die aber auch zeigt, dass man sich trotzdem liebhaben kann. Ich bin die Oma, die ihnen vorliest, aber nicht drei Stunden am Stück. Die mit ihnen bastelt, aber nicht perfekte Pinterest-Projekte. Ich bin die Oma, die manchmal sagt: “Heute habe ich keine Lust auf Gesellschaft” – und ihnen damit zeigt, dass Ehrlichkeit wichtiger ist als Pflichterfüllung. Die beste Art, Kindern Liebe zu zeigen, ist nicht, ihnen jeden Wunsch zu erfüllen. Es ist, ehrlich zu ihnen zu sein.

Das ist ein besseres Geschenk als alle Kekse der Welt.

Die Ute vom Dienstag

P.S.: Gestern hat meine kleine Enkelin zu mir gesagt: “Oma, du bist manchmal komisch, aber ich hab dich trotzdem lieb.” Das ist das schönste Kompliment, das ich je bekommen habe. Echte Liebe trotz Unperfektion. Oder gerade deswegen.

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