Gesund bleiben

Aufhalten des chronischen Verlaufs? Multiple Sklerose-Forschung macht Hoffnung auf neue Medikamente

Christiane hat seit 25 Jahren MS. Fรผr sie und fรผr andere Patientinnen und Patienten mit einer fortgeschrittenen Multiplen Sklerose ist das Warten und Hoffen auf neue Medikamente, die den Verlauf wirksam aufhalten, Alltag. Die chronisch-progrediente Erkrankung des zentralen Nervensystems verlรคuft anfangs meist schubartig und kann in dieser Phase mit einer Reihe von Medikamenten behandelt werden. Schreitet die Krankheit jedoch fort, fehlen bislang Therapien, die den Verlust der neurologischen Fรคhigkeiten aufhalten. Doch laufende Zulassungsstudien machen Hoffnung auf kรผnftige neue Behandlungsoptionen.

Mรผnster (ukm/aw). Christiane und Prof. Sven Meuth kennen sich seit fast zehn Jahren. Ein Neurologe รผberwies die heute 45-Jรคhrige damals zur Mitbehandlung ans UKM (Universitรคtsklinikum Mรผnster). Auch als Prof. Sven Meuth zwischenzeitlich die Klinik fรผr Neurologie am UKD in Dรผsseldorf leitete, blieb sie seiner Behandlung treu. โ€žDie Multiple Sklerose verlangt viel von unseren Patientinnen und Patientenโ€œ, sagt Meuth. โ€žDeshalb muss man in die Patienten-Arzt-Beziehung viel investieren und langfristiges Vertrauen aufbauen.โ€œ

Als Schรผlerin, mit 19 Jahren, erlitt die Patientin ihren ersten Schub: Plรถtzlich verlor sie auf einem Auge nahezu vollstรคndig die Sehkraft. Die Diagnose MS folgte erst Jahre spรคter nach einem weiteren Schub im Studium. โ€žHeute erkennen wir die Erkrankung deutlich frรผherโ€œ, so Meuth. โ€žUnd das ist gut so: Ein frรผher Therapiebeginn verbessert den Verlauf entscheidend.โ€œ Wรคhrend zu Beginn ihrer Erkrankung zur Behandlung der neurologischen Symptome nur Interferon-Injektionen zur Verfรผgung standen, gibt es heute rund 20 zugelassene Medikamente.

Hirnstrommessung: Christiane sucht wegen ihrer Multiplen Sklerose regelmรครŸig die neurologische Ambulanz am UKM auf.

Der jahrelange Weg durch die verschiedenen Therapien ging nicht spurlos an der Patientin vorbei. โ€žDie Interferon-Spritzen waren sehr unangenehmโ€œ, erinnert sie sich. Spรคter folgten Tabletten, die ihren Alltag stark bestimmten. Auch heute noch nimmt sie mehrere Medikamente gleichzeitig ein. โ€žMein Wecker erinnert mich daran.โ€œ Fรผr Meuth ist klar: โ€žDie Disziplin und Therapietreue, die unsere Patientinnen und Patientinnen mitbringen mรผssen, ist bemerkenswert. Denn die Behandlung kann oft nur darauf abzielen, langfristige Verlรคufe positiv zu beeinflussen: โ€žViele nehmen jahrelang Medikamente fรผr das statistische Versprechen, dass es ihnen vielleicht in zehn oder zwanzig Jahren besser geht als es ihnen ohne diese Behandlungen gegangen wรคre.โ€œ

Sehr oft gibt es bei der Erkrankung den Moment, an dem die Schรผbe in einen schleichenden, degenerativen Verlauf รผbergehen. Bei Christiane kam dieser Zeitpunkt nach der ersten Schwangerschaft. Ein unbemerkter Schub in der fordernden Zeit mit dem Baby leitete den รœbergang ein. Heute sind vor allem ihre Beweglichkeit und die rechte Kรถrperseite eingeschrรคnkt. Viele Tรคtigkeiten wie zum Beispiel das Schreiben oder das ร–ffnen von Dosen รผbernimmt sie inzwischen mit links. โ€žMeine Autonomie hรคngt an meiner linken Handโ€œ, sagt sie. โ€žDeshalb ist mein Ziel, das Fortschreiten mรถglichst zu verlangsamen.โ€œ Auto fรคhrt sie nur noch mit einem speziell an ihre Bedรผrfnisse angepassten Fahrzeug.

Trotz der Einschrรคnkungen arbeitet sie weiterhin als Grundschullehrerin in Teilzeit. โ€žWenn ich nicht mehr arbeiten kรถnnte, wรคre ich in einem Lochโ€œ, sagt sie. Im Familienalltag mit ihren zwei Kindern wird sie von ihrem Mann unterstรผtzt. RegelmรครŸige Aufenthalte in einer Reha-Klinik helfen ihr, Kraft zu schรถpfen: โ€žDrei Wochen nur fรผr mich โ€“ davon zehre ich lange.โ€œ

Aus medizinischer Sicht ist der Verlauf der Multiplen Sklerose bei Christiane typisch. โ€žIm jรผngeren Erwachsenenalter stehen entzรผndliche Prozesse im Vordergrund, spรคter nimmt die neurodegenerative Komponente zuโ€œ, erklรคrt Meuth. Wรคhrend Entzรผndungen behandelbar sind, fehlen bislang sehr wirksame Therapien gegen das Fortschreiten. Zudem verlรคuft MS bei den Betroffenen sehr unterschiedlich โ€“ je nachdem, ob eher Gehirn oder Rรผckenmark betroffen sind. Umso wichtiger ist die Forschung: Die Medizinische Fakultรคt der Universitรคt Mรผnster und die Klinik fรผr Neurologie am UKM sind an rund 25 Zulassungsstudien beteiligt. Im Fokus stehen unter anderem neue Wirkstoffe wie Bruton-Tyrosinkinase-Inhibitoren (BTK), die erstmals gezielt auf das Fortschreiten wirken kรถnnten. โ€žWir erwarten hier Rรผckenwind und neue Perspektivenโ€œ, sagt Meuth.

Fรผr die Mittvierzigerin ist das mit der Hoffnung verbunden, den Abbau ihrer neurologischen Fรคhigkeiten zu verlangsamen oder gar aufzuhalten: โ€žWenn es solche Medikamente frรผher gegeben hรคtte, wรคre mein Leben vielleicht anders verlaufen.โ€œ Ihr Blick richtet sich dennoch nach vorn: โ€žIch hoffe, dass es irgendwann die Therapie gibt, die genau zu mir passt.โ€œ Bis dahin bleibt ihr Alltag ein Balanceakt โ€“ getragen von dem unbedingten Willen, ihr Leben trotz der Erkrankung so lange wie mรถglich selbstbestimmt zu gestalten.

Foto: Prof. Sven Meuth, behandelt MS-Patientin Christianne seit rund zehn Jahren mit unterschiedlichen Therapien. Fotos: UKM/Wibberg

Lass uns gemeinsam รคlter โ€“ und weiser โ€“ werden! Sag โ€žJaโ€œ zum Minerva-Vision Newsletter und hol dir regelmรครŸig wertvolle Inspirationen, pure Lebensfreude und spannende Gewinnspiele direkt in dein Postfach.

Teilen