Gesund bleiben

Wenn Kauen, Atmen oder Tippen unerträglich werden: Was hinter Misophonie steckt

Ein Schmatzen am Nachbartisch, das Tippen von Fingern auf der Tischplatte, das Geräusch beim Atmen einer Kollegin: Für die meisten Menschen sind das kleine Nervigkeiten, die man ausblendet. Für Menschen mit Misophonie können genau diese Geräusche eine Welle aus Wut, Ekel oder Stress auslösen, die den ganzen Alltag durcheinanderbringt.

Mehr als Geräuschempfindlichkeit

Misophonie bedeutet wörtlich “Hass auf Geräusche”. Betroffene reagieren auf bestimmte, meist menschliche Geräusche körperlich und emotional sehr stark, erklärt die Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeutin Prof. Dr. Elisa Pfeiffer, die an der Katholischen Universität Eichstätt-Ingolstadt sowohl den Lehrstuhl für Klinische Psychologie und Kinder- und Jugendlichenpsychotherapie als auch die dortige Psychotherapeutische Hochschulambulanz für Kinder und Jugendliche leitet. Typische Auslöser sind Schmatzen, Schlucken, Atemgeräusche oder andere Mundgeräusche, aber auch wiederkehrende Bewegungen wie Beinwackeln oder das Klatschen von Flip-Flops.

Wichtig ist die Abgrenzung zur normalen Geräuschempfindlichkeit. Wer sich über Essgeräusche ärgert, die Situation aber noch gut aushalten kann, leidet in aller Regel nicht an Misophonie. Entscheidend für die Diagnose sind ein deutlicher Leidensdruck und spürbare Einschränkungen im Alltag, wenn Betroffene zum Beispiel gemeinsame Mahlzeiten, Bus und Bahn oder andere Situationen mit den auslösenden Geräuschen dauerhaft meiden.

Eine noch junge, aber ernstzunehmende Störung

Misophonie wird erst seit rund zwanzig Jahren wissenschaftlich untersucht und ist bislang nicht als eigenständige Erkrankung klassifiziert. Entsprechend wenig ist das Störungsbild selbst in Fachkreisen bekannt, was für Betroffene oft einen langen Weg bis zur Diagnose bedeutet. Gerade für Kinder und Jugendliche kann das gravierende Folgen haben, weil auch der Schulalltag durch die ständige Konfrontation mit Trigger-Geräuschen zur Belastung wird.

Wie ernst das Thema zu nehmen ist, zeigt eine aktuelle Studie unter Federführung von Pfeiffer. Untersucht wurden 214 Kinder und Jugendliche, die sich bereits wegen einer anderen psychischen Erkrankung in Behandlung befanden. Rund 90 Prozent von ihnen berichteten von belastenden Trigger-Geräuschen, bei fast einem Drittel deuteten die Symptome auf eine klinisch relevante Misophonie hin. Diese Gruppe war im Alltag deutlich stärker eingeschränkt und bewertete die eigene Lebensqualität schlechter als der Rest der Teilnehmenden.

Spezialisierte Hilfe ist selten, aber sie existiert

Die Psychotherapeutische Hochschulambulanz für Kinder und Jugendliche der KU in Ingolstadt gilt als deutschlandweit zentrale Anlaufstelle für junge Betroffene und existiert seit eineinhalb Jahren. Die Nachfrage kommt inzwischen aus dem gesamten Bundesgebiet sowie aus Österreich und der Schweiz.

In der Sprechstunde werden die individuellen Trigger-Geräusche erfasst, die Stärke der emotionalen Reaktionen eingeordnet und mögliche Begleiterkrankungen abgeklärt, auf Basis eines ursprünglich in den USA entwickelten und für den deutschsprachigen Raum angepassten Interviews. Seit Mai bietet die Ambulanz zudem als erste Einrichtung im deutschsprachigen Raum eine evidenzbasierte Behandlung an, die auf einem in den Niederlanden entwickelten und wissenschaftlich geprüften Therapiekonzept beruht. Aktuell stehen fünf bis zehn Therapieplätze im Rahmen einer wissenschaftlich begleiteten Fallstudie zur Verfügung.

Pfeiffer bringt die aktuelle Lage auf den Punkt: Einerseits werde der Begriff Misophonie inzwischen oft überstrapaziert, sobald jemand bestimmte Geräusche einfach nicht mag. Andererseits fehle es für die wirklich Betroffenen nach wie vor an Ansprechpartnern und Unterstützung.

Was du tun kannst, wenn dich das betrifft

Wenn du bei dir oder deinem Kind wiederkehrende, sehr starke Reaktionen auf bestimmte Alltagsgeräusche bemerkst, die mit spürbarem Leidensdruck und Vermeidungsverhalten einhergehen, ist das ein guter Anlass, sich fachlichen Rat zu holen. Eine Selbstdiagnose ersetzt keine fachliche Abklärung, aber das Wissen um das Störungsbild kann der erste Schritt sein, um überhaupt die richtigen Fragen zu stellen.

Informationen für Betroffene:
Wenn ihr euch für die Spezialsprechstunde Misophonie oder die Behandlungsstudie anmelden bzw. auf die Warteliste setzen lassen möchtet, findet ihr die Kontakte auf der Webseite der Psychotherapeutischen Hochschulambulanz der KU https://www.ku.de/psychotherapie/anmeldung

Bild: Prof. Dr. Elisa Pfeiffer, Copyright: upd/Klenk

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