Schluss mit dem seelischen Weichspüler! Warum wir mehr Thomas Tuchels brauchen.
Wann haben wir eigentlich begonnen, uns vor der Wahrheit zu fürchten wie der Teufel vor dem Weihwasser?
Gestern Abend saß ich mit einem Glas wirklich gutem, schweren Primitivo auf der Terrasse. Einem Wein, der nach Holz, Erde und ehrlicher Arbeit schmeckt und nicht nach chemischer Beere. Am Handgelenk trage ich keinen dieser vibrierenden Schrittzähler-Terroristen, die mir einreden wollen, ich müsse noch viertausend Mal im Kreis laufen, um ein wertvoller Mensch zu sein. Ich saß einfach da, trank, dachte nach und schüttelte den Kopf über die verdrehte Welt, in der wir leben.
Der Anlass? Das WM-Viertelfinale zwischen England und Norwegen im Juli. England gewinnt, zittert sich in der Hitze von Miami zu einem 2:1, steht im Halbfinale. Konfetti, Jubel, das übliche moderne Spektakel, bei dem das reine Ergebnis jede Mittelmäßigkeit heiligsprechen soll. Und dann tritt Thomas Tuchel vor das Mikrofon.
Jeder andere Trainer hätte jetzt den gefälligen Animateur gegeben: „Hauptsache gewonnen, super Mentalität, positive Vibes!“ Aber nicht Tuchel. Er stellt sich hin, schaut mit unbarmherziger Klarheit in die Kamera und sagt, was Sache ist: Das war schlampig. Zu viele technische Fehler. Wir waren langsam. Wir hatten Glück. Wir müssen besser spielen.
Und was passiert? Die Fußballwelt schnappt empört nach Luft! Jude Bellingham rollt wie ein getroffener Teenager mit den Augen, murmelt ein beleidigtes „Whatever“ in den Bart, und die Medien diskutieren allen Ernstes, ob man ein Siegerteam denn so knallhart kritisieren dürfe.
Ganz ehrlich: Ich feiere diesen Mann!
Denn genau diese Reaktion auf Tuchels klare Worte offenbart die ganze Krankheit unserer Epoche. Wir leben im Zeitalter des seelischen Weichspülers. Alles muss geglättet, gepolstert und mit einer rosaroten Schleife versehen werden. Wir schmieren uns Antifaltencremes ins Gesicht, um die Spuren des gelebten Lebens auszulöschen, wir umgeben uns mit Ja-Sagern, und in Gesprächen suchen wir nur noch die ständige, lauwarme Bestätigung unseres eigenen Egos. „Du bist genug!“, ruft uns das Internet an jeder Ecke zu. Nein, verdammte Axt, man ist nicht immer genug! Manchmal ist man einfach schlampig, faul oder hat schlichtweg Glück gehabt!
Ein wirklich gutes Buch erkennt man daran, dass es einen nicht bloß am Bauch krault. Gute Literatur kratzt, sie reißt uns aus dem Dämmerschlaf, sie stellt Fragen, die wehtun. Und genau so ist es auch bei echten Freundschaften und echter Führung: Der größte Beweis von Respekt und Zuneigung ist nicht das blinde Schulterklopfen nach einem wackligen Erfolg. Der größte Respekt ist die Wahrheit. Zu sagen: „Ich weiß, was wirklich in dir steckt. Und das heute – das war es noch nicht.“
Tuchel meckert nicht, weil er verbittert ist. NEIN! Er tut es aus einer radikalen, kompromisslosen Leidenschaft für die Qualität. Wer sich mit einem glücklichen Sieg zufrieden gibt, hat innerlich schon aufgegeben. Wer aber den Mut hat, im Moment des Triumphs den Finger in die Wunde zu legen, der will etwas wahrhaft Großes erschaffen.
Wir sollten uns diese Haltung schleunigst zurückerobern! Haben wir wieder den Mut zu Gesprächen, die auch mal schmerzen dürfen! Werfen wir die Fitness-Apps in den Müll, hören wir auf, unsere Kanten rundzuschleifen, und halten wir die ungeschminkte Wahrheit wieder aus, bei uns selbst und bei anderen.
Ich hole mir jetzt aus der Küche noch ein Stück Kuchen mit einer dicken, unanständigen Portion echter Sahne. Ganz ohne schlechtes Gewissen, aber mit der schonungslosen Erkenntnis, dass ich heute einen faulen Tag hatte. Und das ist auch völlig in Ordnung, solange man sich selbst nicht belügt.
Auf die Wahrheit! Und auf Thomas Tuchel!
Ehrliche Worte ohne Weichspüler: Ute Lindner liebt Katzen und will verstehen, was hinter ihren Köpfen vor sich geht. Außer Katzen liebt sie Bücher, guten Rotwein und Gespräche, die auch mal wehtun dürfen, am liebsten mit ihrer Seelenkatze Trudi auf dem Schoß. Vom Schönheitswahn und von Fitness-Apps hält sie nichts, dafür umso mehr von klaren Worten, warmem Apfelkuchen mit Sahne und einer Katze, die ihr ohne ein einziges Wort sagt, was sie von ihr hält.
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