Über Glühbirnen, Prokrastination und Höhlenmenschen
Die Alltagsphilosophie-Kolumne exklusiv bei Minerva VISION:
Denken hilft auch nicht – Alltagsbeobachtungen mit Tiefgang
Ich weiß nicht, wie’s dir geht, aber ich lebe seit vier Wochen im Halbdunkel. Nicht freiwillig, versteht sich. Die Glühbirne im Flur ist kaputt, und ich schaffe es einfach nicht, sie zu wechseln.
Du kennst das bestimmt. Tag eins: “Mist, Birne ist durch. Wechsel ich gleich.” Tag zwei: “Heute Abend.” Tag sieben: “Am Wochenende auf jeden Fall.” Tag vierzehn: “Ich gewöhne mich langsam dran.” Tag achtundzwanzig: Du tappst wie ein Höhlenmensch durch deine eigene Wohnung und findest das völlig normal.
Anfangs war es nervig. Mittlerweile ist es eine Lebensphilosophie geworden. Ich navigiere durchs Dämmerlicht wie ein Ninja. Kenne jeden Türrahmen, jede Ecke, jeden Stolperstein auswendig. Meine Gäste denken, ich hätte eine spirituelle Phase und setze auf “stimmungsvolles Ambiente”.
Und weißt du, was das Absurde ist? Ich hab drei Ersatzbirnen im Keller. Drei! Alle ordentlich beschriftet nach Wattzahl und Fassung. Aber zwischen “Birne holen” und “Birne einschrauben” liegt ein unüberwindbarer Canyon aus Prokrastination.
Das Problem ist: Der Weg zur Lösung ist lächerlich einfach. Zehn Minuten, maximal. Aber diese zehn Minuten fühlen sich an wie ein Marathonlauf. Leiter holen, Sicherung rausdrehen, alte Birne raus, neue Birne rein. Vier simple Schritte zwischen mir und dem Licht.
Stattdessen habe ich mich arrangiert. Morgens taste ich mich zur Küche, abends zurück ins Wohnzimmer. Wie in einer bizarren Choreografie. Manchmal benutze ich das Handylicht, aber das fühlt sich an wie Betrug an meiner neu erworbenen Höhlenmenschen-Identität.
Letzte Woche hat meine Nachbarin gefragt, ob alles okay sei. Sie hätte mich gesehen, wie ich mit dem Handy leuchtend durch den Flur schleiche. “Stromsparen”, habe ich gesagt. Technisch gesehen stimmt das sogar.
Was verrückt ist: Inzwischen mag ich das Dämmerlicht. Es ist wie eine kleine Insel der Entschleunigung. Während der Rest der Welt im grellen Neonlicht hetzt, wandle ich entspannt durch meinen schummrigen Flur. Zenbuddhismus für Anfänger.
Gestern habe ich endlich kapituliert und den Elektriker angerufen. “Glühbirne wechseln”, sagte ich. Lange Pause. “Können Sie das nicht selbst?”, fragte er. “Theoretisch schon”, antwortete ich. “Aber praktisch lebe ich jetzt lieber so.”
Die Erkenntnis?
Manchmal ist der Weg zur Lösung so einfach, dass er kompliziert wird. Manchmal brauchst du einen Monat Dunkelheit, um zu merken, dass du eigentlich ganz gut ohne permanente Beleuchtung klarkommst. Auch wenn deine Gäste denken, du wärst durchgedreht.

Unser Kolumnist: Karl von Nebenan
Beruf: Irgendwas mit Verwaltung, aber keiner weiß, was er genau verwaltet, Kolumnist | Wohnt: Im Erdgeschoss – seit 1983 | Besonderheiten: Besitzt sieben verschiedene Thermoskannen | Hält Schweigen für eine Form von Respekt – oder Überlegenheit
