Mindful Moments

Trudi und die Silvesternacht

Um halb elf höre ich die ersten Böller. Trudi zuckt zusammen, springt vom Sofa und verschwindet unter dem Bett. Ich seufze. Jedes Jahr das Gleiche. Während die Menschen draußen das neue Jahr begrüßen, versteckt sich meine Katze vor dem Lärm.

Ich knie mich vor das Bett und schaue in ihre großen, ängstlichen Augen. “Es ist nur Silvester”, sage ich leise. “Es tut dir nichts.”

Aber Trudi versteht nicht, warum Menschen Freude mit Explosionen feiern. Für sie klingt es wie Krieg. Wie Gefahr. Wie etwas, vor dem man sich verstecken muss.

Draußen wird es lauter. Raketen zischen hoch, Böller knallen, Menschen johlen. Ich mache alle Fenster zu, ziehe die Vorhänge vor, stelle leise Musik an. Aber Trudi bleibt unter dem Bett.

“Komm”, flüstere ich. “Ich bin doch da.”

Sie miaut leise, ängstlich. Nicht das zufriedene Schnurren vom Alltag, sondern ein Hilferuf.

Ich lege mich auf den Boden neben das Bett und strecke die Hand aus. Nach einer Weile kommt sie näher, schnüffelt an meinen Fingern. Langsam, vorsichtig krabbelt sie heraus und kuschelt sich an mich.

“So ist gut”, sage ich und streichle sie. “Wir beide gegen den Lärm.”

Draußen explodiert ein besonders lauter Böller. Trudi zittert. Ich ziehe sie näher an mich heran und denke: Wie absurd das alles ist. Wir Menschen machen Lärm, um Freude zu zeigen. Aber wen macht dieser Lärm wirklich froh?

Die Vögel fliegen verstört durch die Nacht. Die Hunde zittern in ihren Körben. Die Katzen verstecken sich. Und die alten Menschen sitzen hinter verschlossenen Fenstern und warten, bis der Spuk vorbei ist.

“Silvester ist überbewertet”, sage ich zu Trudi. “Das neue Jahr kommt auch ohne Böller.”

Sie schnurrt schwach, als würde sie zustimmen.

Um Mitternacht ist der Lärm am schlimmsten. Ich halte Trudi fest und zähle leise mit: “Drei, zwei, eins… Prosit Neujahr.”

Dann wird es langsam ruhiger. Die Menschen gehen nach Hause, die Straßen leeren sich. Trudi entspannt sich in meinen Armen.

“Siehst du”, sage ich. “Es ist vorbei. Wir haben es geschafft.”

Sie schaut mich an mit ihren bernsteinfarbenen Augen, und ich denke: Vielleicht ist das die wahre Art, ein neues Jahr zu begrüßen. Nicht mit Lärm und Getöse, sondern mit Stille und Nähe. Mit jemandem, der einen braucht. Mit jemandem, den man beschützen kann.

Das neue Jahr ist da. Leise, heimlich, wie ein Kätzchen, das sich an uns schmiegt.

Hier schreibt: Lilo Sommer lebt mit ihrer Katze Trudi in einer alten Stadtwohnung voller Bücher, Teetassen und zerfetzter Sofakissen. Sie liebt Jazz, Weißwein und diese stillen Momente, in denen Trudi schnurrend auf ihrem Bauch entspannt und sie anblinzelt, als wüsste sie alle Antworten auf das Leben, aber ihr trotzdem keine verrät. Wenn sie nicht gerade Trudis Launen deutet oder den nächsten Kissenbezug in Sicherheit bringt, schreibt sie für Deutschlands phantastisches Katzenmagazin Our Cats. (An jedem Kiosk oder im www.minervastore.de. Denn wer mit einer Katze lebt, weiß: Da gibt es immer was zu erzählen.

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