Trudi und die Sache mit dem Besuch
Meine Freundin Clara kommt zu Besuch. Sie klingelt, ich öffne die Tür, und das erste, was sie sagt, ist: “Wo ist denn Trudi? Ich habe Leckerlis mitgebracht!”
Trudi ist verschwunden. Einfach weg. Wie vom Erdboden verschluckt. Vor fünf Minuten lag sie noch auf dem Sofa, jetzt ist sie irgendwo in den Tiefen der Wohnung untergetaucht.
“Sie ist schüchtern”, erkläre ich Clara, während wir Wein trinken und über alles Mögliche reden. Clara ist Kinderärztin, sie versteht schüchterne Wesen. “Sie kommt schon noch.”
Aber Trudi kommt nicht. Stattdessen höre ich sie irgendwo kratzen, scharren, herumschleichen. Sie beobachtet uns aus sicherer Entfernung, wie ein kleiner Geheimagent in eigener Mission.
“Ist sie immer so?” fragt Clara.
“Nur bei Fremden”, sage ich. “Bei mir ist sie anhänglich wie ein Hund.”
Und dann denke ich: Wie menschlich das ist. Auch ich bin manchmal schüchtern bei Fremden. Auch ich verstecke mich manchmal, wenn Menschen kommen, die ich nicht kenne. Auch ich brauche Zeit, um Vertrauen zu fassen.
Wir trinken unseren Wein, Clara erzählt von ihrem neuen Freund, und irgendwann, als wir beide schon etwas beschwipst sind und lachen, erscheint Trudi. Vorsichtig, leise, wie ein Schatten. Sie schnüffelt an Claras Schuhen, dann an ihren Händen.
“Hallo, Schöne”, flüstert Clara.
Trudi lässt sich streicheln. Erst nur ganz kurz, dann länger. Und plötzlich springt sie auf Claras Schoß, rollt sich zusammen und schnurrt.
“Das ist ja unglaublich”, sagt Clara. “Normalerweise mögen mich Katzen nicht.”
Ich schaue zu, wie Trudi sich in Claras Armen entspannt, und denke: Vielleicht ist das das Schönste an der Freundschaft. Dass man sich Zeit lässt. Dass man nicht sofort mit der Tür ins Haus fällt. Dass man erst schnüffelt, prüft, abwägt – und dann, wenn alles stimmt, das Herz öffnet.
Als Clara geht, bringt sie die Leckerlis nicht mit. Sie hat sie alle an Trudi verfüttert. “Sie ist wunderbar”, sagt sie. “Genau wie du.”
Trudi sitzt auf der Fensterbank und schaut Clara nach. Dann kommt sie zu mir und reibt sich an meinem Bein. Als wollte sie sagen: “Deine Freundin ist in Ordnung. Sie darf wiederkommen.”
Hier schreibt: Lilo Sommer lebt mit ihrer Katze Trudi in einer alten Stadtwohnung voller Bücher, Teetassen und zerfetzter Sofakissen. Sie liebt Jazz, Weißwein und diese stillen Momente, in denen Trudi schnurrend auf ihrem Bauch entspannt und sie anblinzelt, als wüsste sie alle Antworten auf das Leben, aber ihr trotzdem keine verrät. Wenn sie nicht gerade Trudis Launen deutet oder den nächsten Kissenbezug in Sicherheit bringt, schreibt sie für Deutschlands phantastisches Katzenmagazin Our Cats. (An jedem Kiosk oder im www.minervastore.de. Denn wer mit einer Katze lebt, weiß: Da gibt es immer was zu erzählen.




