Trudi und die Melodie des Alltags
Jeder Tag hat seine eigene Melodie mit Trudi. Morgens das sanfte Miauen, mit dem sie mich weckt. Nicht fordernd, nicht ungeduldig, sondern wie eine höfliche Erinnerung: “Es ist Zeit.”
Dann das Klappern des Futternapfs.
Das Schlurfen an der Wasserschale. Das Rascheln, wenn sie sich in der Zeitung zusammenrollt, die ich gerade lesen wollte. Ihre Pfoten auf dem Parkett, leise wie Regentropfen.
Mittags das tiefe Schnurren, wenn sie auf meinem Schoß liegt und ich ein Buch lese. Es vibriert durch meinen ganzen Körper, entspannt mich mehr als jede Meditation. Manchmal lese ich ihr vor. Gedichte von Rilke oder Celan. Sie hört zu, als verstünde sie jedes Wort.
Nachmittags das Kratzen am Kratzbaum.
Das Miauen am Fenster, wenn draußen ein Vogel vorbeifliegt. Das Rascheln ihrer Pfoten im Katzenstreu. Geräusche, die früher störend waren, jetzt aber zu meinem Leben gehören wie mein eigener Herzschlag.
Abends wird die Melodie sanfter.
Das müde Gähnen. Das Sich-Ausstrecken auf dem Sofa. Das Putzen der Pfoten mit dieser gründlichen Konzentration, die nur Katzen haben.
Nachts dann die Stille. Nur manchmal ein leises Schnurren, wenn sie sich näher an mich kuschelt. Oder das Geräusch ihrer Pfoten, wenn sie durchs Schlafzimmer wandert und nach dem Rechten sieht.
Heute ist sie beim Tierarzt.
Die Wohnung ist still. Zu still. Mir fehlen die Geräusche, die ich früher nicht einmal bewusst wahrgenommen habe. Das Klappern des Napfs. Das Rascheln der Zeitung. Das Schnurren.
Ich merke erst jetzt, wie sehr diese kleine Katze der Taktgeber meines Lebens geworden ist. Wie sie meinem Tag Struktur gibt, Rhythmus, Melodie.
Als ich sie abends abhole, miaut sie schon im Transportkorb. Zuhause springt sie sofort auf ihr Lieblingskissen und schnurrt. Laut, zufrieden, als wollte sie sagen: “Ich bin wieder da.”
Ich setze mich neben sie und höre zu.
Dieser Klang, der mich nach Hause bringt. Der mir sagt, dass alles in Ordnung ist. Dass wir zusammengehören, sie und ich, in dieser Symphonie des Alltags.
Die Melodie ist wieder vollständig.
Hier schreibt: Lilo Sommer lebt mit ihrer Katze Trudi in einer alten Stadtwohnung voller Bücher, Teetassen und zerfetzter Sofakissen. Sie liebt Jazz, Weißwein und diese stillen Momente, in denen Trudi schnurrend auf ihrem Bauch entspannt und sie anblinzelt, als wüsste sie alle Antworten auf das Leben, aber ihr trotzdem keine verrät. Wenn sie nicht gerade Trudis Launen deutet oder den nächsten Kissenbezug in Sicherheit bringt, schreibt sie für Deutschlands phantastisches Katzenmagazin Our Cats. (An jedem Kiosk oder im www.minervastore.de. Denn wer mit einer Katze lebt, weiß: Da gibt es immer was zu erzählen.




