Gesund bleiben

Kostet Berühmtheit Leben? Wissenschaftler sagt, warum es gar nicht so schlecht ist, unsichtbar zu sein

Das Wichtigste in Kürze: Verkürzt Ruhm das Leben?

Ja, und zwar messbar. Eine Studie der Uni Witten/Herdecke zeigt: Berühmte Sänger*innen haben ein 33 % höheres Sterberisiko als weniger bekannte Kolleg*innen – und leben im Schnitt fast fünf Jahre kürzer. Und das liegt nicht am Beruf, sondern am Ruhm selbst.

⚠️ Aber Vorsicht: Die Studie zeigt Korrelationen, keine Kausalitäten – warum genau Ruhm krank macht, ist noch nicht abschließend geklärt.

Minerva VISION Insight: Solokünstler*innen haben ein noch höheres Risiko als Bandmitglieder – möglicherweise, weil Bands soziale Unterstützung bieten, die allein im Rampenlicht fehlt.
💡 Redaktions-Tipp: Die Erkenntnisse gelten nicht nur für Stars – auch im Kleinen kann ständige Sichtbarkeit und Leistungsdruck die Gesundheit belasten.

Aber lies weiter…

Fame hat einen Preis. Das sagen wir so dahin, wenn wieder ein Star zu früh stirbt, wenn wieder eine Karriere im Burnout endet, wenn wieder jemand, der alles hatte, offenbar doch nicht genug hatte, um weiterzumachen.

Aber ist das wirklich so? Oder ist es nur etwas, das wir uns erzählen, weil es so schön dramatisch klingt? Und weil es uns tröstet, in unserem Alltagsgrau… Ich meine, seien wir doch mal ehrlich.

Forschende der Universität Witten/Herdecke haben genau das untersucht – und die Antwort ist eindeutiger, als man vielleicht erwartet hätte.

Die Frage, die niemand sauber beantworten konnte

Dass Musiker oft jung sterben, ist bekannt. Der „Club 27″ – Jimi Hendrix, Janis Joplin, Kurt Cobain, Amy Winehouse – ist längst ein kulturelles Phänomen. Aber liegt das am Ruhm? Oder liegt es am Beruf selbst, an den Tourneen, den Nächten, den Substanzen, dem Lebensstil? Das war bisher schwer zu trennen. Denn berühmte Musiker und unbekannte Musiker leben ja beide dieses Leben. Beide stehen auf Bühnen, beide reisen, beide arbeiten nachts. Wie soll man da herausfinden, was der Ruhm allein anrichtet?

324 Paare, ein Unterschied

Johanna Hepp, Christoph Heine, Melanie Schliebener und Prof. Dr. Michael Dufner vom Lehrstuhl für Persönlichkeitspsychologie und Diagnostik verglichen 324 berühmte Sängerinnen mit 324 weniger bekannten Musikerinnen. Aber nicht irgendwie – sie bildeten „Zwillingspaare”. Jede berühmte Person wurde mit einer weniger berühmten gematcht, die in Alter, Geschlecht, Herkunft, Genre und Solo- oder Bandstatus möglichst identisch war. Der einzige systematische Unterschied: der Grad der Bekanntheit.

Das Ergebnis ist ernüchternd. Die berühmten Sänger hatten ein 33 Prozent höheres Sterberisiko. Sie lebten im Durchschnitt 4,6 Jahre kürzer als ihre weniger berühmten „Zwillinge”. Fast fünf Jahre. Das ist keine statistische Randnotiz. Das ist ein halbes Jahrzehnt.

Warum Ruhm belastet

„Berühmtheit bringt Aufmerksamkeit, aber auch Druck”, erklärt Johanna Hepp. „Ständige öffentliche Beobachtung, hohe Erwartungen und Leistungsdruck können psychische Belastungen verstärken.”

Stell dir vor, jeder Fehler wird dokumentiert. Jeder schlechte Tag wird kommentiert. Jede Gewichtsschwankung wird analysiert. Du kannst nicht einfach schlecht drauf sein – du musst es vor Millionen Menschen verstecken. Oder es wird zur Schlagzeile.

Dazu kommt: Ruhm isoliert. Wem kannst du noch vertrauen, wenn du nicht weißt, ob Menschen dich mögen oder das, was du repräsentierst? Die Studie zeigte interessanterweise, dass Solokünstler*innen ein noch höheres Risiko hatten als Bandmitglieder – möglicherweise, weil Bandstrukturen soziale Unterstützung bieten, die allein im Rampenlicht fehlt.

Was das für dich bedeutet

Du bist vermutlich nicht berühmt. Jedenfalls nicht in dem Ausmaß, von dem diese Studie spricht. Aber die Mechanismen, die hier wirken, sind nicht exklusiv für Superstars.

Ständige Sichtbarkeit. Der Druck, zu performen. Das Gefühl, beobachtet und bewertet zu werden. Das kennen heute viele Menschen – im Job, in der Nachbarschaft, im Kirchenchor. Die Skala ist eine andere, aber das Prinzip ist dasselbe. Wer vorne steht, ist angreifbar und seine Gesundheit leidet. Das gilt für alle, die das Gefühl haben, immer „an” sein zu müssen, die keine Pause vom Gesehen-Werden bekommen. Ruhm selbst – unabhängig von den üblichen beruflichen Belastungen – gefährdet die Gesundheit.

Und vielleicht ist die eigentliche Botschaft diese: Sichtbarkeit hat Kosten. Nicht nur für die großen Stars, sondern potenziell für jeden, der sich ihr aussetzt. Es lohnt sich, darüber nachzudenken, wie viel davon wir wirklich wollen – und wie wir uns schützen können, wenn wir sie haben.

Manchmal ist Unsichtbarkeit ein Privileg, das wir erst erkennen, wenn es weg ist.

Teilen