Der große Unmusikalisch-Report: Eine Spurensuche in eigener Sache
Es gibt diesen einen Moment auf jeder Familienfeier, in dem alle “Happy Birthday” singen und ich merke, wie mein Körper sich weigert, auch nur ansatzweise im Takt zu klatschen. Jahrelang habe ich das für ein persönliches Manko gehalten. Bis mir eine Studie über Babys und Musik in die Hände fiel, und plötzlich hatte ich einen Verdächtigen: meine Mutter.
Der Tatort: mein erstes Lebensjahr
Ein internationales Forschungsteam aus Wien und Rom hat sich angeschaut, wie kleine Kinder auf Musik reagieren, mit Gehirnstrommessung und Kamera-Tracking, also wirklich sauber recherchiert. Das Ergebnis: Babys verarbeiten Musik im Kopf schon ab drei Monaten. Richtig strukturierte Bewegung dazu, also so etwas wie Wippen oder Mitschwingen, entwickelt sich aber erst gegen den ersten Geburtstag.
Für mich als Betroffene bedeutet das: Mein Gehirn war früh am Start. Die Frage ist nur, was in diesem entscheidenden ersten Jahr eigentlich bei mir zu Hause los war.
Die Befragung der Hauptzeugin
Ich rief meine Mutter an und stellte die entscheidende Frage: “Hast du mir eigentlich vorgesungen, als ich Baby war?” Antwort: “Na klar, ich glaube schon.” “Regelmäßig?” “Na ja, wenn ich dran gedacht habe.” Und da war er, der Riss im Alibi. Wenn ich dran gedacht habe ist wissenschaftlich gesehen kein rhythmisches Ritual, sondern höchstens ein gelegentlicher Zufallstreffer.
Die Studie legt nämlich nahe, dass genau in dieser Phase, wiederholtes Singen, sanftes Wiegen im Takt, kleine musikalische Rituale, offenbar wichtig dafür ist, wie gut Hören und Bewegen später zusammenspielen. Wo andere Babys vermutlich täglich durch die Küche geschunkelt wurden, saß ich wahrscheinlich einfach nur da und wurde gelegentlich beschallt.
Der Gegenbeweis, den es nicht gibt
Natürlich wäre es unfair, jetzt einfach ein Urteil zu fällen, ohne der Verteidigung eine Chance zu geben. Also fragte ich weiter: “Aber ich habe doch bestimmt auch mal getanzt als Baby?” “Klar, du hast rumgezappelt, wie alle Babys.” Genau das ist laut Studie aber auch keine Ausnahme, sondern völlig normal. Rumzappeln bei Musik machen alle Babys, ob musikalisch veranlagt oder nicht. Das eigentliche Mittanzen im Takt entwickelt sich erst viel später, und selbst die ältesten Testkinder in der Studie hatten das noch nicht drauf. Meine Mutter kann sich also nicht einmal mit “aber du hast doch schon mitgewippt” rausreden, das hätte in dem Alter ohnehin niemand geschafft.
Fazit der Ermittlung
Am Ende bleibt eine unbefriedigende, aber ehrliche Erkenntnis: Mein Gehirn war bereit, Musik zu verstehen. Ob es auch die Gelegenheit dazu bekam, regelmäßig genug, mit genug Hingabe gesungen, das lässt sich Jahrzehnte später leider nicht mehr wasserdicht nachweisen. Es bleibt also bei einem Verdacht, aber immerhin einem wissenschaftlich unterfütterten.
Meine Mutter sieht das übrigens entspannter. Ihr letzter Kommentar zum Fall: “Dann sing doch jetzt einfach mal öfter selbst.” Klingt nach einer Ausrede. Fühlt sich aber verdächtig nach einem fairen Punkt an.




