Das Kind in dir hat Angst: Warum du dich vor Ablehnung fürchtest wie ein 5-Jähriger
Von Julia Klimt
“Was wird sie von mir denken, wenn ich ehrlich sage, was ich denke?” “Was wird mein Chef von mir halten, wenn ich Nein zu den Überstunden sage?” “Was wird die Verkäuferin denken, wenn ich das Geschäft ohne Kauf verlasse?” Kennst du diese Fragen? Falls ja, dann führst du täglich Gespräche mit einem unsichtbaren Gast in deinem Kopf – dem kleinen Kind, das du einmal warst.
Die häufigste Angst der Welt
Die Angst vor Ablehnung ist die wohl häufigste Angst von Menschen. Und sie ist so mächtig, weil wir eine Ablehnung emotional wie ein unumkehrbares Urteil erleben – als würde unser bisheriges Leben dadurch beendet. Es ist völlig verständlich, dass uns das massiv einschüchtert und wir unser Verhalten schon im Vorfeld ändern und anpassen, auch wenn das gegen unsere eigenen Bedürfnisse geht.
Hinter all diesen quälenden Fragen steckt immer die gleiche Annahme: “Die anderen werden furchtbare Dinge über mich denken, wenn ich mich so oder so verhalte, und das könnte ich nicht ertragen.” Aber warum ist das so? Warum haben wir als erwachsene Frauen noch immer solche Angst vor der Meinung anderer?
Warum dein 5-jähriges Ich noch immer das Sagen hat
Die Antwort liegt in deiner Kindheit. Als kleines Mädchen von drei, fünf oder zehn Jahren warst du auf deine Eltern angewiesen wie auf nichts anderes auf der Welt. Du warst ihnen auf Gedeih und Verderben ausgeliefert. Jeden strafenden Blick und jede Zurechtweisung empfandest du damals als Gefahr – als eine regelrecht tödliche Gefahr.
Das kleine Mädchen in dir dachte: “Wenn Mama oder Papa mich ablehnen, bin ich verloren. Dann kann ich nicht überleben.” Und dieses Gefühl war damals auch völlig berechtigt. Du konntest tatsächlich nicht ohne deine Eltern leben.
Als Erwachsene kannst du heute zwar für dich selbst sorgen und bist von anderen nicht mehr in diesem Ausmaß abhängig. Aber – und hier wird es spannend – du empfindest noch immer so wie das drei- oder fünfjährige Kind, das seinen Eltern hilflos ausgeliefert war.
Das Kind in dir ist nie erwachsen geworden
Du trägst quasi immer noch die kleine Julia, die kleine Maria oder die kleine Sarah in dir herum, die noch so denkt und fühlt wie früher. Dieses Kind in dir ist immer noch auf der seelischen Entwicklungsstufe von damals stehen geblieben. Es hat immer noch die gleichen Ängste, ist immer noch so unsicher und fühlt sich noch genauso hilflos.
Warum ist das so? Der Grund ist einfach und gleichzeitig schmerzhaft: Du hast es versäumt, diesem kleinen Mädchen in dir klarzumachen, dass du erwachsen bist. Du hast ihm keine Chance gegeben zu wachsen. Stattdessen hast du alles getan, damit es sich nicht entwickeln konnte.
Wie du dein inneres Kind klein hältst
Nachdem deine Eltern dich bewusst und unbewusst immer wieder gerügt, getadelt und kritisiert hatten, hast du das Urteil deiner Eltern über deine Person übernommen. Du hast dir selbst die verletzenden, missbilligenden und abwertenden Worte an den Kopf geworfen.
Du hast das Kind in dir durch negative Selbstgespräche klein gehalten. Bist du ängstlich und gehemmt, dann beschimpfst du dich mit Worten wie “Schlappschwanz”, “Feigling” oder “Angsthase”, anstatt dich quasi in den Arm zu nehmen und dir Mut zu machen.
Statt dem kleinen und schüchternen Mädchen in dir zu sagen, dass es nicht tragisch ist, wenn es Angst hat, schüchterst du es noch mehr ein. Durch die ständige Frage “Was wird er oder sie von mir denken?” verunsicherst du dich selbst und erzeugst deine eigenen Hemmungen.
Der Kreislauf des negativen Selbstbildes
Ein negatives Selbstbild ist die wahre Ursache für die Angst vor Ablehnung. Hast du Angst vor einer Ablehnung anderer, dann kreist dein Denken ständig wie ein Karussell um diese Fragen: Was werden die anderen von mir denken? Wie komme ich an? Was mache ich falsch? Stehe ich irgendwann allein da?
Das Problem ist, dass diese Fragen schnell an Raum gewinnen und dich bald pausenlos beschäftigen. So wirst du schüchtern, unsicher und gehemmt. Du legst jedes deiner Worte und jedes Wort der anderen auf die Goldwaage, fragst dich permanent, was andere mit ihren Äußerungen gemeint haben könnten, und suchst nach Hinweisen auf eine Ablehnung.
Warum du dich selbst zum Feind machst
Es entsteht ein Teufelskreis: Aus Angst vor Ablehnung verleugnest du dich und deine Bedürfnisse, was zur Folge hat, dass du dich noch weniger leiden kannst und dich selbst noch mehr verachtest und ablehnst.
So wie du von dir selbst denkst, so glaubst du auch, dass andere von dir denken. Wenn du dich selbst für unattraktiv, langweilig, nicht liebenswert oder minderwertig hältst, dann überträgst du diese Meinung automatisch auch auf die Menschen in deinem Umfeld.
Merkst du etwas? Das Problem bist du selbst. Aber die gute Nachricht ist: Die Lösung bist auch du selbst.
Wie du dein inneres Kind endlich wachsen lässt
Wenn du deine Angst vor Ablehnung überwinden willst, musst du im ersten Schritt deine Selbstachtung und dein Selbstwertgefühl stärken. Du musst aufhören, dein schlimmster Gegner zu sein, und lernen, dich zu akzeptieren.
Solange du selbst schlecht von dir denkst und dich für jede Schwäche kritisierst, so lange hast du Angst vor Ablehnung und davor, dass andere nichts für dich übrig haben.
Du musst deine Meinung ändern, die du von dir hast. Und zwar sofort und immer wieder aufs Neue. Du musst das trainieren, weil dein altes Verhaltensmuster in der Regel tief in dir verankert ist.
Der Weg zur inneren Freiheit
Nur wenn du selbst davon überzeugt bist, dass deine Fehler und Mängel nichts an deinem Wert als Mensch ändern, und erst wenn du dich für liebenswert hältst, berührt es dich nicht mehr so sehr, was andere über dich denken. Denn dann bist du nicht mehr von ihnen abhängig.
Du hast keinen Ruf zu verlieren, den du nicht selbst aufgebaut hast, und niemand kann dir etwas wegnehmen, das du nicht selbst erschaffen hast. Du bist der Mensch, der die Maßstäbe für sich setzt und darüber entscheidet, wer und was du bist.
Das kleine Mädchen in dir wartet darauf, dass du ihm sagst: “Du bist erwachsen geworden. Du bist stark. Du bist liebenswert. Du musst keine Angst mehr haben.” Wann gibst du ihm diese Erlaubnis?




