Mindful Moments

Trudi und Klara

Klara von nebenan hat geklingelt. “Ich mache Neujahrsputz”, sagt sie. “Haben Sie Lust auf Kaffee? Bei mir ist es gerade chaotisch, aber…”

Ich schaue zu Trudi, die auf dem Sofa liegt und uns beobachtet. “Warum nicht?”, sage ich. “Ich bringe Kuchen mit.”

Klaras Wohnung sieht aus, als hรคtte ein Wirbelsturm zugeschlagen.

รœberall stehen Kartons, Bรผcher liegen herum, Kleidung hรคngt รผber Stรผhlen. Aber es riecht nach Zitrone und Frรผhlingsputz, und aus dem Radio kommt leise Musik.

“Entschuldigen Sie das Chaos”, sagt Klara und rรคumt schnell zwei Stรผhle frei. “Ich werfe alles raus, was ich nicht brauche.”

“Das ist mutig”, sage ich und denke an meine eigene Wohnung. An die Bรผcher, die ich nie wieder lesen werde. An die Kleidung, die mir lรคngst nicht mehr passt. An die Dinge, die ich aufhebe, weil sie Erinnerungen sind.

“Es tut gut”, sagt Klara. “Platz zu schaffen. Loszulassen.”

Wir trinken Kaffee und essen meinen Zitronenkuchen. Klara erzรคhlt von ihrem Ex-Freund, dessen Briefe sie gerade weggeworfen hat. Von den Bรผchern, die sie an die Stadtbรผcherei spendet. Von den Kleidern, die zu anderen Menschen finden sollen.

“Manchmal”, sagt sie, “muss man sich von Dingen trennen, um sich selbst zu finden.”

Ich denke an Trudi, die jeden Tag das Gleiche macht. Fressen, schlafen, spielen, schnurren. Keine Vergangenheit, die sie belastet. Keine Zukunft, die sie รคngstigt. Nur das Jetzt.

“Haben Sie schon mal alles weggeworfen?” fragt Klara.

“Nein”, sage ich ehrlich. “Ich sammle. Bรผcher, Erinnerungen, Gefรผhle. Alles.”

“Und? Macht Sie das glรผcklich?”

Ich denke nach. Macht es mich glรผcklich? Oder macht es mich schwer? Trรคge? Gefangen in der Vergangenheit?

Zuhause schaue ich meine Wohnung mit anderen Augen an. Die Bรผcherstapel, die Zeitschriften von vor drei Jahren, die Briefe in der Schublade. Trudi liegt auf ihrem Lieblingskissen und schnurrt. Sie braucht nicht viel. Ein warmes Plรคtzchen, Futter, Liebe. Das reicht.

“Was meinst du?”, frage ich sie. “Soll ich auch Neujahrsputz machen?”

Sie blinzelt mir zu. Als wollte sie sagen: “Tu, was dich glรผcklich macht.”

Ich fange klein an. Werfe die alten Zeitschriften weg. Sortiere die Briefe. Spende Bรผcher, die ich nie wieder lesen werde. Es tut weh, aber es tut auch gut. Wie eine Befreiung.

Am Ende sitze ich mit Trudi auf dem Sofa, und die Wohnung fรผhlt sich anders an. Leichter. Freier. Als kรถnnte sie wieder atmen.

“Danke”, sage ich zu Klara, als ich ihr eine Tรผte mit Bรผchern bringe. “Du hattest recht. Manchmal muss man loslassen.”

Sie lรคchelt. “Und manchmal findet man dabei sich selbst.”

Hier schreibt: Lilo Sommer lebt mit ihrer Katze Trudi in einer alten Stadtwohnung voller Bรผcher, Teetassen und zerfetzter Sofakissen. Sie liebt Jazz, WeiรŸwein und diese stillen Momente, in denen Trudi schnurrend auf ihrem Bauch entspannt und sie anblinzelt, als wรผsste sie alle Antworten auf das Leben, aber ihr trotzdem keine verrรคt. Wenn sie nicht gerade Trudis Launen deutet oder den nรคchsten Kissenbezug in Sicherheit bringt, schreibt sie fรผr Deutschlands phantastisches Katzenmagazin Our Cats. (An jedem Kiosk oder im www.minervastore.de. Denn wer mit einer Katze lebt, weiรŸ: Da gibt es immer was zu erzรคhlen.

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