Trudi und der Karneval
Draußen tobt der Straßenkarneval. Jecke ziehen lärmend durch die Straßen, Musik dröhnt aus allen Ecken, und alle paar Minuten explodieren Konfettikanonen. Trudi sitzt auf der Fensterbank und starrt hinaus, als würde sie einen Alien-Angriff beobachten.
“Das sind nur Menschen, die sich verkleiden”, erkläre ich ihr. “Karneval. Spaß haben.”
Sie schaut mich an mit einem Blick, der deutlich sagt: “Das nennst du Spaß?”
Ein Clown mit riesigen Schuhen stapft vorbei, gefolgt von einem Mann im Tütü. Trudi duckt sich, als könnten sie durchs Fenster springen. Ihre Welt ist eine andere. Eine stille Welt, in der Menschen sich normal benehmen. Meistens.
Plötzlich klopft es an der Tür. Klara von nebenan steht da, verkleidet als Katze. Schwarze Ohren, gemalte Schnurrhaare, ein Schwanz aus Stoff.
“Wie sehe ich aus?” fragt sie und dreht sich einmal um.
Trudi starrt sie an, als hätte sie eine doppelte Identitätskrise. Ist das eine Katze? Ist das Klara? Was ist das?
“Süß”, sage ich zu Klara. “Aber Trudi ist verwirrt.”
Klara kniet sich hin und miaut. Ein Versuch der Kontaktaufnahme. Trudi antwortet nicht. Sie ist beleidigt. Als würde jemand ihre Art parodieren.
“Tut mir leid”, sagt Klara zu Trudi. “Ich wollte dir nicht zu nahe treten.”
Aber Trudi ist schon verschwunden. Unter dem Bett, vermutlich. Dort, wo die Welt noch Sinn macht.
Am Abend ist der Spuk vorbei. Die Straßen sind leer, nur Konfetti und Luftschlangen liegen herum wie Überreste einer Schlacht. Trudi kommt aus ihrem Versteck und inspiziert vorsichtig die Wohnung. Als müsse sie sich vergewissern, dass alles noch normal ist.
“Ist vorbei”, sage ich zu ihr. “Die Menschen sind wieder normal.”
Sie springt auf meinen Schoß und schnurrt. Erleichterung. Die Welt ist wieder in Ordnung.
Ich denke: Vielleicht hat Trudi recht. Vielleicht ist es seltsam, dass wir Menschen uns einmal im Jahr verkleiden müssen, um fröhlich zu sein. Trudi ist jeden Tag sie selbst. Authentisch. Ehrlich. Ohne Maske.
“Du brauchst keinen Karneval”, sage ich zu ihr. “Du bist schon perfekt, wie du bist.”
Sie schnurrt und blinzelt mir zu. Als wollte sie sagen: “Endlich verstehst du es.”
Manchmal sind die normalsten Wesen die außergewöhnlichsten.
Hier schreibt: Lilo Sommer lebt mit ihrer Katze Trudi in einer alten Stadtwohnung voller Bücher, Teetassen und zerfetzter Sofakissen. Sie liebt Jazz, Weißwein und diese stillen Momente, in denen Trudi schnurrend auf ihrem Bauch entspannt und sie anblinzelt, als wüsste sie alle Antworten auf das Leben, aber ihr trotzdem keine verrät. Wenn sie nicht gerade Trudis Launen deutet oder den nächsten Kissenbezug in Sicherheit bringt, schreibt sie für Deutschlands phantastisches Katzenmagazin Our Cats. (An jedem Kiosk oder im www.minervastore.de. Denn wer mit einer Katze lebt, weiß: Da gibt es immer was zu erzählen.




