Mindful Moments

Meine Kochendichtemessung, eine Hitzewallung und die Wahrheit über China

Ich war bei der Knochendichtemessung. Routine. Ab einem gewissen Alter gehört das dazu. Osteoporose-Vorsorge. Für unsere Knochen ist die Menopause ein Wendepunkt, hatte meine Ärztin gesagt. Der sinkende Östrogenspiegel hat negative Wirkung auf die Knochendichte. Frauen ab der Menopause haben ein deutlich höheres Osteoporoserisiko – sie erkranken fünfmal so oft daran wie Männer.

Also saß ich im Wartezimmer und wartete.

Ich kannte das nur zu gut

Die Arzthelferin kam aus dem Untersuchungszimmer. “Einen Moment bitte”, sagte sie. Aber sie blieb stehen. Stand einfach nur da. Und dann sah ich es. Der Schweiß lief ihr über das Gesicht. Richtige Tropfen. Von der Stirn über die Wange. Sie tupfte mit einem Taschentuch. Atmete tief durch. Wartete.

Ich kannte das. Ich kannte diesen Moment. Diese Sekunden, in denen dein Körper Achterbahn fährt und du nur dastehen und warten kannst, bis es vorbei ist. Ich sah sie an und sagte mitfühlend: “Hitzewallung?”

Sie nickte. Erleichtert. “Wenn’s jemand versteht, dann ich.”

Auf einmal waren wir uns nahe

Sie klarte auf. Das Rot auf ihren Wangen verschwand langsam. Die Anspannung löste sich.

“Wie geht es Ihnen denn damit?”, fragte sie. “Was machen Sie?”

“Atmen”, sagte ich. “Und warten.”

Es gibt nicht viel anderes, was man tun kann, wenn die Hitze kommt. “Meine Gynäkologin hat mir etwas erzählt”, sagte ich zu der Arzthelferin. “Über Frauen in China.”

Sie schaute mich neugierig an.

“Die haben angeblich weniger Probleme mit den Wechseljahren. Weil es in ihrer Kultur mit einem erhöhten sozialen Status verbunden ist. Dort ist man stolz darauf. Man wird zur weisen Frau. Zur Ältesten. Man bekommt Respekt.”

Ich weiß nicht, ob das wirklich stimmt. Oder ob das nur eine von diesen Geschichten ist, die man sich erzählt. Aber weißt du was? Es hat mir geholfen.

“So blöd es klingt”, sagte ich zu der Arzthelferin, “es hat mir geholfen, das einfach anders zu framen.”

Sie nickte. “Reframing”, sagte sie. “Aus der Psychologie.”

“Genau. Statt zu denken: Ich werde alt, mein Körper gibt auf – denke ich jetzt: Ich werde weise. Mein Körper verändert sich. Das ist eine neue Phase.”

Meine Mutter hatte es schlimm

Die Arzthelferin lehnte sich gegen die Wand. Sie hatte Zeit. Oder sie nahm sie sich.

“Meine Mutter”, sagte sie, “hatte die Wechseljahre schlimm.”

Ich wartete.

“Mit Wutausbrüchen. Richtig schlimm. Sie ist mit dem Kochlöffel hinter mir hergerannt, und ich bin dann unters Bett verschwunden.”

Ich musste lachen. Nicht weil es lustig war. Sondern weil ich es verstand. Die Wut, die aus dem Nichts kommt. Die lodernde, heiße Wut, die vom Magen bis in den Kopf steigt.

Die hormonellen Veränderungen können Stimmungsschwankungen auslösen. Unruhe. Gereiztheit. Nervosität. Durch das Nachlassen der Progesteron- und Östrogenproduktion gewinnt Testosteron die Oberhand. Und das kann auch Aggressionen verstärken.

“Und wie ist das Verhältnis heute?”, fragte ich.

Sie lächelte. “Gut. Sehr gut sogar. Ich habe erst kürzlich mit ihr darüber geredet. Sie hat sich erinnert. Sie war damals unzufrieden. Nur Hausfrau, nur Mutter. Und in der Zeit kam das alles richtig raus.”

Hinter der Wut steckt ein Grund

Die Wechseljahre sind nicht nur Hormone. Sie sind auch Lebensumstände.

Private und berufliche Umbrüche vollziehen sich oft gerade während der Wechseljahre. Die Kinder gehen ihre eigenen Wege. Die karriereentscheidenden Berufsjahre sind Vergangenheit. Die Zukunft ist ungewiss. Und wenn man jahrzehntelang “nur” Hausfrau war, “nur” Mutter, dann stellt sich plötzlich die Frage: Wer bin ich eigentlich?

Diese äußeren Lebensumstände sind manchmal von den hormonell bedingten Beschwerden schwer zu trennen.

“Sie hat gesagt”, fuhr die Arzthelferin fort, “dass sie sich damals gefangen gefühlt hat. Mein Vater war viel arbeiten. Sie war allein mit uns Kindern. Keine eigene Karriere. Kein eigenes Geld. Und dann kamen die Wechseljahre, und plötzlich hatte sie keine Geduld mehr für all das.”

Ich nickte. “Die Wechseljahre sind oft der Auslöser für einen Neustart. Für das Abwerfen von Beengendem. Für eine berufliche Neuorientierung.”

“Genau das hat sie gemacht”, sagte die Arzthelferin. “Sie hat eine Ausbildung angefangen. Mit 51. Ist heute Buchhalterin. Und glücklich.”

“Hat sie sich entschuldigt?”, fragte ich. “Für den Kochlöffel?”

Die Arzthelferin lachte. “Ja. Sie hat gesagt, es tue ihr leid. Dass sie nicht wusste, was mit ihr los war. Dass niemand ihr erklärt hat, dass die Hormone so etwas machen können.”

“Und Sie? Haben Sie ihr verziehen?”

“Natürlich. Ich verstehe es jetzt ja besser. Jetzt, wo ich selbst mittendrin stecke.”

Die Weitergabe von Wissen

Das ist es, was sich ändern muss. Dass wir darüber reden. Dass Mütter ihren Töchtern erzählen, was kommt. Dass Frauen untereinander offen sind.

Irgendwann sagte sie: “Wir sollten jetzt die Messung machen.”

Ich folgte ihr ins Untersuchungszimmer. Legte mich auf die Liege. Die Maschine ratterte. Ich wartete.

“Alles in Ordnung”, sagte sie nach ein paar Minuten. “Ihre Knochen sind stabil. Ist nicht richtig super, aber auch nicht richtig schlecht. In ein paar Jahren werden die Karten neu gemischt.”

Ich atmete auf. “Sport hilft”, sagte die Arzthelferin. “Krafttraining. Ausdauersport. Das stärkt die Knochen.”

An der Tür drehte ich mich noch einmal um.

“Danke”, sagte ich. “Für das Gespräch.”

Sie lächelte. “Danke Ihnen. Es tut gut, darüber zu reden.”

“Vielleicht sollten wir alle mehr darüber reden.”

“Ja”, sagte sie. “Das sollten wir.”

Was ich mitgenommen habe

Ich bin mit mehr nach Hause gegangen als nur dem Ergebnis der Knochendichtemessung. Ich habe die Geschichte von ihrer Mutter mitgenommen. Die Frau, die mit dem Kochlöffel hinter ihren Kindern herrannte, weil sie sich gefangen fühlte. Die mit 51 noch mal von vorne anfing. Die heute glücklich ist. Ich habe das Bild von China mitgenommen. Die Vorstellung, dass Wechseljahre nicht das Ende sind, sondern der Beginn von Weisheit und erhöhtem Status. Auch wenn es vielleicht nur eine Geschichte ist – es ist eine gute Geschichte.

Und ich habe die Erkenntnis mitgenommen, dass wir alle im selben Boot sitzen.

Seitdem versuche ich es ganz bewusst. Das Reframing. Die Neubewertung.

Wenn die Hitzewallung kommt, denke ich nicht mehr: Scheiße, nicht jetzt. Ich denke: Mein Körper verändert sich. Das ist eine Übergangsphase. Eine Zeit, in der ich die Weichen für meine zweite Lebenshälfte stellen kann.

Wenn die Wut hochsteigt, denke ich nicht mehr: Was ist los mit mir? Ich denke: Mein Körper sagt mir etwas. Hier stimmt etwas nicht. Was will ich ändern? Wenn ich nachts wachliege, denke ich nicht mehr: Ich bin kaputt. Ich denke: Das ist vorübergehend. Es wird besser.

Manchmal, an guten Tagen, hilft es. Ein bisschen. Ich habe angefangen, mich besser zu fühlen. Weiser. Klarer. Weniger bereit, Bullshit zu akzeptieren. Mehr bereit, für mich einzustehen.

Wenn du das nächste Mal eine Frau siehst, der der Schweiß über das Gesicht läuft, dann weißt du: Sie ist eine von uns. Sie ist im Übergang. Sie wird zur weisen Frau.

Und wenn du selbst mittendrin steckst, dann denk an China. Denk an die Mutter mit dem Kochlöffel, die mit 51 noch mal von vorne angefangen hat. Denk an all die Frauen, die vor dir da durchgegangen sind.

Wir sind nicht allein. Wir sind viele. Und wir werden nicht unsichtbar. Wir werden weise.

Kathie Weissner

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