Einatmen, ausatmen, erinnern – Wissenschaftler zeigt Wunder-Atemtechnik, mit der wir besser lernen
Von Jonas Weber
Das Wichtigste in Kürze: Warum dein Atem dein Gedächtnis steuert
Dein Atemrhythmus beeinflusst, wie gut du dich erinnerst. Eine neue Studie der LMU München zeigt: Informationen, die du beim Einatmen aufnimmst, bleiben besser haften. Der eigentliche Erinnerungsabruf findet dann beim Ausatmen statt – dein Gehirn arbeitet im Takt deiner Lunge.
✨ Minerva VISION Insight: Je besser Hirn und Lunge bei dir synchronisiert sind, desto stärker dein Erinnerungsvermögen – manche Menschen sind hier wie ein eingespieltes Orchester, andere eher wie eine Schulband nach den Sommerferien.
Aber lies weiter…
Du atmest gerade. Wahrscheinlich hast du nicht darüber nachgedacht, bis ich es erwähnt habe – und jetzt atmest du bewusst und fragst dich, ob du es richtig machst. Keine Sorge, du machst es richtig. Du machst es seit deiner Geburt, etwa 20.000 Mal am Tag, und bisher hat es funktioniert. Sonst würdest du das hier nicht lesen.
Aber hier wird es interessant: Während du so vor dich hin atmest, passiert in deinem Kopf etwas, von dem die Wissenschaft bis vor kurzem nichts wusste. Dein Atem steuert nämlich nicht nur, wie viel Sauerstoff in dein Blut gelangt. Er steuert auch, wie gut du dich erinnerst.
Klingt verrückt? Ist aber so.
Die Sache mit den Bildern und den Wörtern
Forschende der LMU München haben sich zusammen mit Kollegen vom Max-Planck-Institut in Berlin und der Universität Oxford eine scheinbar simple Frage gestellt: Hat unser Atemrhythmus einen Einfluss darauf, wann wir uns besonders gut an Dinge erinnern?
Für das Experiment mussten 18 Versuchspersonen 120 Bilder mit bestimmten Wörtern verknüpfen. Danach durften sie zwei Stunden Mittagsschlaf halten – was allein schon ein Grund wäre, an dieser Studie teilzunehmen – und wurden anschließend erneut getestet. Währenddessen zeichneten die Forschenden sowohl die Atmung als auch die Hirnaktivität auf.
Und siehe da: Die Probanden erinnerten sich besser an die Begriffe und Bilder, wenn die Hinweiswörter während oder kurz vor dem Einatmen präsentiert wurden.
Moment. Das heißt, der richtige Zeitpunkt zum Lernen ist… Einatmen? Ja. Aber warte, es wird noch komplizierter.
Einatmen ist nicht gleich Erinnern
Dr. Thomas Schreiner, der die Studie geleitet hat, erklärt: „Im EEG wird jedoch sichtbar, dass der eigentliche Erinnerungsabruf eher während der anschließenden Ausatmung stattfindet.” Also: Einatmen ist gut, um etwas aufzunehmen. Ausatmen ist gut, um es wieder hervorzuholen. Dein Gehirn arbeitet wie ein Blasebalg – nur eleganter.
Schreiner spricht von einer „funktionalen Zweiteilung”: Das Einatmen sei ein günstiger Moment, um den Hinweisreiz aufzunehmen, und das Ausatmen ein günstiger Moment für die eigentliche Rekonstruktion der Erinnerung im Gehirn.
Faszinierend, oder? Wir reden ständig davon, dass wir „tief durchatmen” sollen, wenn wir gestresst sind. Dass wir „erstmal Luft holen” sollen, bevor wir eine Entscheidung treffen. Dass jemand „frische Luft ins Unternehmen bringt”. Die Sprache wusste offenbar schon lange, was die Wissenschaft jetzt bestätigt.
Was im Gehirn passiert
Die Forschenden fanden im EEG zwei charakteristische Muster, die bei erfolgreichem Erinnern auftauchen. Erstens: Bestimmte Hirnwellen – die sogenannte Alpha- und Beta-Aktivität – schwächen sich ab. Das bedeutet vermutlich, dass das Gehirn sich stärker auf den Abruf fokussiert. Weniger Grundrauschen, mehr Konzentration.
Zweitens – und das ist besonders schön – beobachteten die Forschenden sogenannte Gedächtnisreaktivierungen. Das heißt: Beim Erinnern tauchen im Gehirn genau die neuronalen Muster wieder auf, die auch beim Lernen aktiv waren.
Dein Gehirn spielt also die Original-Aufnahme noch einmal ab. Wie eine Schallplatte, die du nach Jahren aus dem Regal holst. Und der Atemrhythmus bestimmt, wann der Plattenspieler anspringt.
Dein Körper weiß mehr, als du denkst
Was an dieser Studie beeindruckt, ist nicht die einzelne Erkenntnis. Es ist das Gesamtbild. Die Forschenden fanden nämlich auch heraus, dass die Synchronisation zwischen Atmung und Gedächtnisprozessen individuell unterschiedlich ist. Bei manchen Menschen arbeiten Hirn und Lunge wie ein eingespieltes Orchester. Bei anderen eher wie eine Schulband nach den Sommerferien. Und je besser das Zusammenspiel, desto besser das Erinnern.
Schreiner bringt es auf den Punkt: „Die Atmung ist ein natürlicher Taktgeber für Gedächtnisprozesse und das verdeutlicht, wie eng Körper und Gehirn miteinander interagieren.”
Wir tun oft so, als wäre das Gehirn der Chef und der Körper nur das Transportmittel. Der Kopf denkt, der Rest trägt ihn durch die Gegend. Aber so funktioniert das nicht. Dein Körper denkt mit. Dein Atem denkt mit. Jedes Mal, wenn du einatmest, öffnest du ein Fenster für neue Informationen. Jedes Mal, wenn du ausatmest, gibst du deinem Gehirn Raum, das Gelernte zu sortieren.
Was du damit anfangen kannst
Du willst jetzt wahrscheinlich einen praktischen Tipp. Irgendetwas, das du morgen früh ausprobieren kannst. Atme dreimal tief ein, bevor du die Vokabeln lernst. Halte die Luft an, wenn du dir eine Telefonnummer merken willst. Irgendsowas. Wir von Minerva-Vision erzählen keinen Bullshit, deshalb: die Studie gibt offiziell noch keine Empfehlung her. Was sie aber gibt: einen klaren, messbaren Effekt. Das ist kein Placebo, das ist im EEG sichtbar. Die Probanden haben sich tatsächlich besser erinnert, wenn der Hinweisreiz beim Einatmen kam. Was noch fehlt, ist der Nachweis, dass du diesen Effekt bewusst nutzen kannst – also ob es funktioniert, wenn du absichtlich einatmest, bevor du etwas lernst, oder ob das Ganze nur unbewusst im Hintergrund läuft.
Aber mal pragmatisch gedacht: Was hast du zu verlieren?
Wenn du vor einer wichtigen Info kurz bewusst einatmest, passiert im schlimmsten Fall nichts. Im besten Fall nutzt du einen natürlichen Mechanismus, den dein Körper sowieso hat. Es kostet nichts, schadet nicht, und die biologische Grundlage ist da.
Die Wissenschaft sagt „wir können noch keine offizielle Empfehlung aussprechen” – was sie auch muss, weil das der wissenschaftliche Standard ist. Aber die Daten deuten in eine ziemlich eindeutige Richtung. Beim Einatmen aufnehmen, beim Ausatmen verarbeiten. Das klingt nach einem Prinzip, das man ruhig mal ausprobieren kann.
Und darüber hinaus gibt uns diese Forschung etwas viel Grundlegenderes: das Wissen, dass unser Körper kein dummes Anhängsel ist, das wir mit ins Büro schleppen. Er ist Teil des Denkens.
Vielleicht ist das die eigentliche Botschaft. In einer Zeit, in der wir glauben, dass Denken nur im Kopf stattfindet und der Rest des Körpers bestenfalls stört, zeigt diese Forschung: Alles hängt zusammen. Dein Atem. Dein Gedächtnis. Dein Körper. Du.
Und jetzt? Atme einfach weiter. Du machst das gut.
Hier schreibt Jonas Weber vom Minerva-Vision-Team. Mit einer Mischung aus fundierter Forschung und einer Portion Humor vermittelt er komplexe Themen verständlich und unterhaltsam.Wenn er nicht gerade über die neuesten Erkenntnisse aus der Gehirnforschung schreibt, findet man ihn bei einem guten Espresso, auf der Suche nach dem perfekten Wortspiel oder beim Diskutieren über die großen Fragen des Lebens – zum Beispiel, warum man sich an peinliche Momente von vor zehn Jahren noch glasklar erinnert, aber nicht daran, wo man den Autoschlüssel hingelegt hat.




