Gesund bleiben

Wenn das Herz anders spricht

Eine Betrachtung über Frauen, Herzinfarkte und das fatale Missverständnis

Neulich erzählte mir eine Freundin – nennen wir sie Gisela – von ihrer Nachbarin. Eine resolute Person, Ende fünfzig, immer sehr beschäftigt: Enkel abholen, Garten pflegen, die Eltern im Heim besuchen, nebenbei noch halbtags arbeiten. Du kennst solche Frauen bestimmt auch. Die, bei denen man sich fragt: Wann schläft die eigentlich?

Jedenfalls hatte diese Nachbarin plötzlich furchtbare Rückenschmerzen, Übelkeit, und sie fühlte sich einfach “komisch erschöpft”. Ihr Mann sagte: “Dann leg dich halt mal hin.” Tat sie nicht. Ging zum Arzt. Der sagte: “Wahrscheinlich der Rücken. Und Stress.” Verschrieb Schmerzmittel.

Herzinfarkt sieht bei Frauen anders aus

Drei Tage später lag sie auf der Intensivstation. Herzinfarkt. Niemand hatte es erkannt. Sie selbst nicht, ihr Mann nicht, nicht mal der Arzt.

Weißt du, ich bin ja nun wahrlich keine Medizinerin. Ich lese Bücher, ich höre Musik, ich schaue mir Menschen an. Aber manchmal – manchmal stolpert man über Dinge, die einen fassungslos machen. Und dieses hier macht mich sehr fassungslos: Ein Herzinfarkt bei Frauen sieht völlig anders aus als bei Männern. Aber die meisten wissen das nicht.

Der Mann – ach, der klassische Mann mit seinem klassischen Herzinfarkt! – der greift sich dramatisch an die Brust, hat stechende Schmerzen, die in den linken Arm ausstrahlen, schwitzt, hat Todesangst. Das kennt man. Das haben wir alle schon in Filmen gesehen. George Clooney in “Emergency Room” wusste Bescheid.

Frauen werden anders krank. Warum weiß das keiner?

Die Frau? Die hat Rückenschmerzen. Übelkeit. Sie ist müde, entsetzlich müde. Ihr ist schwindelig. Vielleicht Magenschmerzen. Vielleicht ein komisches Druckgefühl, aber nicht da, wo man es erwartet. Nichts Dramatisches. Nichts Filmreifes. Nur so ein diffuses Gefühl: Irgendetwas stimmt nicht.

Und weil sie keine Schauspielerkarriere damit machen kann, weil es nicht ins Schema passt, denkt sie: Ach, wahrscheinlich überarbeitet. Zu viel Stress. Die Wechseljahre. Der Rücken vom Unkrautjäten. Irgendwas. Wird schon wieder.

Und alle um sie herum denken das auch. Bis es fast zu spät ist.

Das Perfide daran ist: Die Medizin – diese große, stolze, angeblich so objektive Wissenschaft – hat jahrzehntelang hauptsächlich Männer untersucht. Männerkörper waren die Norm. Der Mann war der Standard-Mensch, und die Frau war… naja, eine Art Sonderausgabe mit abweichenden Bauteilen. Dass ein Frauenherz anders reagiert, dass Hormone eine Rolle spielen, dass Symptome sich unterscheiden – ach, Kleinigkeiten!

Es ist zum Verzweifeln.

Stell dir das mal vor: Da liegt eine Frau im Krankenbett, hat überlebt, knapp, und sagt: “Ich dachte, ein Herzinfarkt tut richtig weh. Ich wollte nicht dramatisch sein.”

Nicht. Dramatisch. Sein.

Das ist doch der Punkt, oder? Wir Frauen – und ja, ich nehme mich da nicht aus – haben so oft gelernt, uns nicht anzustellen, durchzuhalten, zu funktionieren. Der Schmerz muss schon wirklich spektakulär sein, bevor wir uns erlauben, Alarm zu schlagen. Und wenn er dann nicht so aussieht wie im Lehrbuch – also wie im Männer-Lehrbuch –, dann denken wir: Ach, wird schon nichts sein.

Aber weißt du was? Manchmal ist es eben doch etwas. Und manchmal kann dieses “nicht dramatisch sein wollen” tödlich enden.

Ich frage mich: Wie viele Frauen sind gestorben, weil sie dachten, sie bilden sich das nur ein?

Weil der Arzt sie nicht ernst genommen hat? Weil niemand wusste, dass ein Herzinfarkt bei Frauen leise daherkommt, unspektakulär, fast entschuldigend?

Es ändert sich gerade etwas. Langsam, viel zu langsam, aber es ändert sich. Es gibt heute Ärztinnen und Ärzte, die wissen Bescheid. Es gibt Aufklärung. Es gibt Forschung, die endlich beide Geschlechter ernst nimmt.

Und es gibt uns. Die wir anfangen zu verstehen: Wenn uns etwas seltsam vorkommt am eigenen Körper, wenn wir uns “komisch” fühlen – dann ist das kein Anstellerei. Dann ist das ein Signal.

Nimm dich ernst!

Also, wenn du das nächste Mal dieses diffuse Gefühl hast, dass irgendetwas nicht stimmt – geh zum Arzt. Besteh darauf, untersucht zu werden. Lass dich nicht mit “Das ist bestimmt nur Stress” abspeisen. Dein Körper spricht zu dir. Hör hin.

Und wenn du jemanden kennst – eine Freundin, eine Schwester, eine Mutter –, die über Rückenschmerzen klagt, die unerklärlich müde ist, die sich “irgendwie komisch” fühlt: Hör auch da hin. Frag nach. Bleib dran. Sei ruhig dramatisch.

Giselas Nachbarin übrigens hat überlebt. Sie hat jetzt einen Stent, sie nimmt Medikamente, und sie ist verdammt wütend darüber, dass sie selbst nicht früher Alarm geschlagen hat.

Manchmal ist ein lauter Aufschrei lebensrettend.

Pass auf dich auf.

Deine Ute

Quelle: Das Bundesministerium für Forschung stärkt seit 2017 die geschlechtersensible Forschung in Deutschland und fördert Studien zu geschlechtsbedingten Unterschieden bei Versorgung und Prävention Wichtige Erkenntnisse: Ein Herzinfarkt äußert sich bei Frauen anders als bei Männern, ebenso unterscheiden sich die Symptome einer Depression.

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