Mindful Moments

Warum ihr ausseht wie Onkel Herbert

Kennt ihr das? Ihr steht auf einer Familienfeier, und irgendeine Tante, die ihr seit der Konfirmation nicht mehr gesehen habt, greift euch ins Gesicht und sagt: โ€žDie Nase! Ganz der Vater! Aber der Mund โ€“ das ist Oma Hildegard, wie sie leibt und lebt!”

Und ihr steht da mit eurem Kartoffelsalat und fragt euch: Warum? Warum habe ich Papas Nase, aber nicht sein Talent, Witze zu erzรคhlen? Warum hat meine Schwester Mamas Wangenknochen abbekommen und ich dieses Kinn, das aussieht, als hรคtte jemand beim Modellieren aufgegeben?

Jetzt gibt es Antworten. Und sie kommen โ€“ haltet euch fest โ€“ aus Plรถn. In Schleswig-Holstein. Wo sonst die Kรผhe glรผcklich sind und die Seen glitzern, sitzen offenbar auch Wissenschaftler, die herausgefunden haben, warum eure Gesichter so aussehen, wie sie aussehen.

Die geheimen Postleitzahlen in eurem Embryo

Also, passt auf. Als ihr noch ein winziger Zellhaufen wart โ€“ so etwa daumennagelgroรŸ, ohne Meinung und ohne Instagram-Account โ€“, da wussten bestimmte Zellen in eurem werdenden Gesicht bereits ganz genau, was sie mal werden wollen.

Nicht, weil ihnen das jemand gesagt hรคtte. Nicht, weil sie einen Plan gelesen hรคtten. Sondern weil sie so etwas wie eine molekulare Postleitzahl trugen. Eine Art genetisches โ€žHier entsteht demnรคchst: Nase” oder โ€žBaustelle Oberlippe”.

Die Wissenschaftler nennen das โ€žPositionsprogramme”. Ich nenne es: unfassbar.

Diese Zellen โ€“ sie heiรŸen mesenchymale Zellen, falls ihr auf der nรคchsten Familienfeier zurรผckschlagen wollt โ€“ wussten also schon, wo sie waren, bevor sie wussten, was sie werden wรผrden. Stellt euch das mal vor: Ihr wisst, dass ihr in Hamburg-Eppendorf wohnt, aber noch nicht, ob ihr Zahnarzt oder Bรคcker werdet.

โ€žBevor das Gesicht sichtbar wird, wissen die Zellen bereits genau, wo sie sich befinden”, sagt Dr. Markรฉta Kauckรก, die diese Studie geleitet hat. Und wenn eine Wissenschaftlerin so etwas sagt, dann klingt das nicht nach Esoterik, sondern nach sechzigtausend analysierten Mรคusezellen und Jahren akribischer Arbeit.

Das groรŸe Erbe-Mikado

Jetzt kommt der Teil, der erklรคrt, warum ihr bei manchen Merkmalen gedacht habt: Das ist SO ungerecht.

Diese Positionsprogramme โ€“ also diese molekularen Postleitzahlen โ€“ sind der Grund dafรผr, dass ihr die Nase von einem Elternteil erben kรถnnt und den Mund vom anderen. Jede Gesichtsregion hat ihre eigene zellulรคre Zustรคndigkeit. Wie Ressorts in einer Regierung. Das Nasenressort arbeitet unabhรคngig vom Lippenministerium.

Das erklรคrt, warum Geschwister manchmal aussehen, als kรคmen sie aus verschiedenen Familien. Warum euer Bruder das markante Kinn gekriegt hat und ihr das weiche. Warum manche Menschen aussehen wie perfekte Mischungen ihrer Eltern und andere wie Zufallsprodukte eines genetischen Wรผrfelspiels.

Es ist kein Wรผrfelspiel. Es ist Prรคzision. Nur eben eine Prรคzision, die wir nicht kontrollieren kรถnnen.

Was schiefgehen kann

Wenn diese Programme gestรถrt werden โ€“ durch Mutationen zum Beispiel โ€“, dann entstehen kraniofaziale Syndrome. Das sind angeborene Fehlbildungen des Gesichts, und sie kรถnnen das Leben der Betroffenen erheblich beeinflussen.

Die Forscher in Plรถn haben deshalb einen Online-Atlas verรถffentlicht. Gen fรผr Gen. Stadium fรผr Stadium. Damit andere Wissenschaftler weiterforschen kรถnnen. Damit ร„rzte vielleicht eines Tages besser verstehen, was da passiert, wenn etwas nicht so lรคuft wie geplant.

Das ist nicht nur faszinierend. Das ist wichtig.

Was das alles mit euch zu tun hat

Ihr fragt euch jetzt vielleicht: Und was mache ich mit diesem Wissen? Kann ich meine Nase jetzt besser akzeptieren?

Vielleicht. Vielleicht hilft es zu wissen, dass euer Gesicht kein Zufall ist. Dass winzige Zellen, als ihr noch kleiner wart als eine Erdnuss, schon einen Plan hatten. Dass sie sich koordiniert haben, kommuniziert haben, gewusst haben, was sie tun.

Euer Gesicht ist das Ergebnis eines unglaublich komplexen Prozesses. Eines Prozesses, den die Wissenschaft gerade erst zu verstehen beginnt.

Und wenn euch das nรคchste Mal jemand auf einer Familienfeier sagt: โ€žDie Nase! Ganz der Vater!” โ€“ dann kรถnnt ihr lรคcheln und antworten: โ€žJa, die mesenchymalen Zellen mit den richtigen Positionsprogrammen haben ganze Arbeit geleistet.”

Das wird die Tante kurz aus dem Konzept bringen. Was euch Zeit gibt, noch einen Kartoffelsalat zu holen.


P.S.: Falls ihr jetzt neugierig geworden seid โ€“ den Atlas findet ihr online beim Max-Planck-Institut. Fรผr alle, die schon immer wissen wollten, was zwischen Tag neun und Tag dreizehn der Embryonalentwicklung mit ihrer Oberlippe passiert ist. Ich persรถnlich schaue mir lieber alte Familienfotos an. Ist emotionaler.

Hier schreibt: Marlene Sommer รผbersetzt komplizierte Forschungsergebnisse in unterhaltsame Kolumnen, die zeigen, dass die Natur oft absurder ist als jede Dating-App. Nach ihrer eigenen chaotischen Scheidung vor drei Jahren hat sie ein besonderes Gespรผr fรผr die Abgrรผnde zwischenmenschlicher Beziehungen entwickelt.

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