Trudi und der Morgenkaffee
Jeden Morgen das gleiche Ritual: Der Wecker klingelt, ich tapse verschlafen in die Küche, und Trudi folgt mir auf leisen Pfoten. Nicht wegen des Futters – das kommt später. Sie folgt mir wegen des Kaffees.
Während die Maschine gurgelt und zischt, setzt sie sich neben mich und wartet. Nicht ungeduldig, nicht fordernd, sondern einfach… da. Als wäre sie der stille Zeuge meines Erwachens.
“Guten Morgen, Trudi”, murmle ich und kraule ihr den Kopf.
Sie schnurrt leise und reibt sich an meinem Bein. Das ist unser Guten-Morgen-Gruß. Kein großes Drama, keine überschwängliche Begrüßung. Nur dieses sanfte Reiben, das sagt: “Ich bin da. Du bist da. Alles ist gut.”
Der Kaffee ist fertig. Ich gieße ihn in meine Lieblingstasse – die mit dem Sprung am Henkel, die ich trotzdem nicht wegwerfen kann – und setze mich an den Küchentisch. Trudi springt auf den Stuhl mir gegenüber und schaut mich an.
“Du willst keinen Kaffee”, sage ich zu ihr. “Katzen trinken keinen Kaffee.”
Aber sie bleibt sitzen. Beobachtet mich beim ersten Schluck, bei dem tiefen Atemzug, bei dem langsamen Erwachen. Als würde sie verstehen, dass dieser Moment wichtig ist. Dass ich diese paar Minuten brauche, um vom Schlaf ins Leben zu finden.
Manchmal erzähle ich ihr von meinen Träumen. Von dem, was ich vorhabe an diesem Tag. Von den kleinen Sorgen, die mich beschäftigen. Sie hört zu mit gespitzten Ohren, als würde sie jedes Wort verstehen.
“Du bist eine gute Zuhörerin”, sage ich zu ihr.
Sie blinzelt mir zu. Dieses langsame Blinzeln, das bei Katzen “Ich liebe dich” bedeutet.
Draußen wird es langsam hell. Die Vögel beginnen zu singen. Die Welt erwacht. Aber hier in der Küche ist es noch still, noch friedlich. Nur eine Frau mit ihrer Kaffeetasse und eine Katze, die Gesellschaft leistet.
Nach dem zweiten Kaffee stehe ich auf, dusche mich, ziehe mich an. Der Tag beginnt. Aber diese ersten Minuten, diese stille Zweisamkeit, die gehört uns. Das ist unser kleines Morgengeheimnis.
“Danke”, sage ich zu Trudi, bevor ich das Haus verlasse.
Sie miaut leise. Als wollte sie sagen: “Bis heute Abend.”
Manchmal sind die wichtigsten Gespräche die stummen. Und die besten Freunde die, die einfach da sind, ohne etwas zu wollen. Außer Gesellschaft.
Hier schreibt: Lilo Sommer lebt mit ihrer Katze Trudi in einer alten Stadtwohnung voller Bücher, Teetassen und zerfetzter Sofakissen. Sie liebt Jazz, Weißwein und diese stillen Momente, in denen Trudi schnurrend auf ihrem Bauch entspannt und sie anblinzelt, als wüsste sie alle Antworten auf das Leben, aber ihr trotzdem keine verrät. Wenn sie nicht gerade Trudis Launen deutet oder den nächsten Kissenbezug in Sicherheit bringt, schreibt sie für Deutschlands phantastisches Katzenmagazin Our Cats. (An jedem Kiosk oder im www.minervastore.de. Denn wer mit einer Katze lebt, weiß: Da gibt es immer was zu erzählen.




