Rückenschmerzen: Was wir denken, entscheidet, wie wir leiden
Ein Forschungsprojekt in Bochum untersucht unsere Vorstellungen vom Kreuz mit dem Kreuz – und warum die wichtiger sind, als wir ahnen
Ach, der Rücken. Dieses undankbare Ding, das uns durchs Leben trägt und sich dann plötzlich meldet, als hätte es jahrelang nur darauf gewartet. Fast alle kennen das: dieses Ziehen, dieses Stechen, dieses dumpfe Mahnen, dass irgendetwas nicht stimmt. Rückenschmerzen sind in Deutschland so verbreitet wie schlechte Laune im November. Aber – und das ist das Faszinierende – wie wir über diese Schmerzen denken, verändert tatsächlich, wie wir sie erleben.
Warum Aberglauben schadet
Deborah Jost von der Hochschule Bochum beschäftigt sich in ihrer Doktorarbeit mit genau dieser Frage. Im Projekt „BACKCamPAIN” führt sie gerade eine Online-Umfrage durch, um herauszufinden: Was glauben die Menschen eigentlich über Rückenschmerzen? Woher haben sie ihr Wissen? Und welche Mythen geistern durch die Köpfe?
„Wir möchten besser verstehen, wie Rückenschmerzen in der Bevölkerung wahrgenommen werden und welche Vorstellungen es über Ursachen und Behandlungsmöglichkeiten gibt”, sagt Jost. „Dieses Wissen ist entscheidend, um künftig gezielter auf verbreitete Fehlannahmen eingehen und wissenschaftlich fundierte Informationen effektiv vermitteln zu können.”
Man muss das ernst nehmen. Denn zwischen Oma Ernas Ratschlägen, Dr. Google und dem letzten Physiotherapeuten liegt oft eine Welt voller Widersprüche. Wer glaubt, sein Rücken sei aus Glas und jede Bewegung eine Katastrophe, der bewegt sich nicht mehr – und macht alles nur schlimmer.
Wir müssen wissen, was uns gut tut
Das Schöne an diesem Forschungsprojekt unter Leitung von Prof. Dr. Daniel Belavy und Prof. Dr. Katja Ehrenbrusthoff: Es bleibt nicht bei der Umfrage. In drei Schritten soll zunächst erfasst werden, was die Menschen denken. Dann wird ein Aufklärungsangebot entwickelt. Und schließlich wird in einer Pilotstudie getestet, ob dieses Angebot tatsächlich hilft.
„Unser langfristiges Ziel ist es, wissenschaftlich fundiertes Wissen über Rückenschmerzen verständlich und leicht zugänglich zu machen – für eine besser informierte Bevölkerung und eine verbesserte Versorgung”, betont Ehrenbrusthoff.
Das klingt vernünftig. Mehr noch: Es klingt nach etwas, das wirklich fehlt. Denn Hand aufs Herz – wer von uns weiß denn wirklich, was seinem Rücken guttut und was nicht?
Dreißig Minuten für einen gesünderen Rücken
Die Umfrage ist anonym, dauert etwa dreißig Minuten und steht allen ab 18 Jahren offen. Ob du schon Rückenschmerzen hattest oder nicht, spielt keine Rolle. Deine Sichtweise zählt. Vielleicht ist es genau deine Teilnahme, die dazu beiträgt, dass wir alle künftig besser mit unserem Rücken umgehen – informierter, entspannter, ohne die alten Angstgeschichten.
Die Umfrage findet ihr hier:
www.hochschule-bochum.de/forschung/backcampain-rekrutierungsseite-zu-der-ersten-studie
Und nun entschuldigt mich, ich muss mich hinsetzen. Der Rücken, ihr versteht.
Foto: Prof. Dr. Daniel Belavy, Doktorandin Deborah Jost und Prof. Dr. Katja Ehrenbrusthoff (v.l.n.r.) | Copyright: HSBO
Marlene Sommer übersetzt komplizierte Forschungsergebnisse in unterhaltsame Kolumnen, die zeigen, dass die Natur oft absurder ist als jede Dating-App. Nach ihrer eigenen chaotischen Scheidung vor drei Jahren hat sie ein besonderes Gespür für die Abgründe zwischenmenschlicher Beziehungen entwickelt.




