Meine Mutter verschenkte ihre Rente โ warum ich zusah und was ich daraus gelernt habe
Das Wichtigste in Kรผrze: Warum so viele Frauen bei der Scheidung ihre Rente verschenken
Der Verzicht auf den Versorgungsausgleich ist einer der teuersten Fehler, den Frauen bei einer Scheidung machen kรถnnen. Bei diesem Ausgleich werden die wรคhrend der Ehe erworbenen Rentenansprรผche hรคlftig geteilt โ wer darauf verzichtet, oft aus dem Wunsch heraus โnett zu sein” oder die Scheidung zu beschleunigen, riskiert Altersarmut. Die Rentenlรผcke zwischen Frauen und Mรคnnern liegt bereits bei rund 40 Prozent.
โจ Minerva VISION Insight: Gerichte kรถnnen einen Verzicht zwar als โsittenwidrig” einstufen โ aber das passiert selten. Warum das so ist und wie du dich schรผtzt, erfรคhrst du im Artikel.
Aber lies weiter…
รber den teuersten Fehler, den Frauen bei der Scheidung machen โ und warum โnett sein” uns arm macht
Ich erinnere mich noch genau an den Tag, als meine Mutter mir erzรคhlte, dass sie auf den Versorgungsausgleich verzichtet hatte. Sie sagte es so beilรคufig, als wรผrde sie mir berichten, dass sie beim Einkaufen die Butter vergessen hatte. โAch, das mit der Rente โ das haben wir so geregelt. Dein Vater behรคlt seine Pension, dafรผr geht die Scheidung schneller durch.”
Ich war Mitte dreiรig damals. Und ich verstand nicht, was sie da gerade gesagt hatte. Nicht wirklich.
Mein Vater ist pensionierter Lehrer. Er hat sein Leben lang in ein System eingezahlt, das ihm heute eine komfortable Beamtenpension sichert. Meine Mutter? Sie hat drei Kinder groรgezogen, den Haushalt geschmissen, meinem Vater den Rรผcken freigehalten fรผr seine Karriere. Sie hat nebenher gearbeitet โ Teilzeit, wie es damals eben รผblich war. Ihre eigene Rente? Ein Witz. Ein schlechter.
Und dann hat sie bei der Scheidung auch noch auf ihren Anteil an seiner Pension verzichtet.
Warum tun wir das?
Ich habe lange gebraucht, um zu verstehen, was da eigentlich passiert war. Und je mehr ich darรผber nachdachte, desto wรผtender wurde ich. Nicht nur auf meinen Vater โ obwohl er als Akademiker ganz genau wusste, was er da tat. Sondern auch auf meine Mutter. Und auf mich selbst, weil ich nicht eingegriffen hatte.
Kennst du das? Dieses Gefรผhl, wenn du merkst, dass jemand, den du liebst, einen riesigen Fehler macht โ und du stehst daneben und sagst nichts?
Heute weiร ich: Meine Mutter ist kein Einzelfall. Im Gegenteil. Was ihr passiert ist, passiert Tausenden von Frauen in Deutschland. Jeden Tag.
Die geschlechtsspezifische Rentenlรผcke zwischen Frauen und Mรคnnern liegt bei etwa 40 Prozent. Frauen bekommen im Schnitt deutlich weniger Rente als Mรคnner โ und geschiedene Frauen trifft es besonders hart. Nach einer Scheidung haben Frauen rund 40 Prozent weniger Geld zur Verfรผgung, wรคhrend Mรคnner mit nur etwa sieben Prozent weniger auskommen mรผssen.
Das sind keine abstrakten Zahlen. Das ist die Realitรคt meiner Mutter. Und vielleicht auch deine.
Der Versorgungsausgleich โ und warum er so wichtig ist
Lass mich kurz erklรคren, worum es eigentlich geht. Beim Versorgungsausgleich werden die wรคhrend der Ehezeit erworbenen Rentenansprรผche zwischen den Ehepartnern aufgeteilt. Die Idee dahinter: Wer wรคhrend der Ehe weniger gearbeitet hat โ etwa weil er oder sie sich um Kinder gekรผmmert hat โ soll im Alter nicht schlechter gestellt werden.
Bei einer Scheidung ermittelt das Familiengericht automatisch, welche Rentenanwartschaften beide Partner wรคhrend der Ehe erworben haben. Diese werden dann hรคlftig geteilt. Klingt fair, oder?
Das Problem: Man kann darauf verzichten. Und genau das tun viele Frauen.
Meine Mutter hat es getan. Sie wollte โkeinen Streit”. Sie wollte, dass es โschnell geht”. Sie wollte meinem Vater โnicht alles wegnehmen”.
Ich kรถnnte schreien, wenn ich das heute hรถre.
Warum Frauen zu nett sind โ und was es sie kostet
Ich habe mich lange gefragt, warum meine Mutter das gemacht hat. Sie ist keine dumme Frau. Sie hat studiert. Sie hat ein Leben lang funktioniert, organisiert, gemanagt.
Aber als es darum ging, fรผr sich selbst einzustehen โ da hat sie gekniffen.
Und weiรt du was? Das ist kein individuelles Versagen. Das ist ein Muster. Ein Muster, das wir Frauen von klein auf lernen.
Sei nicht zu fordernd. Sei nicht gierig. Sei nett. Mach keinen รrger.
Diese Botschaften sitzen tief. So tief, dass viele Frauen selbst dann nicht fรผr sich kรคmpfen, wenn es um ihre finanzielle Existenz geht.
Frauen, die in Scheidungsverhandlungen energisch auftreten, werden oft als aggressiv oder unsympathisch wahrgenommen. Diese gesellschaftlichen Vorurteile fรผhren dazu, dass sich Frauen in Scheidungsverfahren unterbewertet fรผhlen und ihre Forderungen einschrรคnken. Da ist diese innere Stimme, die sagt: Du willst doch nicht zu aggressiv sein. Du willst die anderen nicht verรคrgern.
Aber was kostet uns diese Nettigkeit? Unsere Rente. Unsere Altersvorsorge. Unsere Wรผrde im Alter.
Mehr als 70 Prozent der Frauen erleben bei einer Scheidung oder dem Tod ihres Partners unerwartete finanzielle Verluste. Das liegt auch daran, dass viele gar nicht wissen, wo das gemeinsame Geld eigentlich steckt. Manche unterschreiben jahrelang blind die Steuererklรคrung, ohne jemals einen Blick hineinzuwerfen.
Was ich bei meiner Mutter beobachtet habe
Meine Mutter wusste wรคhrend der Ehe nicht, wie viel mein Vater genau verdiente. Sie wusste nicht, welche Pensionsansprรผche er hatte. Sie hat ihm vertraut. Und als die Scheidung kam, stand sie da โ ohne รberblick, ohne Plan, ohne Strategie.
Mein Vater hingegen? Der wusste genau, was er tat. Als pensionierter Beamter hatte er jahrzehntelang Versorgungsanwartschaften aufgebaut. Seine Pension ist an sein Gehalt gekoppelt und steigt mit jeder Besoldungsanpassung. Bei Beamten werden die Versorgungsbezรผge im Rahmen des Versorgungsausgleichs geteilt โ es sei denn, man verzichtet darauf.
Und genau das hat meine Mutter getan.
Der Verzicht auf den Versorgungsausgleich muss รผbrigens notariell beurkundet werden oder im Scheidungstermin protokolliert werden, wenn beide Partner anwaltlich vertreten sind. Das Gericht prรผft eigentlich, ob der Verzicht sittenwidrig ist โ etwa wenn ein Partner offensichtlich einseitig benachteiligt wird.
Aber โsittenwidrig” ist ein dehnbarer Begriff. Und wenn eine Frau freiwillig unterschreibt, dann ist es eben ihr Problem.
Wann ein Verzicht als sittenwidrig gilt โ und wann nicht
Hier wird es juristisch, aber bleib dran โ das ist wichtig.
Ein Verzicht auf den Versorgungsausgleich kann vom Gericht als unwirksam eingestuft werden, wenn ein Ehepartner offensichtlich einseitig benachteiligt wird. Das ist besonders bei lรคngeren Ehen der Fall, wenn ein Partner nicht berufstรคtig war, um Kinder groรzuziehen, und deshalb nur geringe eigene Rentenansprรผche hat.
Meine Eltern waren fast 30 Jahre verheiratet. Meine Mutter hat den Groรteil dieser Zeit die Familie versorgt. Klassischer Fall, wรผrde man meinen.
Aber: Verzichtet ein Ehegatte nicht nur auf den Versorgungsausgleich, sondern auch auf Zugewinn und Unterhalt, prรผfen die Gerichte manchmal besonders streng. Manchmal. Nicht immer.
Und selbst wenn eine Vereinbarung theoretisch anfechtbar wรคre โ wer hat schon die Kraft und das Geld, nach einer Scheidung noch einen Rechtsstreit anzufangen?
Meine Mutter jedenfalls nicht.
Was du anders machen kannst
Ich schreibe das hier nicht, um mit dem Finger auf meine Mutter zu zeigen. Ich schreibe das, weil ich nicht will, dass dir dasselbe passiert. Oder deiner Schwester. Oder deiner besten Freundin.
Also hier ist, was ich gelernt habe:
Verschaff dir einen รberblick โ jetzt, nicht erst bei der Scheidung. Wie viel verdient dein Partner? Welche Rentenansprรผche hat er aufgebaut? Welche hast du? Wenn du diese Fragen nicht beantworten kannst, ist das ein Problem. Kein kleines.
Unterschreibe nichts, was du nicht verstehst. Klingt banal, ist es aber nicht. Ein Verzicht auf den Versorgungsausgleich kann in der Regel nicht rรผckgรคngig gemacht werden. Einmal unterschrieben, ist er meist endgรผltig.
Lass dich beraten โ von deinem eigenen Anwalt. Nicht vom Anwalt deines Mannes. Nicht vom gemeinsamen Notar. Von deinem eigenen Anwalt, der nur deine Interessen vertritt.
Hรถr auf, nett sein zu wollen. Ich weiร, das klingt hart. Aber eine Scheidung ist keine Situation, in der du Sympathiepunkte sammeln musst. Es geht um deine Zukunft. Um deine Rente. Um die Frage, ob du im Alter in Wรผrde leben kannst oder jeden Euro zweimal umdrehen musst.
Denk langfristig. Viele Frauen wollen, dass die Scheidung schnell รผber die Bรผhne geht. Verstรคndlich. Aber der Versorgungsausgleich beansprucht Zeit, weil erst die Rentenauskรผnfte aller Versorgungstrรคger eingeholt werden mรผssen. Diese Zeit ist gut investiert. Denn was du heute aufgibst, fehlt dir in 20 oder 30 Jahren.
Und wenn es schon zu spรคt ist?
Vielleicht liest du das hier und denkst: Bei mir ist das Schiff lรคngst abgefahren. Die Scheidung ist durch, der Verzicht unterschrieben.
Ich will dir keine falschen Hoffnungen machen. In den meisten Fรคllen ist ein Verzicht auf den Versorgungsausgleich bindend und nicht rรผckgรคngig zu machen.
Aber es gibt Ausnahmen. In manchen Fรคllen kann der Versorgungsausgleich nachtrรคglich abgeรคndert werden โ etwa wenn sich die Umstรคnde wesentlich geรคndert haben. Das ist kompliziert und erfordert einen Antrag beim Familiengericht, aber es ist nicht vรถllig unmรถglich.
Und selbst wenn rechtlich nichts mehr zu holen ist: Du kannst trotzdem anfangen, deine Finanzen selbst in die Hand zu nehmen. Auch mit Mitte 40 oder 50 ist es nicht zu spรคt, Geld anzulegen und fรผr das Alter vorzusorgen. Wer mit 45 Jahren beginnt, monatlich einen festen Betrag zu investieren, kann bis zum Rentenalter noch ein ordentliches Polster aufbauen.
Das gleicht vielleicht nicht aus, was verloren gegangen ist. Aber es gibt dir ein Stรผck Kontrolle zurรผck.
Was ich meiner Mutter heute sage
Ich habe lange gebraucht, bis ich mit meiner Mutter darรผber reden konnte. Ohne Vorwรผrfe, ohne Wut.
Heute sage ich ihr: Es war nicht deine Schuld. Du hast getan, was du in dem Moment fรผr richtig gehalten hast. Du wolltest keinen Krieg. Du wolltest Frieden.
Aber ich sage ihr auch: Ich werde diesen Fehler nicht wiederholen. Und ich werde alles tun, damit andere Frauen ihn auch nicht machen.
Denn das Schlimmste an der ganzen Geschichte ist nicht, dass meine Mutter auf Geld verzichtet hat. Das Schlimmste ist, dass sie dachte, sie hรคtte keine andere Wahl. Dass sie glaubte, โnett sein” und โfรผr sich einstehen” wรผrden sich gegenseitig ausschlieรen.
Das tun sie nicht.
Du kannst respektvoll sein und trotzdem deine Rechte einfordern. Du kannst eine Scheidung ohne Rosenkrieg durchziehen und trotzdem darauf bestehen, dass du bekommst, was dir zusteht.
Das ist nicht gierig. Das ist nicht aggressiv. Das ist schlicht und einfach: klug.
Ein letzter Gedanke
Meine Mutter ist heute 68. Sie lebt von einer kleinen Rente und muss jeden Monat rechnen. Mein Vater genieรt seine Beamtenpension โ komfortabel, sorgenfrei.
Ich liebe meine Mutter. Aber wenn ich an ihre Situation denke, dann weiร ich: Das darf nicht normal sein. Das darf nicht der Preis sein, den Frauen dafรผr zahlen, dass sie ihr Leben der Familie gewidmet haben.
Wir mรผssen aufhรถren, zu nett zu sein. Wir mรผssen anfangen, fรผr uns einzustehen.
Nicht irgendwann. Jetzt.
Du stehst gerade selbst vor einer Scheidung oder kennst jemanden, der diesen Artikel lesen sollte? Dann teile ihn. Denn manchmal kann ein Text mehr verรคndern als tausend gut gemeinte Ratschlรคge.
รber die Autorin
Julia Klimt schreibt fรผr Minerva VISION รผber Psychologie und Selbstentwicklung. Ihre Texte richten sich an Frauen, die in der Lebensmitte ihre eigene Geschichte verstehen und neu schreiben mรถchten.




