Fasten macht scharf?
Was die Lust wachsen lässt!
Es gibt Studien, die liest man zweimal. Nicht etwa, weil sie kompliziert sind – sondern weil man beim ersten Mal denkt: Moment mal, was? So geschehen bei einer neuen Veröffentlichung des Deutschen Zentrums für Neurodegenerative Erkrankungen (DZNE). Darin steht: Männliche Mäuse, die regelmäßig fasten, haben mehr Sex.
Ja, Sie haben richtig gelesen. Die Nager, die alle 24 Stunden eine Zwangsdiät einlegten, legten auch sonst ordentlich los – im Liebesleben. Und nicht nur das: Selbst die älteren Semester unter den Mäuserichen, deren Testosteronspiegel schon etwas gediegen war, hatten erstaunlich viele Nachkommen. Warum? Weil sie einfach öfter zur Sache gingen. Oder wie der Wissenschaftler Dan Ehninger trocken sagte: „Es lag am Verhalten.“
Lust statt Laster – der Serotonin-Trick
Aber warum steigt bei Mäusen auf Diät plötzlich der Sexualtrieb? Die Antwort liegt im Gehirn – und in einem bekannten Stimmungsmacher: Serotonin. Klingt erstmal paradox. Schließlich gilt der Botenstoff als „Glückshormon“. Doch bei näherem Hinsehen zeigt sich: Zu viel Serotonin wirkt auch als Libido-Bremse. Und genau die fehlte den fastenden Mäusen. Ihre Serotonin-Werte waren deutlich niedriger – weil ihnen durch das Fasten das nötige Tryptophan aus der Nahrung fehlte. Tryptophan ist eine Aminosäure, die der Körper braucht, um Serotonin herzustellen. Gibt’s die nicht – bleibt das Serotonin aus. Und offenbar auch die Zurückhaltung.
Mit anderen Worten: Die Mäuse waren sexuell… wie soll ich sagen… ungebremst spontan.
Vom Mäuserich zum Mann?
Jetzt wird’s spannend – auch für alle Zweibeiner: Könnte das Fasten auch beim Menschen die Libido steigern? Die Forscher sagen: Gut möglich! Schließlich reguliert Serotonin auch bei uns das sexuelle Verlangen. Medikamente gegen Depressionen, sogenannte SSRIs, erhöhen den Serotonin-Spiegel – und eine bekannte Nebenwirkung ist: Die Lust geht flöten. Die Umkehrung könnte also auch stimmen: Weniger Serotonin, mehr Libido.
Aber bevor Sie jetzt begeistert Kühlschrank und Vorratskammer leer räumen – Vorsicht: Die Wirkung zeigte sich bei den Mäusen erst nach sechs Wochen bis sechs Monaten. Und der Effekt trat nicht bei jeder Art des Fastens auf. Also bitte nicht morgen mit der Karottendiät durchstarten in der Hoffnung auf ein sinnlicheres Wochenende.
Hypo… was?
Dass fehlende Lust kein reines „Männerding“ ist, wissen viele aus dem echten Leben. Der Fachbegriff dafür lautet „Hypoactive Sexual Desire Disorder“ – und er betrifft vor allem ältere Erwachsene. Für manche Menschen ist das kein Problem. Für andere schon. Wenn also eine einfache Maßnahme wie das Intervallfasten helfen kann, wäre das ein spannender Therapieansatz – ganz ohne Rezeptpflicht.
Natürlich braucht es noch viele Studien, am besten nicht nur mit Mäusen, sondern auch mit Menschen. Doch schon jetzt zeigt sich: Fasten verändert mehr als nur das Gewicht – es verändert uns.
Und wer weiß – vielleicht heißt die nächste Diät dann nicht mehr “Low Carb”, sondern “High Love”.
Hier schreibt Jonas Weber. Mit einer Mischung aus fundierter Forschung und einer Portion Humor vermittelt er komplexe Themen verständlich und unterhaltsam.Wenn er nicht gerade über die neuesten Erkenntnisse aus der Gehirnforschung schreibt, findet man ihn bei einem guten Espresso, auf der Suche nach dem perfekten Wortspiel oder beim Diskutieren über die großen Fragen des Lebens – zum Beispiel, warum man sich an peinliche Momente von vor zehn Jahren noch glasklar erinnert, aber nicht daran, wo man den Autoschlüssel hingelegt hat.