Das Ende der Gefälligkeit
Hier schreibt die Ute. Über 50, mit mehr Lebenserfahrung als Faltencremes im Badezimmerschrank. Liebt Bücher, guten Rotwein und Gespräche, die auch mal wehtun dürfen. Sie hält nichts von Schönheitswahn und Fitness-Apps, aber viel von ehrlichen Worten und warmem Apfelkuchen. Mit Sahne.
Gestern im Supermarkt: Die Kassiererin war unfreundlich, hat meine Waren über den Scanner geprügelt und mir den Kassenbon praktisch ins Gesicht geworfen. Früher hätte ich gelächelt und “Danke, schönen Tag noch!” gesagt. Gestern habe ich gar nichts gesagt. Keinen falschen Dank, kein aufgesetztes Lächeln, keine Gefälligkeit. Und es hat sich verdammt gut angefühlt.
Meine Gefälligkeits-Vergangenheit
50 Jahre lang war ich die Königin der Gefälligkeit. Ich habe gelächelt, wenn mir nicht zum Lächeln war. Ich habe “Macht doch nichts!” gesagt, wenn es sehr wohl etwas machte. Ich habe “Ist schon okay” gemurmelt, wenn gar nichts okay war. Ich war höflich zu Menschen, die unhöflich zu mir waren. Ich war verständnisvoll für Verhalten, das unverzeihlich war. Ich war nett zu Leuten, die meine Nettigkeit nicht verdienten. Warum? Weil mir beigebracht wurde, dass das so gehört. Dass Frauen gefällig sein müssen. Harmonisch. Nie anstrengend.
Die Gefälligkeits-Konditionierung
“Sei nett zu den Menschen”, haben sie gesagt. “Auch wenn sie nicht nett zu dir sind.” “Lächle, auch wenn dir nicht danach ist.”, “Sei immer freundlich, dann mögen dich alle.” Ich habe das jahrzehntelang befolgt. Und was war das Ergebnis? Ich war erschöpft von all der falschen Freundlichkeit. Und die Menschen haben mich trotzdem nicht mehr gemocht als die, die ehrlich waren.
Der Moment der Erkenntnis
Es war an einem völlig normalen Dienstag. Ich stand in der Bäckerei, und die Verkäuferin machte einen Fehler. Statt sich zu entschuldigen, blaffte sie mich an: “Das hätten Sie auch gleich deutlicher sagen können!” Automatisch wollte ich antworten: “Ach, macht doch nichts, kann passieren.” Aber dann stoppte ich. Warum sollte ich mich entschuldigen für ihren Fehler? Warum sollte ich sie auch noch trösten? “Nein”, sagte ich stattdessen. “Das hätten Sie richtig machen können. Das ist Ihr Job.” Die Verkäuferin war perplex. Ich auch. Aber es fühlte sich richtig an.
Was Gefälligkeit wirklich ist
Gefälligkeit ist nicht Freundlichkeit. Gefälligkeit ist die Verweigerung der eigenen Reaktion zugunsten der Bequemlichkeit anderer. Gefälligkeit ist, wenn du lächelst, obwohl du sauer bist, wenn du “Macht nichts” sagst, obwohl es sehr wohl etwas macht. Gefälligkeit ist, wenn du die Stimmung anderer über deine eigenen Gefühle stellst. Gefälligkeit ist ein Verrat an dir selbst. Du verlernst, deine eigenen Emotionen ernst zu nehmen. Wenn du immer so tust, als wäre alles okay, vergisst du irgendwann, was wirklich okay ist und was nicht. Du ziehst Menschen an, die deine Gutmütigkeit ausnutzen. Wer immer nett ist, wird zum Magneten für Rücksichtslose. Du wirst innerlich zynisch. All die unterdrückte Wut und Frustration sammelt sich an und macht dich bitter. Du hilfst anderen nicht dabei, ihr Verhalten zu überdenken. Wer nie ehrliches Feedback bekommt, kann sich nicht verbessern.
Meine neue Ehrlichkeits-Politik
Seit ich aufgehört habe, automatisch gefällig zu sein, lebe ich nach anderen Regeln:
Wenn mir jemand sympathisch ist und nett zu mir, bin ich nett zurück. Echte Freundlichkeit aus echten Gefühlen. Wenn jemand unfreundlich ist, bin ich nicht automatisch trotzdem nett. Ich reagiere der Situation entsprechend. Wenn mir etwas nicht passt, sage ich das. Höflich, aber klar. Ich lächle, wenn mir danach ist. Nicht als Entschuldigung für meine Existenz.
Die Reaktionen der anderen
“Du bist aber unfreundlich geworden”, sagte neulich eine Bekannte, als ich nicht über ihren schlechten Witz gelacht habe. “Nein”, sagte ich. “Ich bin ehrlich geworden.” Manche Menschen sind irritiert, wenn man aufhört, gefällig zu sein. Sie waren es gewohnt, dass man ihre Launen, ihre Unhöflichkeit, ihre Rücksichtslosigkeit mit einem Lächeln wegwischt. Aber das ist ihr Problem, nicht meins. Ich bin nicht gemein. Ich bin nur nicht mehr bereit, meine eigenen Gefühle zu verleugnen, um andere zu schonen. Ich sage “Bitte” und “Danke”, wenn es angebracht ist. Nicht automatisch und nicht als Entschuldigung für meine Anwesenheit. Ich halte die Tür auf für Menschen, die sich Mühe geben, höflich zu sein. Ich bin respektvoll zu Menschen, die respektvoll zu mir sind.
Meine neuen Reaktionen
Im Restaurant bei schlechtem Service sage ich heute: “Das war nicht in Ordnung.” Bei respektlosen Kommentaren sage ich: “Das war jetzt aber nicht nett.” Und bei Unpünktlichkeit ohne Entschuldigung sage ich: “Eine Nachricht wäre nett gewesen.” Menschen, die nur mit mir befreundet waren, weil ich so “unkompliziert” war, sind verschwunden. Gut so.
Ich bin immer noch ein netter Mensch. Aber nur zu Menschen, die es verdienen. Ich bin immer noch hilfsbereit. Aber nur, wenn die Hilfe geschätzt wird.
Das ist fair. Das ist ehrlich. Das ist gesund.
Die Ute
P.S.: Heute morgen hat mich die neue Kassiererin im Supermarkt angelächelt und “Schönen Tag!” gewünscht. Ich habe zurückgelächelt und “Ihnen auch!” gesagt. So viel schöner als automatische Gefälligkeit.




