Ätherische Öle und ihre Wirkung: Was Aromatherapie kann, was nicht und worauf du achten solltest
Aus der Reihe „Alte Lehren, neu betrachtet“
Zum Geburtstag hat dir eine Freundin ein Kästchen mit sechs kleinen Fläschchen geschenkt: Lavendel, Orange, Zitrone, Pfefferminze, Eukalyptus, Teebaum. Im beiliegenden Heftchen steht, Lavendel entspanne und Zitrone hebe die Laune. Abends schraubst du das erste Fläschchen auf, der Duft füllt die halbe Küche, und die Katze streicht dir um die Beine. Was davon stimmt eigentlich? Und darf das in die Nähe der Katze?
Kurz gesagt
Ätherische Öle sind flüchtige Duftstoffgemische aus Pflanzen, der Begriff Aromatherapie stammt aus den 1930er-Jahren. Gerüche können die Stimmung beeinflussen. Bei Angst vor Eingriffen und bei Schlafproblemen finden Auswertungen positive Effekte, die Studien haben aber oft methodische Schwächen. Dass Aromatherapie Krankheiten behandeln kann, ist nicht überzeugend belegt. Öle gehören nur stark verdünnt auf die Haut und nicht in den Mund. Für Kleinkinder sind manche Öle gefährlich, Katzen reagieren besonders empfindlich.
Woher die Aromatherapie kommt
Duftende Pflanzen begleiten Menschen seit Jahrtausenden. Im alten Ägypten gehörten Harze und Pflanzenstoffe zur Mumifizierung, ein griechischer Geschichtsschreiber nennt dafür um 450 vor Christus unter anderem Myrrhe und Kassia. Im Alten Testament wird beschrieben, wie aus Myrrhe, Zimt, Kalmus, Kassia und Olivenöl ein heiliges Salböl entsteht.
Die alten Quellen sprechen von Harzen, Räucherwerk und Salbölen. Ein ätherisches Öl im heutigen Sinn wird dagegen mit Wasserdampf aus Pflanzenteilen destilliert oder mechanisch ausgepresst und verdunstet, anders als Speiseöl, vollständig.
Den Begriff Aromatherapie prägte ein französischer Chemiker und Parfümeur, der 1937 ein Buch mit diesem Titel veröffentlichte. Er schlug Duftöle gegen Beschwerden in nahezu allen Organsystemen vor, gestützt vor allem auf Einzelfälle. In Großbritannien und den USA wurde die Aromatherapie ab den 1980er-Jahren bekannter.
Was die Aromatherapie über Düfte und Öle sagt
In der Aromatherapie gelten ätherische Öle als Mittel für körperliches, seelisches und spirituelles Wohlbefinden. Man atmet sie ein, etwa über eine Duftlampe oder einen Vernebler, oder trägt sie verdünnt auf die Haut auf, zum Beispiel bei einer Massage. Nach der Lehre wirken die Düfte über die Nase auf das Gefühlszentrum im Gehirn.
Jedem Öl werden eigene Eigenschaften zugeschrieben: Lavendel gilt als beruhigend, Zitrone als belebend, Pfefferminze als erfrischend. Für die Pfefferminze gibt es eine handfeste Erklärung, denn ihr Menthol aktiviert Kälterezeptoren und sorgt so für das Frischegefühl. Die meisten Zuschreibungen stammen aber aus Tradition und Erfahrung, sie sind keine geprüften Wirkungen.
Ätherische Öle und ihre Wirkung: Was die Forschung weiß
Belegt ist: Riechen und Fühlen liegen im Gehirn eng beieinander. Die Signale der Riechzellen laufen nach nur einer Umschaltstation im Riechkolben ins Gehirn und erreichen dort unter anderem Mandelkern, Hippocampus und Inselrinde, Bereiche, die auch an Gefühlen beteiligt sind. Dass ein Duft die Stimmung färben kann, ist also plausibel.
Untersucht wurde Aromatherapie vor allem bei Angst und Anspannung, oft im Krankenhaus. Eine Auswertung von 20 Studien mit gut 1.700 Erwachsenen vor einer Operation fand mit Aromatherapie im Mittel einen mittelgroßen Effekt: weniger Angst als mit Placebo, üblicher Betreuung oder ganz ohne Angebot. Eine Analyse von 27 Studien mit gut 2.000 Menschen, die neben einer anderen Erkrankung schlecht schliefen, fand nach dem Einatmen von Duftölen besseren Schlaf. Die Forschenden betonen aber selbst, dass die Studien sehr unterschiedlich und häufig nicht verblindet waren.
Genau hier liegt der Haken: Wer Lavendel riecht, weiß, dass es Lavendel ist. In einer Auswertung zu Menschen mit Krebs war die Studienqualität niedrig, und in einigen Studien half auch das Placebo. Eine Übersicht über zehn systematische Auswertungen kam 2012 zu dem Schluss, dass die Belege für keine Erkrankung überzeugen. Eine Cochrane-Auswertung zu Menschen mit Demenz fand 2020 ebenfalls keinen überzeugenden Nutzen.
Wie stark die Erwartung mitspielt, zeigt ein Laborversuch mit 96 jungen Frauen, die sich nach einer anstrengenden Denkaufgabe entspannen sollten, mit Lavendel, einem Placebo oder ohne Duft. Der Lavendel selbst machte bei der gemessenen Entspannung keinen Unterschied, die vorher geweckte Erwartung dagegen schon. In einem anderen Versuch mit 56 Erwachsenen hob Zitronenduft die Stimmung verlässlich, unabhängig von der Erwartung. Auf das Stresshormon Cortisol, Puls, Blutdruck und Schmerzempfinden hatten die Düfte aber keinen verlässlichen Einfluss.
Was Aromatherapie also kann und was nicht: Ein angenehmer Duft kann die Stimmung heben und in belastenden Momenten etwas Anspannung nehmen, so deuten es viele, wenn auch schwache Studien an. Dass ätherische Öle Krankheiten behandeln, ist nicht überzeugend belegt.
So kannst du es ausprobieren: die Duftpause
Für diese Übung brauchst du kein Fläschchen. Eine Orangenschale, ein Zweig Rosmarin oder ein Teebeutel aus der Küche genügen. Es geht nicht um eine Heilwirkung, sondern um drei Minuten Aufmerksamkeit für einen Sinn, der im Alltag meist nebenher läuft.
Deine Übung
Drei Minuten Duftpause
- Ankommen: Setz dich bequem hin, leg das Handy weg und atme ein paar Mal ruhig ein und aus.
- Riechen: Halte den Duft mit etwas Abstand unter die Nase und rieche in normalen Atemzügen.
- Benennen: Beschreibe den Duft in Gedanken mit drei Wörtern. Ist er süß, harzig, frisch, warm?
- Wahrnehmen: Achte darauf, was er in dir auslöst: ein Bild, ein Gefühl, eine Erinnerung oder gar nichts. Alles ist in Ordnung.
- Nachspüren: Leg den Duft beiseite und spüre einen Atemzug lang nach, wie es dir jetzt geht.
Nimmst du lieber ein ätherisches Öl, riechst du mit Abstand am offenen Fläschchen und verschließt es danach gleich wieder.
💡 Dein Learning
Ein Duft muss nicht heilen, um dir eine gute Minute zu schenken. Die Duftpause ist eine kleine Achtsamkeitsübung, keine Behandlung.
Wo die Grenze ist: Haut, Kinder, Haustiere und Asthma
- Haut: Nahezu alle ätherischen Öle gehören nur stark verdünnt auf die Haut, sonst drohen Reizungen. Ein wissenschaftlicher Ausschuss der EU-Kommission stuft 28 Naturextrakte, überwiegend ätherische Öle wie Lavendel- und Pfefferminzöl, als nachgewiesene Kontaktallergene ein. Das Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) rät zu einer Probe an einer kleinen Hautstelle. Manche Zitrusöle wirken unter Sonne fototoxisch.
- Nicht einnehmen: Versehentlich geschluckt, können Duftöle laut BfR Magen-Darm-Beschwerden, Krampfanfälle, Atemnot und Nierenschäden auslösen. Gelangt Öl in die Atemwege, droht eine Lungenentzündung. Eingenommen werden nur Arzneimittel, die ausdrücklich zum Einnehmen bestimmt sind, nach Packungsbeilage.
- Säuglinge und Kleinkinder: Schon wenige Tropfen oder Dämpfe in Mund oder Nase können bei ihnen eine lebensbedrohliche Verkrampfung des Kehlkopfs auslösen. Bei Kindern unter drei Jahren gelten Kampfer, Eukalyptusöl und Pfefferminzöl mit seinem Menthol als besonders problematisch. Präparate gehören bei ihnen nicht ins Gesicht. Nach der Bewertung der EU-Arzneimittelbehörde dürfen Arzneimittel mit Pfefferminzöl Kindern unter zwei Jahren nicht gegeben werden, solche mit Eukalyptusöl, dessen Hauptbestandteil Cineol ist, Kindern unter 30 Monaten nicht.
- Giftunfälle: Bei Kindern ist laut BfR häufig ein Duftöl oder Inhalat der Auslöser, das sie in die Finger bekommen. Bei Kleinkindern wurde nach verschlucktem Eukalyptusöl schon ab zwei bis drei Millilitern Benommenheit beobachtet. Fläschchen und Duftgeräte gehören außer Reichweite, Fläschchen am besten mit kindersicherem Verschluss. Hat ein Kind Öl geschluckt, gib ihm Wasser oder Tee und ruf ein Giftinformationszentrum an. Bei Atemnot, Krämpfen oder Bewusstseinsveränderungen wählst du sofort die 112. Nach Kampfer gehört ein Kind immer zur Überwachung in eine Kinderklinik, weil Atemprobleme und Krampfanfälle verzögert auftreten können.
- Asthma, Allergien, Schwangerschaft: Bei Asthma, allergischer Veranlagung, in Schwangerschaft und Stillzeit rät das BfR, ätherische Öle möglichst sparsam und mit Vorsicht einzusetzen. Für eingeatmetes Pfefferminzöl nennt die EU-Arzneimittelbehörde bei Allergikern Verengungen der Atemwege als Nebenwirkung.
Katzen und andere Haustiere: Katzen können bestimmte Stoffe, etwa Phenole, deutlich schlechter für die Ausscheidung umbauen als die meisten Säugetiere, weil ein dafür wichtiges Leberenzym durch einen Gendefekt ausgefallen ist. Das BfR führt ihre Empfindlichkeit gegenüber Teebaumöl auf diesen Stoffwechsel zurück, dazu kommen die dünne Haut und das Putzen, bei dem Katzen aufnehmen, was auf dem Fell landet. Eine Auswertung von 443 Fällen bei Hunden und Katzen nach unverdünntem Teebaumöl beschreibt Speicheln, Mattigkeit, Lähmungserscheinungen und Zittern, junge und leichte Katzen erkrankten häufiger schwer. In fast neun von zehn Fällen hatten die Halter das Öl absichtlich angewendet. Öle gehören deshalb nie auf das Fell. Einen Vernebler hält die Giftinformationszentrale der US-Tierschutzorganisation ASPCA für eher unproblematisch, wenn er kurz in einem Raum läuft, den das Tier nicht betreten kann. Bei Tieren mit Atemwegsproblemen und in Haushalten mit Vögeln rät sie davon ab. Ein tiermedizinisches Fachhandbuch rät ebenso, Tiere währenddessen aus dem Raum zu halten, das Gerät kürzer als eine halbe Stunde laufen zu lassen und danach zu lüften, denn Vernebler verteilen feine Öltröpfchen, die sich im Fell absetzen können. Bei Speicheln, Taumeln oder Zittern geht es sofort in die Tierarztpraxis.
Und noch eine Grenze: Ein Duft kann einen grauen Novembertag freundlicher machen. Drückt die Stimmung über Wochen, braucht es mehr. Dazu passt unser Beitrag Herbstblues: Was hinter dem Stimmungstief steckt.
Häufige Fragen zu ätherischen Ölen
Welche Wirkung haben ätherische Öle?
Ätherische Öle können über den Geruchssinn die Stimmung beeinflussen. Bei Angst vor Eingriffen und bei Schlafproblemen finden Auswertungen positive Effekte, die Studien haben aber oft methodische Schwächen. Dass ätherische Öle Krankheiten behandeln, ist nicht überzeugend belegt.
Kann man ätherische Öle einnehmen?
Duftöle sind nicht zum Einnehmen gedacht. Versehentlich geschluckt, können sie Magen-Darm-Beschwerden, Krampfanfälle und Atemnot auslösen. Eingenommen werden nur Arzneimittel mit ätherischen Ölen, die ausdrücklich zum Einnehmen bestimmt sind, nach Packungsbeilage.
Sind ätherische Öle für Katzen gefährlich?
Sie können es sein, denn Katzen bauen bestimmte Inhaltsstoffe nur schlecht ab. Öle gehören nie auf das Fell. Vernebler sollen laut der US-Tierschutzorganisation ASPCA und einem tiermedizinischen Fachhandbuch nur kurz laufen, in einem Raum, den die Katze nicht betreten kann. Bei Speicheln, Taumeln oder Zittern sofort in die Tierarztpraxis.
Ab wann dürfen Kinder ätherische Öle bekommen?
Öle mit Kampfer oder Menthol sind für Säuglinge und Kleinkinder laut BfR generell nicht geeignet, schon kleine Mengen können einen Kehlkopfkrampf auslösen. Bei Kindern unter drei Jahren ist auch bei Eukalyptusöl besondere Vorsicht geboten. Nimm nur Präparate, die ausdrücklich für das Alter deines Kindes ausgewiesen sind, wende sie nicht im Gesicht an und frag im Zweifel in der Kinderarztpraxis oder Apotheke.
Hilft Lavendelöl beim Einschlafen?
In Auswertungen zu Schlafproblemen schnitt Lavendel unter den einzeln eingesetzten Düften gut ab, die Studien haben aber oft methodische Schwächen. Wenn du den Duft magst, probier es sparsam aus, aber nicht dort, wo Kleinkinder schlafen oder Haustiere sind. Anhaltende Schlaflosigkeit gehört ärztlich abgeklärt.
Dieser Artikel dient der allgemeinen Information und ersetzt keine ärztliche, psychotherapeutische oder tierärztliche Beratung. Ätherische Öle ersetzen keine Diagnose und keine Behandlung. Sei vorsichtig bei teuren Angeboten, die mit Ölen Heilung versprechen oder zum Einnehmen raten. Bei Angst, anhaltenden Schlafproblemen oder Niedergeschlagenheit wende dich an deine Hausarztpraxis. Bei Verdacht auf eine Vergiftung hilft ein Giftinformationszentrum, im Notfall der Rettungsdienst unter 112.
