Mindful Moments

Mein Vater hat meine Mutter รผber den Tisch gezogen โ€“ und ich muss damit leben

Das Wichtigste in Kรผrze: Wut auf die Eltern โ€“ und trotzdem lieben

Loyalitรคtskonflikte nach der Scheidung der Eltern verschwinden nicht, nur weil wir erwachsen werden โ€“ oft werden sie sogar intensiver. Als Erwachsene verstehen wir die Zusammenhรคnge, sehen das Unrecht und kรถnnen die Augen nicht mehr verschlieรŸen. Die Wut, die daraus entsteht, ist berechtigt. Und sie muss nicht weg, damit du weitergehen kannst.

โš ๏ธ Aber Vorsicht: Verzeihen ist kein Schalter, den man umlegt โ€“ und es ist auch kein Muss. Du kannst loslassen, ohne alles gutzuheiรŸen.

โœจ Minerva VISION Insight: Liebe und Wut schlieรŸen sich nicht gegenseitig aus. Du darfst beides gleichzeitig fรผhlen โ€“ und trotzdem ein gutes Leben fรผhren.
๐Ÿ’ก Redaktions-Tipp: Gesprรคche mit einer therapeutischen Begleitung kรถnnen helfen, die eigenen Gefรผhle zu sortieren und den Bruch im familiรคren Gefรผge zu verarbeiten.

Aber lies weiter…

Mein Vater lebt gut. Richtig gut, wenn ich ehrlich bin.

Er hat eine schรถne Wohnung, fรคhrt zweimal im Jahr in den Urlaub und muss sich keine Gedanken darรผber machen, ob das Geld am Monatsende reicht. Er ist pensionierter Lehrer, bekommt seine Beamtenpension, und wenn ich ihn so sehe โ€“ entspannt, zufrieden, sorgenfrei โ€“ dann brodelt etwas in mir hoch, das ich nicht so richtig greifen kann.

Wut? Ja, wahrscheinlich. Enttรคuschung? Auf jeden Fall. Aber da ist noch etwas anderes. Etwas, das tiefer sitzt. Etwas, das ich lange nicht benennen konnte.

Meine Mutter hat bei der Scheidung auf den Versorgungsausgleich verzichtet. Sie hat unterschrieben, dass mein Vater seine volle Pension behรคlt โ€“ obwohl sie jahrzehntelang die Familie zusammengehalten hat, wรคhrend er Karriere machte. Sie hat das getan, weil sie โ€žkeinen Streit wollte”. Weil sie โ€žschnell einen Schlussstrich ziehen wollte”. Weil sie dachte, das wรคre der richtige Weg.

Und ich? Ich stand daneben. Erwachsen genug, um zu verstehen, was da passiert. Aber nicht stark genug, um einzugreifen.

Was macht das mit mir?

Ich bin jetzt 42. Die Scheidung meiner Eltern ist รผber zehn Jahre her. Und trotzdem kommt diese Wut immer wieder hoch. Wenn ich meine Mutter besuche und sehe, wie sie jeden Euro umdreht. Wenn ich meinen Vater anrufe und er mir von seiner neuesten Reise erzรคhlt. Wenn ich an Weihnachten am Tisch sitze und so tun soll, als wรคre alles normal.

Kennst du das? Dieses Gefรผhl, zwischen zwei Menschen zu stehen, die du beide liebst โ€“ und gleichzeitig zu wissen, dass einer von ihnen dem anderen etwas angetan hat, das du nicht einfach wegstecken kannst?

Das, was ich da erlebe, hat einen Namen. Es nennt sich Loyalitรคtskonflikt. Und er betrifft nicht nur kleine Kinder, deren Eltern sich trennen. Er betrifft auch uns Erwachsene. Vielleicht sogar besonders uns.

Denn als Erwachsene verstehen wir, was passiert ist. Wir sehen die Zusammenhรคnge. Wir wissen, wer profitiert hat und wer verloren hat. Und wir kรถnnen nicht mehr so tun, als gรคbe es keine Schuld.

Das Gefรผhl, zwischen den Stรผhlen zu sitzen

Loyalitรคtskonflikte entstehen, wenn wir das Gefรผhl haben, dass wir einem Menschen nur treu sein kรถnnen, wenn wir den anderen verraten. Kinder fรผhlen sich im Normalfall beiden Elternteilen verbunden โ€“ und genau das macht die Situation so schmerzhaft, wenn sich die Eltern trennen.

Aber hier ist die Sache: Auch als Erwachsene lรถst sich dieser Konflikt nicht einfach auf. Im Gegenteil. Manchmal wird er sogar schlimmer.

Als Kind habe ich nicht verstanden, warum meine Eltern sich gestritten haben. Ich habe nur gespรผrt, dass etwas nicht stimmt. Aber heute? Heute weiรŸ ich genau, was passiert ist. Ich kenne die Details. Ich weiรŸ, dass mein Vater als Akademiker sehr genau wusste, was ein Verzicht auf den Versorgungsausgleich bedeutet. Ich weiรŸ, dass er es trotzdem zugelassen hat.

Und das macht es nicht leichter. Das macht es schwerer.

Erwachsene Kinder geraten bei elterlichen Scheidungen oft in die Rolle von Vermittlern. Sie werden zu Therapeuten, Richtern und Schlichtern gemacht โ€“ obwohl sie selbst Betroffene sind. Nicht selten werden sie von einem Elternteil in Anspruch genommen, um intime Gefรผhle, Krรคnkungen oder Schuldzuweisungen abzuladen.

Ich kenne das. Meine Mutter hat mir alles erzรคhlt. Jeden Satz, den mein Vater bei der Mediation gesagt hat. Jeden Moment, in dem sie sich รผber den Tisch gezogen fรผhlte. Und ich habe zugehรถrt. Was hรคtte ich auch sonst tun sollen? Sie brauchte jemanden.

Aber gleichzeitig ist mein Vater immer noch mein Vater. Ich habe Erinnerungen an ihn, die nichts mit der Scheidung zu tun haben. Ausflรผge, Gesprรคche, Momente, in denen er fรผr mich da war. Diese Erinnerungen werden nicht einfach gelรถscht, nur weil ich jetzt weiรŸ, was er meiner Mutter angetan hat.

Und genau das ist das Dilemma.

Die Wut, die nicht vergeht

Ich habe lange versucht, meine Wut zu ignorieren. Ich dachte: Du bist erwachsen. Du musst da drรผberstehen. Das ist deren Sache, nicht deine.

Aber so funktioniert das nicht.

Wut auf Eltern im Erwachsenenalter ist keine Seltenheit. Sie entsteht oft aus ungelรถsten Konflikten der Vergangenheit โ€“ Situationen, die uns als Kind verletzt haben und die wir nie richtig verarbeitet haben. Die Gefรผhle, denen wir damals hilflos ausgesetzt waren, liegen immer noch in uns. Und wenn wir heute in Situationen kommen, die uns daran erinnern, werden diese alten Wunden wieder aufgerissen.

Bei mir reicht es schon, wenn mein Vater am Telefon erwรคhnt, dass er sich ein neues Auto gekauft hat. Sofort ist sie wieder da, diese Wut. Dieser Gedanke: Wรคhrend meine Mutter รผberlegt, ob sie sich neue Winterschuhe leisten kann, gรถnnst du dir ein neues Auto?

Das Schlimmste ist: Ich weiรŸ, dass diese Wut mir mehr schadet als ihm. Er bekommt davon ja nichts mit. Ich lรคchle am Telefon, sage โ€žSchรถn fรผr dich, Papa” und lege auf. Und dann sitze ich da und frage mich, warum ich mich so fรผhle.

Die Sache mit dem Verzeihen

รœberall liest man, dass man verzeihen muss, um loslassen zu kรถnnen. Dass Groll zu hegen vor allem einem selbst schadet. Dass Wut und Verbitterung รผber Geschehenes uns selbst belasten.

Und ja, das stimmt wahrscheinlich. Wer an seiner Wut festhรคlt, leidet darunter. Wenn wir unsere Gefรผhle wie Traurigkeit, ร„rger oder Enttรคuschung bewusst loslassen kรถnnen, erlangen wir unsere Selbstermรคchtigung zurรผck โ€“ und befreien uns aus der Opferrolle.

Aber hier ist mein Problem: Verzeihen fรผhlt sich so an, als wรผrde ich sagen, dass es okay war. Als wรผrde ich das Unrecht, das meiner Mutter widerfahren ist, kleinreden. Als wรผrde ich meinem Vater einen Freifahrtschein geben.

Und das will ich nicht.

Dabei bedeutet Verzeihen eigentlich etwas anderes. Es bedeutet nicht, zu vergessen. Es bedeutet auch nicht, sich zu versรถhnen oder die Schuld aufzuheben. Es bedeutet lediglich: loszulassen, das Geschehen hinzunehmen und sich von seiner Wut freizumachen.

Klingt einfach. Ist es aber nicht.

Was ich รผber mich gelernt habe

In den letzten Jahren habe ich viel darรผber nachgedacht, was mich an der Situation meiner Eltern so beschรคftigt. Und ich bin zu ein paar Erkenntnissen gekommen, die ich mit dir teilen mรถchte.

Meine Wut ist berechtigt

Lange habe ich mir eingeredet, dass ich kein Recht habe, wรผtend zu sein. Dass es nicht meine Scheidung war. Dass mich das nichts angeht.

Aber das ist Unsinn. Natรผrlich geht mich das etwas an. Es geht um meine Familie. Um meine Mutter. Um den Mann, der mein Vater ist. Ich habe jedes Recht, wรผtend zu sein รผber das, was passiert ist.

Ich muss nicht verzeihen, um weiterzugehen

Diese Erkenntnis hat mich รผberrascht. Ich dachte immer, Verzeihen wรคre der einzige Weg. Aber es gibt Menschen, die es schaffen, Geschehenes hinter sich zu lassen, ohne vorher zu verzeihen. Man kann loslassen, ohne alles gutzuheiรŸen.

Das heiรŸt nicht, dass ich mich in meiner Wut einrichten will. Aber es nimmt mir den Druck, meinem Vater โ€žvergeben” zu mรผssen, bevor ich mit meinem eigenen Leben weitermachen kann.

Mein Vater ist nicht nur das, was er meiner Mutter angetan hat

Das ist vielleicht die schwierigste Erkenntnis von allen. Mein Vater hat einen Fehler gemacht. Einen groรŸen. Aber er ist auch der Mann, der mir Fahrradfahren beigebracht hat. Der mit mir Hausaufgaben gemacht hat. Der bei meiner Hochzeit geweint hat.

Menschen sind kompliziert. Sie kรถnnen gleichzeitig liebevoll und egoistisch sein. Fรผrsorglich und rรผcksichtslos. Gut und fehlbar.

Das zu akzeptieren, fรคllt mir schwer. Aber es hilft mir, nicht in Schwarz-WeiรŸ-Denken zu verfallen.

Was hilft โ€“ und was nicht

Wenn du in einer รคhnlichen Situation steckst, fragst du dich vielleicht: Was kann ich tun? Wie komme ich da raus?

Ich will dir keine einfachen Antworten geben, denn die gibt es nicht. Aber ich kann dir erzรคhlen, was mir geholfen hat โ€“ und was nicht.

Was nicht geholfen hat

So tun, als wรคre alles okay. Ich habe jahrelang versucht, die heile Familie zu spielen. Weihnachten mit allen, Geburtstage mit allen, so tun, als gรคbe es keinen Elefanten im Raum. Das hat mich nur fertig gemacht.

Meine Wut unterdrรผcken. Je mehr ich versucht habe, meine Gefรผhle wegzuschieben, desto stรคrker sind sie irgendwann hervorgebrochen. Meistens in vรถllig unpassenden Momenten.

Mich zwischen meinen Eltern entscheiden zu mรผssen. Eine Zeitlang hatte ich das Gefรผhl, ich mรผsste Partei ergreifen. Entweder Team Mama oder Team Papa. Aber das hat den Konflikt nur verschรคrft.

Was geholfen hat

Mit jemandem darรผber reden, der nicht Teil der Familie ist. Fรผr mich war das eine Therapeutin. Sie hat mir geholfen, meine Gefรผhle zu sortieren und zu verstehen, warum mich die Situation so belastet.

Akzeptieren, dass ich beide Eltern lieben kann โ€“ und trotzdem wรผtend auf einen von ihnen sein darf. Das klingt vielleicht selbstverstรคndlich, aber fรผr mich war es eine echte Erkenntnis. Liebe und Wut schlieรŸen sich nicht gegenseitig aus.

Mir erlauben, Grenzen zu setzen. Ich muss nicht jedes Telefonat mit meinem Vater fรผhren. Ich muss nicht bei jedem Familienfest dabei sein. Ich darf selbst entscheiden, wie viel Kontakt ich haben mรถchte โ€“ und das darf sich auch รคndern.

Muss ich meinem Vater verzeihen?

Diese Frage beschรคftigt mich bis heute. Und ich habe keine endgรผltige Antwort.

Was ich weiรŸ: Verzeihen ist kein Schalter, den man umlegt. Es ist ein Prozess. Und dieser Prozess braucht Zeit.

Manchmal denke ich, ich bin schon sehr weit. Ich kann meinen Vater anrufen, ohne dass mein Magen sich zusammenzieht. Ich kann ihm zuhรถren, ohne innerlich zu kochen. Ich kann sogar ab und zu lachen mit ihm.

Und dann gibt es Tage, an denen alles wieder hochkommt. An denen ich meine Mutter sehe und denke: Das ist nicht fair. Das ist so verdammt unfair.

Vielleicht ist das okay so. Vielleicht muss Verzeihen nicht bedeuten, dass die Wut komplett verschwindet. Vielleicht bedeutet es nur, dass die Wut nicht mehr mein ganzes Leben bestimmt.

An alle, die sich wiedererkennen

Wenn du diesen Text liest und dich wiedererkennst โ€“ dann mรถchte ich dir eines sagen: Du bist nicht allein.

Viele erwachsene Kinder kรคmpfen mit dem, was ihre Eltern ihnen oder einander angetan haben. Viele tragen Wut und Enttรคuschung mit sich herum, die sie niemandem zeigen. Viele fragen sich, ob sie verrรผckt sind, weil sie mit Mitte 40 immer noch an der Scheidung ihrer Eltern knabbern.

Du bist nicht verrรผckt. Du bist menschlich.

Und du musst das nicht allein durchstehen. Gesprรคche mit Freunden, Geschwistern oder einer therapeutischen Begleitung kรถnnen helfen, den Bruch im gewohnten familiรคren Gefรผge einzuordnen und zu verarbeiten.

Was ich gelernt habe: Es gibt keinen richtigen Weg, mit so einer Situation umzugehen. Es gibt nur deinen Weg. Und den darfst du selbst bestimmen.

Ein letzter Gedanke

Mein Vater wird nรคchsten Monat 70. Ich werde hinfahren und ihm gratulieren. Ich werde ihm ein Geschenk mitbringen und so tun, als wรคre alles normal.

Aber in mir drin werde ich wissen: Es ist nicht alles normal. Und das ist auch okay.

Denn ich habe aufgehรถrt, mir einzureden, dass ich eine perfekte Tochter sein muss. Eine, die alles verzeiht. Eine, die nie wรผtend ist. Eine, die immer funktioniert.

Ich bin wรผtend. Ich bin enttรคuscht. Und ich liebe meinen Vater trotzdem.

Das ist kompliziert. Aber das ist das Leben.


รœber die Autorin

Julia Klimt schreibt fรผr Minerva VISION รผber Psychologie und Selbstentwicklung. Ihre Texte richten sich an Frauen, die in der Lebensmitte ihre eigene Geschichte verstehen und neu schreiben mรถchten.

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