Freizeit

Kendo der Allrounder

Kendo war mit mir in einigen Teilen der Welt unterwegs. Zusammen suchten wir nach Landminen und Blindgängern in Kroatien, Bosnien und im Kosovo. Wir unterstützten die UN bei der Suche nach Sprengstoff und Waffen an Grenzübergängen.

In Sri Lanka und Pakistan halfen wir der Armee und der Polizei ebenfalls bei der Suche nach Explosivstoffen. In Kenia führte Kendo seine Fähigkeiten auszubildenden Räumtrupps vor, die dann später in Afrika Landstriche von gefährlichen Sprengstoffen befreien sollten, während wir im Anschluss in Angola dann wieder selbst auf der Suche nach Minen und Sprengkörpern waren, die den Bau einer Stromtrasse behindert hätten.

Kendo, der Malinois

Kendo war mein erster Malinois. Er kam mit schon sieben Wochen aus Holland zu mir. Der Kleine war nicht viel größer als ein kleines Zwergkaninchen, was er aber überhaupt nicht so sah. Auffällig waren von Beginn an sein enormes Durchsetzungsvermögen und seine Fähigkeit, niemals aufzugeben. Kendo sollte sich zwar hauptsächlich bei mir in der Wohnung aufhalten, sich aber auch an den Zwinger gewöhnen. Als er das erste Mal dort hinein musste und ich wegging, bellte oder fiepte er nicht. Er schrie wie am Spieß. Ich hatte mir zwar extra einen Tag für dieses Experiment ausgesucht, um die Nachtruhe der Anwohner nicht zu stören, aber trotzdem beschwerte sich prompt die Nachbarin. Ihr Sohn habe Nachtschicht gehabt und müsse schlafen, also brach ich den Versuch ab. Ich ging zum Zwinger, Kendo schrie immer noch und biss mir herzhaft aus Protest ins Bein. Das ist bei einem 7,5 Wochen alten Hund zunächst noch nicht so tragisch, trotzdem wollte ich derlei Aktionen nicht durchgehen lassen. Ich fasste ihn also mit leichtem Griff und wollte ihm mitteilen, dass mich beißen nicht nett ist – allerdings biss er prompt in die Hand. Ich schüttelte ihn ab und er biss direkt nochmal. Mein Griff wurde etwas fester, Kendos ebenfalls und ich schubste ihn leicht von mir weg.

Da Kendo nicht unbedingt viel Gewicht entgegenzusetzen hatte, war der Schubs wohl etwas heftig und ich dachte gleichzeitig: „Mensch, so ein Mist … überreagiert.“ Der Bursche rappelte sich wieder hoch, Ohren nach vorne, Rute kerzengerade und erneut – Attacke! Nun, die erste Runde ging zweifelsfrei an ihn. Kendo hatte also direkt als erste Lektion gelernt: Ich muss nur lange genug durchhalten und dann bekomme ich am Ende meinen Erfolg. Sinnvoller wäre es natürlich gewesen, wenn ich gewartet hätte, bis er einmal zumindest kurz in seinem Domizil ruhig ist und ihn dann herausgeholt hätte. Dann hätte er gelernt, dass man mit Ruhe zum Ziel kommt und nicht mit Schreien, Kreischen und Beißen.

Der Kampf um die Couch

Ähnliches setzte sich natürlich in der Wohnung fort. Mein kleiner Freund hopste auf die Couch, drehte sich einmal und legte sich. Nun, damit waren weder ich noch meine Frau einverstanden. Wir schubsten ihn also recht zügig wieder herunter. Man kann sich vorstellen, das Ganze ging nicht ohne Rangelei ab, aber am Ende konnten wir uns durchsetzen. Kendo gab tatsächlich ausnahmsweise nach. Diese Runde ging dann mal an uns. In der Form zogen sich eigentlich die ersten 18 Monate hin. Kendo versuchte stets seinen Kopf durchzusetzen und zunächst mal alles infrage zu stellen. Mal mit mehr und mal mit weniger Erfolg. Am Ende, nach ca. 18 Monaten, hatten wir dann eine ziemlich intensive Diskussion, aus der ich aber wohl eindeutig als Sieger hervorging und von da an war Kendo wie ausgewechselt. Wir konnten uns beide sehr gut einschätzen und funktionierten als Team reibungslos. Ein Blick von mir reichte und er wusste, was zu tun war. Umgekehrt konnte aber auch ich ihn aufgrund seiner Körpersprache sehr gut interpretieren. Vielleicht kamen wir uns gerade deswegen nie wieder ins Gehege.

Der Ernst des Lebens

Kendo legte als Erstes sehr erfolgreich die Diensthundeprüfung bei der Bundeswehr ab und wiederholte dies mit einer einzigen Ausnahme noch ca. 14 Mal. Gleichzeitig waren wir beide sehr aktiv im Vielseitigkeitssport (15x IPO 3 Prüfung) und gerade auch hier zeigte sich immer sein Wille zum Durchhalten. Wir erlebten Prüfungen mit schweren Fährten, viele teilnehmende Hunde konnten das Ziel nicht erreichen, Kendo hingegen kam immer an. Kendo hatte darüber hinaus eine sehr rasche Auffassungsgabe und hohe Lernfähigkeit. Ich begann damals Minenspürhunde auszubilden. Die ersten waren bereits im Einsatz, da fragte ein Fernsehteam an, ob es möglich sei, über meine Arbeit und die Ausbildung der Hunde zu berichten. Es sollte natürlich ein Minenspürhund zur Verfügung stehen und der Termin für die Aufnahmen sollte schon zwei Tage später sein. Nun, außer Kendo, der mit Minenspüren zu dem Zeitpunkt noch gar nichts zu tun hatte, war kein anderer Hund vor Ort, alle waren in Bosnien im Einsatz.

Das Fernsehen kommt

Ich ging mit Kendo nach draußen, führte ihn zu einer Minenattrappe, ließ ihn davor absitzen und bestätigte ihn. Danach schickte ich ihn aus einiger Entfernung zu der Attrappe, er setzte sich, ich bestätigte ihn. Die Aufnahmen funktionierten reibungslos. Kendo suchte nach den Attrappen und zeigte diese durch „Vorsitzen“ an, als wäre dies sein tägliches Brot. Ich weiß, es klingt unwahrscheinlich, aber genau so hat es sich abgespielt. Da Kendo sich ja so außergewöhnlich eingeführt hat, begann ich, ihn ernsthaft zum Minenspürhund auszubilden. Wie erwartet, lernte er sehr schnell und wir konnten zusammen nach Kroatien, um dort real nach Minen zu spüren. Natürlich musste vorher eine Überprüfung durch die UN vorgenommen werden, die er bzw. wir beide bestanden. Nachdem wir zurück in Deutschland waren, musste die Ausbildung einen etwas anderen Weg nehmen. Da wir hier keine Minenproblematik haben, sollte Kendo nun Sprengstoffspürhund werden. Auf den ersten Blick mag der Unterschied unbedeutend erscheinen, aber die Art der Arbeit und die wahrzunehmenden Stoffe sind schon sehr unterschiedlich. Darüber hinaus nahmen wir weiterhin am hundesportlichen Geschehen teil und gleichzeitig bildete ich ihn zum „Stöberhund“ aus. Hier soll der Hund auf einer vorher festgelegten Fläche von ca. 50m x 25m (je nach Prüfungsstufe mehr oder weniger) ziemlich kleine Gegenstände (bis zu 5 verschiedene) mit menschlicher Witterung finden und seinem Hundeführer anzeigen. Kendo war so ziemlich einer der ersten Hunde in Deutschland, der die Stöberprüfung 1-3 mit sehr respektablen Ergebnissen, teilweise weit unter dem vorgegebenen Zeitfenster, ablegte. Bei aller Arbeitsfreude und Führigkeit hat er aber eines nie vergessen – seinen allerersten Erfolg damals.

Kendo in Action

Kendo war schon deutlich älter, da musste ich ihn allein Zuhause lassen. Ich kam nach knapp zwei Stunden zurück und dachte wirklich mich trifft der Schlag. Es waren keine Gardinen mehr an den Fenstern, kein Sessel stand mehr aufrecht, kein Kissen hat überlebt. Die Wohnungstüren waren zerkratzt, das Holz zum Teil herausgebrochen. Von heruntergefallenen und zerbrochenen Dekorgegenständen gar nicht zu reden. Inmitten der Bombentrichter saß, mit Federn aus den Kissen bestäubt, Kollege Kendo und blickte mich vorwurfsvoll an. Für ihn ganz klar – selbst Schuld, was lässt Du mich auch allein.

Unterwegs in Pakistan

In Pakistan musste ich Kendo einmal bei meinem Gastgeber zurücklassen, da ich nur kurz in meine Unterkunft wollte, um etwas zu holen. Ich war dort gerade angekommen, als mich der verzweifelte Anruf aus dem Haus meines Gastgebers erreichte. Kendo hatte sich, wie auch immer, aus dem Transportkennel befreit und turnte nun über das Gelände. Ich bin sofort zurück, denn mein kleiner Freund konnte Fremden gegenüber durchaus eklig werden, wenn ihm irgendetwas nicht passte. Zudem sind die Menschen in Pakistan nicht zwingend begeistert, wenn ein Hund durch das Haus stromert und schon gar nicht, wenn dieser dazu neigt, eine Schneise der Verwüstung zu schlagen. Ich kam also an und Kendo hockte mit meinem Gastgeber im Wohnzimmer des Hauses auf der Couch und ließ sich begeistert kraulen. Auch da war ich wiederum einem Herzinfarkt sehr nahe.

Säureattentat auf Kendo

Im Alter von neun Jahren legte Kendo seine letzte Diensthundeprüfung ab. Ich hatte ihn ein Jahr zuvor komplett untersuchen lassen, um festzustellen, wie es um die Gesundheit und um die Knochen bestellt ist. Er war nach wie vor komplett gesund, hatte eine Wirbelsäule und Gelenke wie ein junger Hund, lediglich an einer Zehe war eine beginnende Arthrose festzustellen. Zwei Monate nach der Prüfung fiel Kendo während einer Dienstpause einem Säureattentat zum Opfer. Er befand sich zu dem Zeitpunkt in einem Freiauslauf. Leider konnte man von außen an den Außenzaun heran und vermutlich von dort wurde ihm dann Säure ins Gesicht gesprüht. Der Täter ließ sich leider nie ermitteln. Kendo war ziemlich schwer verletzt und der Tierarzt riet mir, ihn aufgrund seines Alters besser einschläfern zu lassen.

Damit war ich nicht einverstanden, denn so sollte sein Leben doch keinesfalls enden. Es dauerte recht lang, aber Kendo konnte sich vollständig erholen. Mit diesem Anschlag war natürlich Kendos Arbeit komplett beendet und er war fortan Rentner. Im Nachhinein betrachtet war die Entscheidung, ihn nicht einschläfern zu lassen, absolut richtig. Kendo ist heute 15 Jahre alt, lebt bei mir auf dem Hof zusammen mit Chessy (14), Attra (8), Banja (7), Darex (5), Ennox (4) und drangsaliert seine Rudelmitglieder nach wie vor. Gut, die anderen nehmen eigentlich keine große Notiz mehr, wenn er sich aufbaut und klarmachen möchte, wer der Chef ist. Wenn er mich in der Nähe weiß und nicht zu mir kann, schreit er nach wie vor wie am Spieß, das hat er nicht verlernt und wird es ganz sicher auch nicht mehr. Mittlerweile hört er nichts mehr, das Herumlaufen wird schwieriger, aber das Futter schmeckt ihm noch und ich hoffe, dass er seinen Lebensabend noch recht lange genießen kann. Er hat es sich verdient.

Ein MUSS für jeden, der sich auch nur ansatzweise mit Hundeausbildung beschäftigt.

Martin Weitkamp

Im Schatten der Gefahr

Hardcover, 128 Seiten, s/w

ISBN: 978-3-9815634-2-9

www.minervastore.de

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