
Der Fall Bibi: Vom Social-Media-Star zur Selbstsuche
„Bin ich noch ich – oder nur noch Content?“
Vor wenigen Jahren schien ihr Leben perfekt: Bianca Claßen, besser bekannt als „Bibi“ von BibisBeautyPalace, hatte Millionen Follower, Werbedeals mit großen Marken, eine Familie, ein YouTube-Imperium. Doch dann wurde es still. Kein neues Video, keine Story, kein Lebenszeichen. Viele Fans spekulierten, wenige verstanden, was wirklich los war.
Heute meldet sich Bibi zurück, aber anders. Nicht als Beauty-Influencerin, sondern als Mentorin für mentale Gesundheit. Eine neue Rolle, ein neuer Ton. Und ein Hinweis darauf, was der Weg an die Spitze der Social-Media-Welt kosten kann.
Wenn Sichtbarkeit krank macht
Influencer:innen gelten als Prototypen digitaler Freiheit. Wer es schafft, macht sein Hobby zum Beruf, scheinbar selbstbestimmt, kreativ, frei. Doch hinter den perfekt kuratierten Bildern lauert oft eine Realität, die vielen verborgen bleibt.
Eine aktuelle Studie der EBS Universität für Wirtschaft und Recht nennt dieses Phänomen das „Influencer-Dilemma“. In einer qualitativen Untersuchung mit 31 europäischen Influencer:innen – von Nano- bis Mega-Creators – zeigt sich: Je größer die Reichweite, desto stärker der Druck. Je mehr Sichtbarkeit, desto mehr Unsichtbarkeit der eigenen Person.
Die fünf Verheißungen – und ihre Schattenseiten
Die Wissenschaftler:innen der EBS identifizieren fünf typische Motivationsmuster, die anfangs wie Flügel wirken und später wie Ketten.
- Zugehörigkeit
„Ich wollte dazugehören.“
Doch was, wenn aus Followern plötzlich Richter werden? Wenn Angst vor Hate und öffentlicher Bewertung echte Nähe verhindert? - Prestige & Ruhm
„Ich wollte gesehen werden.“
Doch mit dem Fame wächst der Zwang zur Selbstentblößung. Privates wird zum Produkt. Intimität zur Währung. - Selbstverwirklichung
„Ich wollte ich selbst sein.“
Doch wer bin ich, wenn ich ständig „ich“ performen muss? Wenn Selbstsein zur Show wird? - Freiheit
„Ich wollte frei sein.“
Doch die Freiheit endet oft dort, wo Plattformregeln, Algorithmen und Follower-Launen beginnen. - Finanzieller Erfolg
„Ich wollte unabhängig sein.“
Und plötzlich ist jeder Post ein potenzieller Geldverlust, jede Pause ein Risiko.
Was passiert, wenn ich nur die „perfekte Version“ von mir zeige?
Am Anfang fühlt es sich gut an. Du bekommst Likes, Kommentare, Bestätigung. Es ist wie ein warmer Schauer über dein Selbstwertgefühl. Du zeigst dich stark, schön, optimistisch. So, wie du gerne gesehen wirst. Aber innerlich beginnt sich etwas zu verschieben. Psychologisch entsteht eine wachsende Diskrepanz zwischen dem äußeren Bild und dem inneren Erleben. Man nennt das in der Psychologie Selbstdiskrepanz – der Abstand zwischen dem tatsächlichen Selbst („wie ich bin“) und dem idealisierten Selbstbild („wie ich wirken möchte“). Je größer dieser Abstand, desto wahrscheinlicher wird Unsicherheit: „Was, wenn jemand die Realität sieht?“, Scham: „Ich bin nicht so makellos, wie ich wirke.“ und Selbstentfremdung: „Ich bin mir selbst fremd geworden.“
Schäme ich mich irgendwann für mein echtes Ich?
Ja, das kann passieren. wenn du dein echtes Ich immer weniger öffentlich zeigst. Scham ist ein soziales Gefühl. Es entsteht, wenn wir das Gefühl haben, nicht zu genügen, besonders im Vergleich zu dem Bild, das wir selbst erschaffen haben. Wenn du nur gefilterte, idealisierte Versionen von dir zeigst, passiert etwas Tragisches: Du wirst zum Maßstab für dich selbst und fällst daran unweigerlich irgendwann „durch“. Die Folge: Du traust dich weniger, dich ungeschminkt zu zeigen. Du fühlst dich auf der Straße „beobachtet“. Du prüfst dein Spiegelbild mit dem Blick deiner Follower – nicht deiner selbst.
Kann ich mich dann noch normal in der Öffentlichkeit bewegen?
Mit zunehmender Sichtbarkeit und einem zunehmend kuratierten Selbstbild entsteht oft ein Gefühl von Überwachung. Nicht, weil andere dich ständig beobachten. Sondern weil du dich selbst nicht mehr unbeobachtet erlebst. Jede Bewegung wird innerlich bewertet, Spontaneität weicht Kontrolle, selbst in Momenten der Freude fragst du: „Wie sehe ich gerade aus?“ Das ist emotional anstrengend. Und es raubt dir das, was Leben eigentlich ausmacht: Echtheit, Freiheit, Tiefe. Unschuld. Die EBS-Studie belegt, was Psycholog:innen zunehmend beobachten: Influencer:innen sind emotional stark gefährdet. Symptome wie Erschöpfung, Selbstzweifel, Schlafprobleme, depressive Verstimmungen oder Angststörungen sind keine Seltenheit.
Was wir alle daraus lernen können
Ob Influencerin oder Konsumentin: Wir alle leben heute in einem digitalen Spiegelkabinett. Und genau deshalb sind Selbstklärung, Abgrenzung und mentale Hygiene wichtiger denn je.
Drei Fragen, die du dir stellen solltest:
- Dient das, was ich poste, meinem Selbstwert, oder nährt es nur das Außenbild?
- Was brauche ich, um mich in meinem Leben wieder real zu spüren, jenseits von Likes?
- Wie kann ich Erfolg definieren, ohne mich selbst zu verlieren?
Impulse für einen gesunden Umgang mit Sichtbarkeit
Setze dir digitale Grenzen: Du bist nicht verpflichtet, ständig verfügbar zu sein. Social Media ist ein Kanal, kein Lebenszweck.
Pflege echte Beziehungen: Nähe entsteht nicht durch Herzchen, sondern durch Begegnung.
Mach dein Innenleben nicht von außen abhängig: Selbstwert wächst nicht durch Applaus, sondern durch Bewusstheit.
Erkenne den Punkt, an dem Rückzug klüger ist als Wachstum – so wie Bibi es mutig vorgemacht hat.
Sichtbar sein – ohne sich selbst zu verlieren
Influencer:innen sind die neuen Popstars unserer Zeit. Doch ihr Glanz darf nicht darüber hinwegtäuschen, dass sie Menschen sind mit Ängsten, Zweifeln und einem Recht auf Pause.
Ob du Creator:in bist oder einfach nur konsumierst: Erlaube dir, wieder bei dir selbst anzukommen. Denn der wertvollste „Content“, den du je erschaffen kannst, ist dein echtes, lebendiges Ich.