Gesundheit

Wenn den Armen das Blut fehlt

Warum eine pAVK auch mal die Hände hochnimmt

Wir kennen sie alle, die “Schaufensterkrankheit”. Nein, damit ist nicht das spontane Stehenbleiben vor dem Sonderangebot im Schuhgeschäft gemeint. Sondern die periphere arterielle Verschlusskrankheit (pAVK), die den Beinen oft so zusetzt, dass Betroffene nur noch ein paar Meter gehen können, bevor sie – scheinbar interessiert – eine Pause vor dem nächsten Schaufenster einlegen müssen. Doch wissen nur wenige, dass pAVK nicht nur die Beine betrifft, sondern auch in den Armen zuschlagen kann. Leider wird das seltener erkannt – und noch seltener richtig behandelt.

So ging es auch Iris Noack, 63 Jahre alt, Altenpflegerin aus Borken. Erstmalig bemerkte sie vor über 20 Jahren erste Beschwerden in den Beinen, vor etwa zehn Jahren hatte sich die Symptomatik so weit verschlechtert, dass sie Stents bekam, die die Bein-Arterien dauerhaft weiten. Noch im selben Jahr folgten ein Herzinfarkt und dann die ersten Beschwerden in ihrem linken Arm: „Zuerst tat er nur ein bisschen weh, der Schmerz strahlte von der Schulter runter bis in die Finger“, erzählt die Borkenerin. „Dann kamen ein Druckgefühl und Taubheit in den Fingern dazu, die Schmerzen wurden stärker. Irgendwann konnte ich nicht mehr auf dem Arm liegen und auch kein Buch mehr damit halten.“ Ein klarer Fall für die Angiologie des UKM in Münster. Dort wurde ihr geholfen – und nicht nur ihr: Dr. Lena Makowski forscht dort an einer groß angelegten Studie, um mehr Licht ins Dunkel der pAVK der oberen Extremitäten zu bringen.

Das Problem: Unsichtbar, unbekannt, unbeachtet

Dass Beine bei pAVK schlecht durchblutet sind, weiß jeder Hausarzt. Dass es auch die Arme treffen kann, ist weniger bekannt – und wird deshalb oft übersehen. Nicht alle erhalten rechtzeitige Hilfe wie Iris Noack. „Betroffene mit pAVK der oberen Extremitäten sind häufig unterversorgt. Das hat auch damit zu tun, dass eine entsprechende Leitlinie für die Behandlung fehlt“, sagt Makowski. Die Folge: Eine höhere Sterblichkeitsrate und häufigere Amputationen. Diese nämlich würden vielerorts viel zu früh erfolgen, sagt Sektionsleiter Prof. Nasser Malyar. „Nicht alle Behandlungszentren verfügen wie das UKM über vielfältige Behandlungsmöglichkeiten oder die Expertise von mehreren notwendigen Fachdisziplinen.“ Dabei könnte eine einfache Untersuchung helfen: Ist der Puls an einem Arm schlechter tastbar? Weicht der Blutdruck zwischen beiden Armen um mehr als 20-30 mmHg ab? Das sind klare Hinweise, die nicht ignoriert werden sollten.


Weitere Themen:

Warum das Ganze? Und was tun?

Die Ursache ist meistens eine Arteriosklerose – also Ablagerungen in den Arterien, die den Blutfluss behindern. Rauchen, Bluthochdruck, Diabetes oder familiäre Vorbelastungen spielen eine Rolle. Und wer Pech hat, bekommt nicht nur in einem, sondern in mehreren Gefäßbereichen Probleme – was das Risiko für Herzinfarkte und Schlaganfälle erhöht.

Soweit ist es bei Iris Noack glücklicherweise nicht gekommen: Bei einem minimalinvasiven Kathetereingriff wurde zunächst versucht, ihre verengte Arterie in der Schulter mit Hilfe eines Ballons zu weiten (dieser ist mit Medikamenten beschichtet, die die Gefäße weiten und offenhalten sollen). Noch im Eingriff hat sich dann aber gezeigt, dass das Aufdehnen allein nicht ausreicht, um den normalen Blutfluss wiederherzustellen, so dass letztlich auch hier ein Stent gesetzt wurde. Weil die Arterienverkalkung im Grunde auf einen Entzündungsprozess zurückzuführen ist, setzen sich diese Stents häufig wieder zu, erläutert Malyar. „Hier ist der Stent aber nach neun Jahren noch offen. Das ist eher selten, aber ein gutes Zeichen, dass er auch weiterhin offen bleibt.“

Iris Noack ist nach ihren Eingriffen inzwischen beschwerdefrei. Das Rauchen hat sie längst aufgegeben, stellt es doch einen Risikofaktor für eine Arteriosklerose, also Ablagerungen in den Arterien, dar. Aber auch entzündlich-rheumatische Erkrankungen der Gefäße, Bluthochdruck, Übergewicht, familiäre Vorbelastungen oder Diabetes sind Risikofaktoren für eine pAVK. „Bei derart Betroffenen sind dann häufig auch weitere Gefäßregionen betroffen und es handelt sich letztlich um Hochrisikopatienten“, sagt Makowski.

Besser früher als später – und manchmal reicht schon eine Tablette

Früh erkannt, kann eine pAVK oft mit Blutverdünnern und Cholesterinsenkern behandelt werden. Ein Eingriff ist dann gar nicht nötig. Doch bleibt sie unerkannt, kann es schlimm enden: “Ohne rechtzeitige Behandlung kommt es häufiger zu Amputationen und erhöhter Sterblichkeit”, warnt Dr. Makowski.

Die Moral von der Geschicht? Wer auf seine Beine achtet, sollte auch mal an seine Arme denken. Und wenn beim Blutdruckmessen links und rechts nicht dasselbe rauskommt, sollte das nicht als Laune der Natur abgetan werden. Manchmal will der Körper einem eben etwas sagen – und dann ist es besser, zuzuhören.

Foto (UKM/Ibrahim): Iris Noack (Mitte) ist pAVK-Patientin. Zunächst litt sie an dem Gefäßverschluss in den Beinen, später auch an der selteneren Ausprägung in den Armen. Hilfe bekam die 63-jährige Borkenerin in der Angiologie am UKM. Prof. Nasser Malyar (li.) und Dr. Lena Makowski haben sie dort begleitet.

Teilen