Familie

„Meine Tochter liebt ihre Oma mehr als mich und das zerreißt mich“.

Erzähl mir dein Leben:

„Erzähl mir dein Leben“ ist der Ort, an dem Menschen ihre ganz persönliche Geschichte teilen. Ob große Herausforderungen, kleine Freuden, unerwartete Wendungen oder mutige Entscheidungen – hier findet jede Lebensgeschichte ihren Raum. Durch das Erzählen entdecken wir uns selbst und können auch anderen helfen.

Plötzlich war Hannah nur noch die Zweitbesetzung und ihre Schwiegermutter war die Nummer 1. Logisch, Omas sind zum Verwöhnen da, Mütter zum Erziehen. Oder?

Hannah (42):
Meine Tochter Leni ist jetzt acht Jahre alt. Ich habe sie immer sehr innig geliebt, wir hatten ein enges Band. Aber als sie ungefähr fünf war, hat meine Schwiegermutter angefangen, immer mehr Zeit mit ihr zu verbringen. Sie hat Leni oft abgeholt, ihr Geschenke gemacht, ihr Lieblingsessen gekocht, ihr kleine Überraschungen vorbereitet. Meine Schwiegermutter ist eine warmherzige, energiegeladene Frau, alle Kinder lieben sie sofort. Und Leni hat sie vom ersten Tag an vergöttert.

Minerva VISION:
Wann hast du gemerkt, dass dich das so stark trifft?

Hannah:
Es war ein Nachmittag nach der Schule. Wir wollten Leni abholen, aber sie lief mit strahlenden Augen zur Oma und rief: „Oma, ich will heute bei dir schlafen!“ Ich stand daneben und in dem Moment fühlte ich mich… ausgetauscht. Wie ein Platzhalter. Ich dachte: „Warum nimmt sie mir mein Kind weg?“

Minerva VISION:
Wie bist du damit umgegangen?

Hannah:
Anfangs habe ich versucht, mich zusammenzureißen. Ich sagte mir immer wieder, dass es doch schön sei, wenn Leni so eine enge Beziehung zur Oma hat. Aber innerlich kochte es. Ich war nicht nur traurig oder eifersüchtig, ich war auch wütend. Wütend auf meine Schwiegermutter, weil sie mir meine Tochter „wegzunehmen“ schien. Aber ehrlich gesagt war ich auch wütend auf Leni. Ich weiß, als Mutter darf man das eigentlich nicht sagen, oder man glaubt, man dürfe es nicht. Aber da war dieser Gedanke: „Na warte, dir zeige ich es!“ Statt ihr nachzulaufen, habe ich mich entzogen. Wurde kühler, kälter. Ich dachte, ich mache mich so interessanter, unwiderstehlicher. Aber mein Rückzug hatte den gegenteiligen Effekt: Leni hat noch mehr Zeit bei der Oma verbracht, weil sie dort die Wärme fand, die ich ihr gerade verweigerte. Ich ertappte mich sogar dabei, wie ich heimlich hoffte, dass Leni irgendwann enttäuscht wird — einfach nur, damit sie wieder zu mir kommt.


Weitere Themen:

Minerva VISION:
Gab es Momente, in denen du aktiv gegen deine Schwiegermutter gehandelt hast?

Hannah:
Ja. Ich habe Treffen abgesagt, Ausreden erfunden, warum Leni nicht zur Oma kann. Ich habe sogar einmal behauptet, Leni sei krank, damit sie den Nachmittag mit mir verbringt. Aber selbst dann hat sie gefragt: „Kann Oma trotzdem kommen?“ Ich habe mich gefühlt wie die zweite Wahl. Das tat weh

Minerva VISION:
Hast du mit deiner Schwiegermutter darüber gesprochen?

Hannah:
Irgendwann konnte ich nicht mehr. Ich habe sie in einem ruhigen Moment angesprochen. Ich habe geweint und ihr gestanden, wie ausgeschlossen ich mich fühle. Sie war geschockt und sagte: „Ich kann doch das Kind nicht weniger lieben. Ich kann sie doch nicht weniger in mein Herz schließen, nur weil es dich verletzt. Mamas sind nunmal zum Erziehen da und Omas zum Verwöhnen. Das ist nunmal so.“

In diesem Moment hoffte ich auf Verständnis, auf eine warme Umarmung, auf Worte wie „Ich wusste nicht, dass es dir so weh tut“ oder „Wir finden einen Weg“. Aber stattdessen stand ich da und fühlte mich wieder allein. Ich hatte das Gefühl, meine Not wurde nicht gesehen. Meine Schwiegermutter war fest überzeugt, dass ihre Rolle selbstverständlich und unantastbar ist. Für sie war alles ganz einfach: Ich als Mutter muss „erziehen“, sie als Oma darf „verwöhnen“. Verzweifelt suchte ich das Gespräch mit meinem Mann. Ich dachte, wenigstens er würde mich verstehen, mir beistehen, mich auffangen. Aber er war auf der Seite seiner Mutter.
Er sagte nur: „Du übertreibst. Freu dich doch, dass Leni so eine tolle Beziehung zu meiner Mutter hat. Andere würden sich das für ihr Kind wünschen.“

Ich hatte das Gefühl, in meinem eigenen Zuhause keinen Platz mehr zu haben. Ich funktionierte nur noch: machte Frühstück, brachte Leni zur Schule, erledigte den Haushalt. Ich war körperlich anwesend, aber innerlich wie betäubt. Jede kleine Freude, die sie mit ihrer Oma teilte, stach mir ins Herz wie ein winziger, aber giftiger Dorn. Manchmal saß ich abends in der Küche, starrte in meine Teetasse und fragte mich: „Habe ich sie schon längst verloren?“

Irgendwann wurde mir klar, dass ich so nicht weitermachen konnte. Ich machte einen Termin bei meiner Hausärztin, einfach, weil ich dachte, vielleicht brauche ich nur ein paar gute Ratschläge, ein bisschen Aufmunterung. Aber als ich in ihrem Sprechzimmer saß, brach alles aus mir heraus. Ich weinte, erzählte von meiner Wut, meiner Eifersucht, meiner Kälte gegenüber Leni.

Meine Ärztin hörte still zu. Dann sah sie mich ernst an und sagte: „Frau H., das ist viel größer, als Sie denken. Ich empfehle Ihnen dringend, eine Therapie zu machen, bevor das Ihr ganzes Leben weiter bestimmt.“ Ich warte gerade auf meinen Platz und hoffe, ich bekomme dort Hilfe.

Der Kommentar von Nina, unserem Selbsthilfe-Coach: Es geht nicht um Exklusivität.

Viele Eltern glauben, sie müssten immer stark, fehlerlos und „richtig“ sein. Sie versuchen, ihre Unsicherheiten und Ängste zu verbergen, aus Angst, die Liebe des Kindes zu verlieren. Doch gerade dieses Verstecken trennt uns von unseren Kindern. Lass mich erklären, was dort gerade geschieht.

Dein Rückzug war ein Versuch, dich selbst zu schützen. Du wolltest deine Verletzlichkeit nicht zeigen, hast dich dafür entschieden, dich zu entziehen, möglicherweise auch mit dem Hintergedanken, dass sich ein Entzug interessanter macht. Das wird später in der Therapie ein wichtiger Hinweis für dich und die Beziehung zu deinen Eltern sein. Kam das dort auch so vor? Hast du einen Elternteil vermisst und dich deshalb besonders an ihn gebunden?

Ich finde es wichtig, dass du den Weg in eine Therapie gehst. Damit übernimmst du Verantwortung, nicht nur für deine Mutterrolle, sondern vor allem für dich selbst. Verantwortung bedeutet nicht, sich schuldig zu fühlen oder sich zu schämen, sondern bereit zu sein, aus den eigenen Gefühlen zu lernen.

Dein größtes Problem ist nämlich nicht, dass Leni die Oma liebt. Dein größtes Problem ist, dass du dich selbst nicht genug liebst, um den Schmerz auszuhalten und trotzdem offen zu bleiben. Liebe zu einem Kind ist keine Frage von Exklusivität. Die Liebe deines Kindes zur Oma schmälert nicht deine Bedeutung. Viele Eltern glauben (oft unbewusst), dass die Liebe des Kindes eine Art Nullsummenspiel ist:

„Wenn mein Kind jemand anderen liebt, bekomme ich weniger.“

Aber so funktioniert Liebe nicht. Liebe ist keine Torte, die man in Stücke teilt, sondern eher ein Feuer, das größer wird, je mehr man es teilt. Wenn Leni ihre Oma liebt, verlierst du nichts, du bist die Mutter und bleibst dadurch einzigartig. Aber Leni gewinnt. Sie erweitert ihr eigenes Beziehungsnetz. Diese zusätzlichen Bindungen machen Kinder emotional reicher, sicherer und widerstandsfähiger.

Deine Geschichte ist es wert, erzählt zu werden. Egal, ob du selbst schreibst oder liest – „Erzähl mir dein Leben“ verbindet uns alle durch das, was uns am meisten ausmacht: unsere Erfahrungen. Du möchtest deine Geschichte erzählen? Dann schreib uns eine Mail an: redaktion@minerva-vision.de.

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