“Mein Mann lässt uns im Stich!”
Erzähl mir dein Leben:
„Erzähl mir dein Leben“ ist der Ort, an dem Menschen ihre ganz persönliche Geschichte teilen. Ob große Herausforderungen, kleine Freuden, unerwartete Wendungen oder mutige Entscheidungen – hier findet jede Lebensgeschichte ihren Raum. Durch das Erzählen entdecken wir uns selbst und können auch anderen helfen.
Minerva-vision.de
Liane, du hast dich bei uns gemeldet, weil du um deinen Sohn kämpfst – und dich gegen eine Familie stellen musst, die eigentlich deine eigene ist. Was ist passiert?
Liane:
Mein Sohn ist 18. Und er ist von mir weggezogen – zu meinem Bruder und seiner Frau. Genauer gesagt: zu meiner Schwägerin. Sie hat ihn überredet. Es war wie ein Sog, gegen den ich nichts ausrichten konnte. Und ich stand da – als Mutter – und konnte zusehen, wie man mir mein Kind entzieht. Nicht mit Gewalt, aber mit Worten. Mit Versprechungen. Mit der Andeutung, dass es woanders „leichter“ sei, „normaler“. Aber mein Sohn ist nicht einfach.
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Was meinst du damit?
Liane:
Er hat einen Pflegegrad. Wegen ADHS und einer leichten Asperger-Problematik. Ich habe ihn über Jahre begleitet, unterstützt, geschützt, ihn durch die Schulzeit gebracht, durch Therapieprozesse, durch Zeiten, in denen er sich selbst nicht verstanden hat. Er ist sogar aus der Förderschule herausgeworfen worden. Aber nachher haben wir es geschafft, er macht gerade sein Fachabitur. Ich habe halbtags gearbeitet, um für ihn da zu sein. Ich war seine Bezugsperson. Und dann, von einem Tag auf den anderen, war er weg.
Minerva-vision.de:
Wie kam es dazu?
Liane:
Die Frau meines Bruders hat ihn überredet. Ich glaube, es lag am Geld. Meinen Schwiegereltern sagte sie, bei ihr gäbe es mehr Struktur, mehr Disziplin. Ich würde mich nicht gut kümmern und ihm Probleme einreden, aber sie würde sich besser kümmern. Mit ihm morgens frühstücken und so. Und dann wär er ein ganz normaler Junge, er brauche nur eine feste Hand. Meinem Sohn sagte sie, ich würde ihn einschränken. Ihr Sohn hat meinen Sohn ebenfalls bearbeitet. Und wie viele junge Erwachsene war er empfänglich für diese Idee von Unabhängigkeit. Die beiden haben ihn überzeugt. Und dann ist er ausgezogen. Noch am selben Tag wurde der Pflegegrad auf meine Schwägerin übertragen. Und mein Sohn hat mich auf Unterhalt verklagt. Ich war sprachlos.
Minerva-vision.de:
Wie hast du reagiert?
Liane:
Ich war erschüttert. Aber ich habe funktioniert. Ich habe eine Ganztagsstelle angenommen, um den Unterhalt zahlen zu können. Er ist mein Kind. Ich liebe ihn und ich will ihn ja auch unterstützen. Aber er war auf einmal weg und ich habe manche Nacht durchgeweint. Er meldet sich kaum, ist ein ganz anderer. Man muss dazu sagen, dass er extrem leicht beeinflussbar ist, durch die Asperger-Problematik. Aber ich habe nicht geahnt, was passieren würde, wenn man ihn plötzlich alleinlässt, ohne Schutz, ohne Halt, ohne das Wissen um seine besondere Art zu fühlen und zu denken.
Minerva-vision.de:
Was ist dann passiert?
Liane:
Meine Schwägerin setzte die Medikamente ab. Sagte, er sei gesund. Alles, was ich ihm „eingeredet“ hätte, sei Unsinn. „Der Junge braucht nur eine strenge Hand.“ Aber das ist keine Pädagogik, das ist Dressur und das funktioniert bei ihm nicht. Strenge habe ich versucht, da hat er gedroht, sich aus dem Fenster zu stürzen. Es liegt an dem Asperger-Syndrom. Diese Menschen kommen mit Druck nicht zurecht, ich musste das auch erst lernen. Aber sie brauchen Führung. Die bekam er aber nicht, sie ließen ihn einfach laufen. Innerhalb von Wochen hat er sich eine Kreditkarte besorgt – 1000 Euro Schulden. In der Schule sackte er ab. Er lief ziellos herum, kam mit Menschen in Kontakt, die ihm nicht guttaten. Am Ende geriet er unter den Einfluss von Drogendealern. Er hat für sie verkauft. Und dann hat die Polizei das Haus meines Bruders gestürmt.
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Wie ist sein Vater damit umgegangen?
Liane:
Gar nicht. Mein Exmann hat sich nie wirklich gekümmert. Schon früher war er emotional abwesend. In einer Familienberatung hat unsere damalige Therapeutin einmal gesagt: „Auf Ihren Mann können Sie nicht zählen. Der läuft vor der Verantwortung davon.“ Und genau das ist es. Er war nie da – weder für mich, noch für unseren Sohn. Aber jetzt, da die Situation eskaliert, wäre doch der Moment gekommen, sich wenigstens einmal zu zeigen, oder?
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Wie meinst du das?
Liane:
Nachdem ich erfahren habe, dass meine Schwägerin meinen Sohn nun in eine Wohngruppe abschieben will, weil es ihr zu viel wird, habe ich meinem Exmann geschrieben. Ich habe gesagt: „Bitte, schick ihn nicht einfach irgendwohin. Schick ihn zu mir. Ich kümmere mich.“ Seine Antwort war: „Es kann sich ja nicht immer alles um den Jungen drehen. Der ist alt genug.“ Und als ich geantwortet habe: „Und wenn ihm etwas passiert?“, da schrieb er nur: „Dann ist das halt so.“
Minerva-vision.de:
Wie hast du dich in dem Moment gefühlt?
Liane:
Ich konnte nicht glauben, dass ein Vater so über sein eigenes Kind spricht. Mein Sohn ist 18, ja. Aber er ist nicht wie andere 18-Jährige. Er braucht Orientierung, Struktur, Sicherheit. Und keine Gleichgültigkeit. Ich habe wirklich gehofft, dass da noch etwas kommt. Ein Funke. Aber es kam nichts.
Minerva-vision.de:
Und du – was wirst du tun?
Liane:
Ich werde weiterkämpfen. Für meinen Sohn. Auch wenn ich gerade außen vor bin. Ich organisiere Hilfe, suche Beratung, halte den Kontakt so gut es eben geht. Und ich bin da. Weil ich ihn liebe. Weil ich seine Mutter bin.
Minerva-vision.de:
Wie geht es ihm heute?
Liane:
Er ist verloren. Innerlich. Er fühlt sich bei meiner Schwägerin nicht wohl. Er sagte zu mir, er würde mit denen nicht reden, er wäre nur in seinem Zimmer. Er will aber auch nicht zu mir zurück. In eine Wohngruppe will er auch nicht. Er will alleine leben. Aber er braucht jemanden, der ihn wirklich kennt. Jemanden, der sein Verhalten versteht. Ich hoffe, der Prozess geht mit einer Begutachtung einher. Und vielleicht hilft uns das ja weiter. Das wäre wenigstens etwas Glück im Unglück.
Der Kommentar von Nina, unserem Selbsthilfe-Coach: Wenn Verantwortung missverstanden wird.
Die Geschichte von Liane ist ein Lehrstück darüber, wie tiefgreifend Verantwortung in Familien missverstanden wird. Und das passiert nicht, weil Menschen böse sind. Sondern weil sie überfordert, bequem oder beziehungslos handeln.
Ihr Sohn ist, wie viele junge Menschen mit einer neurodiversen Wahrnehmung, nicht “schwieriger”, sondern sensibler. Das ist ein großer Unterschied. Er braucht kein strengeres Reglement, sondern verlässlichere Beziehungen. Menschen, die ihn wirklich sehen. Die nicht nur fordern, sondern sich einlassen. Die nicht „erziehen“, sondern begleiten. Was mich besonders betroffen macht, ist der Umgang des Vaters, dieses erschreckend gleichgültige „Dann ist das halt so“. In meinen Augen ist das kein Mangel an Gefühlen, sondern ein Mangel an Verantwortungsbewusstsein. Sie bedeutet, anwesend zu sein – emotional, menschlich, im Gespräch. Alles andere ist ein emotionaler Rückzug, der mit der Reife eines Erwachsenen wenig zu tun hat.
Auch die Schwägerin hat versprochen, etwas zu leisten, das sie nicht verstanden hat: Führung ist nicht Kontrolle. Und Liebe ist nicht Leistung. Wenn man einem Menschen seine Medikamente nimmt, ihn seiner Diagnose abspricht, ihm die Realität aber nicht erklärt, dann hat man ihn nicht gestärkt, sondern entwurzelt. Man hat ihm den Kompass genommen, bevor man ihn auf See schickt. Liane hingegen zeigt, was wahre elterliche Verantwortung bedeutet: nicht Recht zu haben, sondern bereit zu sein. Für Liebe ohne Bedingung. Für Geduld, wenn alle anderen aufgeben. Für die Bereitschaft, nicht abzuschließen, nur weil ein Kind sich verweigert. Das ist Beziehung. Und das ist es, was Kinder langfristig heilt.
Mein Rat an Liane – und alle, die ähnliches erleben:
Bleibt in Beziehung. Auch wenn es schmerzt. Auch wenn es ungesehen bleibt. Dein Sohn testet Grenzen, aber am Ende zählt nur eines: ob da jemand ist, der nicht aufgibt. Und das sind in den meisten Fällen nicht Pädagogen, nicht Therapeuten, sondern die Mutter.
Deine Geschichte ist es wert, erzählt zu werden. Egal, ob du selbst schreibst oder liest – „Erzähl mir dein Leben“ verbindet uns alle durch das, was uns am meisten ausmacht: unsere Erfahrungen. Du möchtest deine Geschichte erzählen? Dann schreib uns eine Mail an: redaktion@minerva-vision.de.




