Mindful Moments

„Ich dachte, es liegt an mir, bis ich am Boden lag“

Erzähl mir dein Leben:

„Erzähl mir dein Leben“ ist der Ort, an dem Menschen ihre ganz persönliche Geschichte teilen. Ob große Herausforderungen, kleine Freuden, unerwartete Wendungen oder mutige Entscheidungen – hier findet jede Lebensgeschichte ihren Raum. Durch das Erzählen entdecken wir uns selbst und können auch anderen helfen.

Therese hatte einen Streit mit ihrem Ehemann, der eskalierte. Sie ist fassungslos.

Minerva VISION: Therese, du hast etwas erlebt, das viele Frauen nicht mal ihrer besten Freundin anvertrauen würden. Was ist passiert?

Therese: Es war ein ganz normaler Abend, jedenfalls dachte ich das. Mein Mann war wieder beim Sportverein, wie so oft. Ich saß zu Hause mit den Kindern. Ich habe gekocht, aufgeräumt, die Kinder ins Bett gebracht. Dann saß ich da — allein — und habe angefangen, ein Glas Rotwein zu trinken. Nur ein Glas, dachte ich. Aber dann wurde es eine ganze Flasche. Als er spät nach Hause kam, war ich wütend. Ich schrie ihn an, dass er nie da sei, dass ich mich allein fühle. Er wurde laut, ich auch. Und dann… hat er mich geschubst. Ich bin gefallen, habe mit dem Auge die Tischkante getroffen.

Minerva VISION: Das klingt unglaublich schmerzhaft, körperlich und seelisch.

Therese: Ja. Ich lag da auf einmal am Boden und wusste: Jetzt ist eine Grenze überschritten. Ich hatte eine Platzwunde, es hat stark geblutet. Ich habe die Polizei gerufen. Ich wusste gar nicht, ob ich das darf, ob ich übertreibe. Aber ich konnte nicht mehr.

Minerva VISION: Wie haben die Polizisten reagiert?

Therese: Sie waren ruhig, aber bestimmt. Sie sahen sich die Wunde an, hörten sich alles an. Mein Mann sagte, ich sei betrunken und hätte überreagiert. Aber sie sahen das Blut in meinem Gesicht und er musste die Wohnung verlassen. Für zehn Tage. Ich konnte es kaum glauben. Sie haben ihn zum Auto begleitet.

Minerva VISION: Und wie ging es dir damit?

Therese: Das war so surreal. Ich fühlte mich leer, beschämt, gleichzeitig auch ein bisschen erleichtert. Ich wusste: Jetzt passiert endlich etwas. Aber ich wusste auch nicht: Was jetzt? Ich bin hin- und hergerissen.

Minerva VISION: Viele Frauen geben sich selbst die Schuld. Geht es dir auch so?

Therese: Ja. Ich denke ständig: „Vielleicht hätte ich nicht trinken sollen.“ Oder: „Ich hätte nicht so laut werden dürfen.“ Ich suche die Fehler bei mir. Dabei war es nicht das erste Mal, dass er mich angeschrien hat. Aber diesmal ist es körperlich geworden.

Minerva VISION: Was wünschst du dir gerade?

Therese: Klarheit. Ich möchte wissen: Soll ich ihm noch eine Chance geben? Wie geht es weiter mit uns? Gleichzeitig möchte ich stark sein für meine Kinder. Ich möchte ihnen zeigen, dass man sich nicht alles gefallen lassen muss. Aber ich habe Angst. Angst, allein zu sein. Angst, Fehler zu machen.

Minerva VISION: Gibt es etwas, das du anderen Frauen in ähnlichen Situationen sagen würdest?

Therese: Bitte rede mit jemandem. Egal, ob Freundin, Therapeutin oder Beratungsstelle. Ich habe zu lange geschwiegen, mich geschämt. Ich dachte, ich müsste das alles alleine schaffen. Aber wir müssen nicht stark sein um jeden Preis. Es ist kein Zeichen von Schwäche, Hilfe zu holen, sondern von Selbstachtung.

Der Kommentar von Nina, unserem Selbsthilfe-Coach: „Du bist nicht schuld, du bist wichtig“

Wenn ich Thereses Geschichte höre, schnürt es mir das Herz zu. So viele Frauen (und auch Männer) stecken in Beziehungen fest, in denen sie sich selbst verlieren. Therese hat jahrelang versucht, die Familie zusammenzuhalten. Sie hat geschluckt, harmonisiert, sich selbst beruhigt und irgendwann zur Weinflasche gegriffen. Das ist kein persönliches Versagen, sondern ein verzweifelter Versuch, den Schmerz und die Einsamkeit zu betäuben.

Aber: Niemand, wirklich niemand, hat es verdient, körperlich oder seelisch verletzt zu werden. Liebe heißt nicht: „Ich halte alles aus.“ Liebe heißt auch: „Ich setze Grenzen.“

Viele Frauen glauben, sie müssten „perfekt“ sein, um geliebt zu werden. „Wenn ich nur netter, leiser, schöner wäre, würde er mich nicht so behandeln.“ Das ist ein gefährlicher Irrtum. Kein Mensch muss sich anpassen, um Liebe zu verdienen. Wahre Liebe ist kein Handel. Therese hat eine Grenze gezogen und das war ein unglaublich mutiger Schritt. Auch wenn sie jetzt schwankt, zweifelt, sich schämt: Dieser Schritt war ein Akt der Selbstachtung.

Wir müssen uns immer wieder fragen: „Wo habe ich gelernt, dass ich für Harmonie meine Bedürfnisse opfern muss?“ „Warum glaube ich, dass ich nicht genug bin, so wie ich bin?“ Es ist an der Zeit, das eigene innere Kind zu sehen. Dieses kleine Mädchen in Therese, das sich nur nach Schutz, Nähe und echter Liebe sehnt. Dieses Mädchen braucht keine ständige Anpassung — es braucht Sicherheit.

Ich wünsche Therese (und allen Frauen in ähnlichen Situationen), dass sie erkennt:

  • Du bist nicht schuld.
  • Du darfst wütend sein.
  • Du darfst Hilfe annehmen.
  • Du bist wichtig.

Denn am Ende geht es nicht nur um das Überleben in einer Beziehung. Es geht darum, das eigene Leben wieder selbst in die Hand zu nehmen. Und darum, endlich die Frau zu sein, die man immer sein wollte: stark, klar, lebendig und frei.

Deine Geschichte ist es wert, erzählt zu werden. Egal, ob du selbst schreibst oder liest – „Erzähl mir dein Leben“ verbindet uns alle durch das, was uns am meisten ausmacht: unsere Erfahrungen. Du möchtest deine Geschichte erzählen? Dann schreib uns eine Mail an: redaktion@minerva-vision.de.

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